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Besuch bei Gabriele Strehle : Es muss nicht die Mode sein

Früher war immer alles organisiert und verplant. „Mal Zeit zu haben, in Museen und Galerien zu gehen – das öffnet den Kopf“, sagt sie. „Jetzt kann ich Dinge machen, die ich früher zurückgestellt habe. Ich versuche, meinen Weg zu finden.“ Das fängt mit den einfachsten Beobachtungen an. An ihrer Tochter und deren Freunden erkennt sie, dass sich junge Leute an schlichten Dingen erfreuen: „Gulasch? Cool!“ Vor Weihnachten fragte sie ihre Tochter, was sie denn zum Fest essen wolle. Claras Antwort: „Kasspatzen.“ Das klang doppelt nach Heimat. Weil noch ihre Tochter den Allgäuer Ausdruck für Käsespätzle verwendet. Und weil das Gericht für das einfache, aber gute Leben ihrer Kindheit steht, über das sie in ihren Erinnerungen „Ob ich das schaffe“ schreibt, ihre Mutter habe jede Konfitüre, jedes Spätzle, jeden Krapfen „von Grund auf selbst gemacht“.

Das klingt nach handgearbeiteter Rückbesinnung auf das Wahre, Schöne, Gute. Nostalgisch ist sie aber nicht. „Ich möchte offen sein“, sagt Gabriele Strehle. „Es muss nicht die Mode sein. Das Ganzheitliche ist viel wichtiger als in den Neunzigern. Damals war es die Klamotte. Wie man heute lebt, sich fühlt, sich kleidet, das ist ein Gesamtpaket.“ Sie hat auch schon Porzellan gestaltet, für Loewe sogar einen Fernseher. Und jetzt gibt es viele Anfragen. Die meisten scheitern schon daran, dass sie sich nicht gleich mit einem anderen Namen verbinden will. „Ich möchte wieder verliebt sein in ein Projekt. Ich habe viele Ideen im Kopf, aber lasse mir Zeit. Die Idee muss mit mir zu tun haben.“

Und was jetzt? Gabriele Strehle im Jahr 2006.

An Journalisten, Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter hat sie im Dezember einen Abschiedsbrief geschrieben, wegstehlen wollte sie sich nicht. „Auf eigenen Wunsch“, so schrieb sie, verlasse sie das Unternehmen, „mit Dankbarkeit für alles, was mir dort ermöglicht wurde“. Auf die Zeilen bekam sie „eine tolle Resonanz“, auch von ehemaligen Mitarbeitern, obwohl sie ihrem Team häufig genug Tag-und-Nacht-Arbeit abverlangte.

Zweimal an diesem Nachmittag der Rückschau und Vorschau werden ihre Augen feucht. Einmal, als sie erzählt, dass eine Frau um die 50 sie vor kurzem in der Stadt ansprach: „Sind Sie Frau Strehle?“ – „Ja.“ – „Bitte machen Sie weiter! Meine Freundinnen und ich wissen ja gar nicht mehr, wo wir einkaufen sollen.“ Und einmal, als sie vom Abschied von ihren Mitarbeitern erzählt. Sie schenkten ihr eine Kaschmirdecke und einen Blazermantel in Anthrazit, von ihr entworfen, mit dem handschriftlichen Namenszug „Gabriele Strehle“. Den trägt jetzt Clara.

Überhaupt: die Tochter, „Clara Maria Franziska“, wie sie manchmal ironisch ruft. „Es ist ein großes Glück für mich, dass sie mit ihrer unglaublichen Kreativität und Neugierde da ist.“ Gemeinsam arbeiten die beiden schon an einem kleinen privaten Projekt. Clara hat das Buch in der Hand, schön eingebunden, „Alltagsglück“ steht darauf. Sie sammelt Erkenntnisse, Erfahrungen, Erlebnisse der Mutter und schreibt sie auf. Meist sind es die ganz einfachen Dinge, dass man Muskat zum Spinat gibt, wie man Rotweinflecken aus der Kleidung bekommt, wie man einen Kragen annäht, wie man Kalkränder an Vasen beseitigt, wie man überhaupt früher alles gemacht hat. „Motten, Milchreis, Wachsflecken, lauter so Zeugs“, sagt Clara. „Dinge, die verloren gehen“, sagt Gabriele Strehle. Sie hat da viel zu erzählen.

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