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Berliner Modewoche : Scharfe Schnitte

Kaviar Gauche Bild: dpa

Am zweiten Abend der Mercedes Benz Fashion Week liefert Dirk Schönberger in seiner vierten Kollektion für Joop einen starken Auftritt, während sich Kaviar Gauche freizügig gibt und Strenesse Blue den Modefan Boris Becker irritiert.

          Julia Stegner hat einen langen Weg hinter sich. London, München, Berlin, Paris, Berlin in ein paar Tagen - so muss man sich das Leben des neuen Gesichts der Berliner Modewoche zwischen Haute Couture und RTL-Interview vorstellen. Das 24 Jahre alte deutsche Model, das aus München stammt, in New York lebt und auf den wichtigsten Laufstegen zu sehen ist, scheint ihre Bestimmung in der neuen deutschen Modehauptstadt gefunden zu haben. Ja, sagt sie, sie suche, neben ihrem Hauptwohnsitz Manhattan, eine Zweitwohnung in Berlin, am besten am Prenzlauer Berg. Am Wochenende will sie suchen - „wenn ich nicht wieder arbeiten muss“. So wird das mit der Wohnungssuche natürlich nichts!

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Julia Stegner, die eine neue Generation deutscher Models wie Luca Gadjus, Toni Garrn und Katrin Thormann anführt, hat eben ein Gespür für den Zeitgeist - und der weht in Richtung Berlin. Das hat die Marke Joop ebenfalls längst entdeckt, bei deren Schau das Model am Donnerstag abend in der ersten Reihe sitzt, gleich neben Bürgermeister Klaus Wowereit. Dirk Schönberger, seit zwei Jahren Kreativdirektor der Marke, die vor sechs Jahren von ihrem Gründer verlassen wurde, wohnt ebenfalls in Berlin - und holt zur Modewoche auch seine Marke hierher, die eigentlich in Hamburg sitzt, in Bielefeld die Damen- und in der Schweiz die Herrenkollektion entwirft.

          Starker Auftritt für Joop

          Es ist der zweite Abend der „Mercedes Benz Fashion Week“. Nach dem Auftakt von Boss am Mittwoch abend im Tropenhaus des Botanischen Gartens wartet das hoffnungslos überbuchte Museum im Hamburger Bahnhof auf einen starken Auftritt. Und den liefert Schönberger in seiner vierten Kollektion für Joop (und dem dritten Defilee in Berlin) wirklich. Im vergangenen Sommer hatte er noch viele Freunde seiner Marke irritiert, weil die Joop-Jeans-Kollektion, die er damals zeigte, allzu viele Ideen durcheinander würfelte. Nun konzentriert er sich auf das Wesentliche, also scharf geschnittene Anzüge für Männer, gute Basics für die Frauen, schöne Ledertaschen.

          Kaviar Gauche Bilderstrecke

          Aber er bringt nicht nur Konfektion in die von Josef P. Kleihues entworfene Halle - sondern auch Gegenwartskunst. Der Titel „Auto Erotic“ bezieht sich auch auf Autos. Die Kollektion ist so stark choreographiert, wie man es sonst nur bei den wirklich wichtigen Marken in Paris oder Mailand sieht. Hinter den Entwürfen steht die Idee, den Futurismus 90 Jahre nach seinem ersten Manifest ins Textile zu übersetzen. Dabei hilft die treibend-avantgardistische Musik, unter anderem das so verhalten wie die ersten schwarzen Entwürfe beginnende „Fordlandia“ von Johann Johannsson, die Techno-Klassiker von Carl Craig und Moritz von Oswald sowie die Experimentalmusik von Holger Hiller. Und den Überbau bekommt der Abend durch Schönbergers Geschick, die Mainstream-Entwürfe mit sparsam eingesetzten Effekten aufzuwerten.

          Heike Makatsch, Hannelore Elsner und Martina Gedeck in der ersten Reihe

          Da sind die Pumphosen - die, wenn sie denn überhaupt in den Laden kommen, wie Blei in den Regalen liegen werden, obwohl sie nur aus beschichteter Baumwolle sind. Da sind die engen Kragen aus Leder, die nahelegen, dass der Mann unter dem Anzug von den Stiefeln bis zum Hals in Leder steckt, was ein paar Gedanken an Fetischismus wachruft, die Schönberger aber in seiner Mode nicht sehen will. Und da sind Sondereffekte wie ein Shiftkleid mit Trägern aus 30 übereinander gelegten halben Reißverschlüssen, ein Kurzmantel mit Fledermausärmeln oder die unvermeidlichen Ankle-Boots. Viele Motive also, die dieses Mal aber ein Dach haben, ein Autodach, wenn man so will, eine Vorstellung von Automobilpionieren, die mit zugezurrten Lederjacken auf die Piste gehen. Nur dauert die rasante Fahrt durch die Mode-Ideengeschichte dieses Mal ein bisschen zu lange.

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