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Berliner Modewoche : Dieses Design steht dem Denim

Kostas Murkudis (mitte), Geschäftsführer Gordon Giers (links) und Til Nadler in dem alten Straßenbahndepot, das ihnen als Atelier dient. Bild: Bode, Henning

Einst war Closed eine Jeansmarke. Jetzt wird das Label modischer - mit Kostas Murkudis als Chefdesigner.

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          Meist sind es komplizierte Geschichten zwischen Modemachern und Modeunternehmern. Aber als diese beiden sich vor einem Jahr kennenlernten, war alles ganz einfach. „Wir verstanden uns gleich“, sagt Gordon Giers, der Unternehmer. „Wir brauchten nur zwei, drei Sätze“, sagt Kostas Murkudis, der Designer. Und schon begann die Arbeit an einem der spannendsten Projekte der deutschen Mode.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Am Dienstag hat es während der Berliner Modewoche Premiere. Und das ist wohl gleich doppelt ironisch zu verstehen. Denn Murkudis wohnt zwar in Charlottenburg, aber von der Wichtigtuerei der Berliner Gründer-Szene hält er nicht viel. Und Gordon Giers ist seit Geburt Hamburger - weshalb die Zentrale der Marke Closed, die er mit seinen alten Freunden Til Nadler und Hans Redlefsen betreibt, im Stadtteil Eppendorf liegt, auf 1500 Quadratmetern eines ehemaligen Straßenbahndepots, in dem seit sechs Jahren Ateliers, Büros und Showrooms sind. Man kann sich vorstellen, dass Murkudis ganz gerne öfters hierher fährt, um Abstand zur Hauptstadt zu gewinnen.

          „Denim und Design sind kein Widerspruch“

          Und um an einer Lebens- oder wenigstens Lebensabschnittsaufgabe zu arbeiten. Seit einem halben Jahr ist er „Creative Director“ der Marke, die früher nur für Jeans bekannt war und inzwischen auch für - ja, für was eigentlich? Urbanwear? Sportswear? Casualwear? Workwear? Military? Giers fällt dazu das Wort „Contemporary“ ein, also jenes modische Segment bezahlbarer und tragbarer Mode, das gerade so gut läuft. Es ist nur logisch, dass viele Jeans- und Sportswear-Marken in die Mode streben, weil man leichter in die Modezeitschriften kommt, den Namen besser vermarkten und mehr Begehrlichkeiten wecken kann als durch schnöde Jeans.

          Schon falsch gedacht! „Denim und Design sind kein Widerspruch“, sagt Murkudis. „Closed waren die ersten wirklichen Designerjeans. Das eine schließt das andere nicht aus.“ So geht er also, um weiterzukommen, an den Ursprung zurück.

          Die Marke wurde einst in Italien gegründet und gehörte dank des früh eingesetzten Stonewashed-Verfahrens zu den Denim-Pionieren. Günther Giers, der in den Achtzigern den Vertrieb in Deutschland und Benelux betreute, kaufte mit Hans Leplow die Markenrechte, als die italienische Holding 1992 in Konkurs ging. Giers’ Sohn Gordon stieg 1997 ein, und 2004 wiederum übernahm er mit seinen Jugendfreunden die Firma. Die drei geschäftsführenden Gesellschafter bauen sie systematisch aus. Bei immer mehr Teilen in vier Damen- und vier Herren-Kollektionen pro Jahr könnte am Ende keine Linie mehr zu erkennen sein. Daher suchten sie für das achtköpfige Designteam einen Chef, der Autorität hat, der sich aber auch die bisherige Aussage anhört, um ihr einen eigenen Akzent zu geben.

          Heute interessiert ihn die Kunst

          Murkudis, der sich nichts mehr beweisen muss, passt ins Profil. Den Wunsch nach Internationalität erfüllt er doppelt und dreifach. Denn erstens hat der Designer, dessen Eltern vor dem griechischen Militärregime nach Dresden geflohen waren und der im „Tal der Ahnungslosen“ aufwuchs, bevor die Familie Anfang der Siebziger nach West-Berlin übersiedelte, noch immer einen griechischen Pass. Zweitens hat er in seiner Karriere oft im Ausland gearbeitet: in Österreich bei Helmut Lang, dessen Assistent er von 1987 bis 1992 war; in Italien, wo er unter anderem als Chefdesigner für „New York Industries“ (2000 bis 2003) tätig war; in Paris, wo er noch vor einem Jahr dem Designer Nicolas Ghesquière drei Monate lang bei Balenciaga half.

          Neben Fotos werden auch Videoaufnahmen für die Herbst/Winter 2013/14-Kollektion der Modemarke Closed gemacht.

          An dieser Stelle geht ein Aufstöhnen durchs Chefbüro im ersten Stock des alten Straßenbahndepots. Denn kaum hatte Murkudis hier seine Arbeit begonnen, verließ Ghesquière im Herbst Balenciaga, und Murkudis wurde als einer der Nachfolgekandidaten genannt. Da befürchteten sie in Hamburg natürlich, der neue Mitarbeiter könnte nach Paris verschwinden - und man schickte ihm gleich mal eine SMS, sicherheitshalber. Heute klingt Murkudis glücklich darüber, dass Alexander Wang den schwierigen Job bekommen hat. Und bei Closed darf man sich glücklich schätzen, einen Designer zu haben, der so in seiner Arbeit verschwindet, dass man ihn nur mit Mühe dazu bewegen kann, auch mal auf ein Foto zu kommen.

          Der Reiz für ihn: Anders als in einem Konzern kann er hier schnell viel Neues verwirklichen und all seine Einzelerfahrungen beim Ausbau der Marke einbringen. Denn Murkudis, 1959 geboren und doch schon ein Mode-Veteran, hat mit Unternehmen wie Schiesser (Unterwäsche), Ludwig Reiter (Schuhe), Swarovski (Schmuck), Mykita (Brillen) oder Flip-Flop zusammengearbeitet. Noch mehr interessiert ihn heute die Kunst. So präsentierte er seine eigene Linie, die er weiter betreibt, schon spektakulär mit dem Lichtkünstler Carsten Nicolai. Warum sollte man die Erfahrung nicht nutzen für eine Präsentation der „capsule collection“, an der Murkudis arbeitet und die einen besonderen Rahmen braucht? Schon im März könnte die als Teil der Großkollektion beim Prêt-à-porter in Paris in besonderes Licht getaucht werden.

          Unterschiedliche Welten verschmelzen

          Paris ist ohnehin das nächste Ziel - für einen Laden im Ausland. Denn die 300-Mitarbeiter-Marke ist zwar in wichtigen internationalen Geschäften wie Bon Marché, Harrods oder Barneys vertreten und hat im Handel rund 1700 Kunden. Aber auch das Geschäft über eigene Läden - bisher gibt es 21, die meisten in Deutschland - soll verstärkt werden. „Wir wollen international vorankommen“, sagt Giers. „Sein Name sorgt dabei in einigen Ländern für viel Aufsehen“, sagt Til Nadler. Damit meint er vor allem Japan, wo Murkudis dank seiner eigenen Marke sehr bekannt ist. Und das wiederum wird helfen, von dem wichtigsten asiatischen Markt aus die Expansion in Südkorea und China voranzutreiben.

          Aber erst einmal geht Murkudis, der jetzt nicht mehr nebenbei für andere Marken arbeitet, den nächsten Winter an - und die weitere Zukunft, denn sein Vertrag ist unbefristet und langfristig gedacht. 280 Teile der Damenkollektion und 200 Herren-Teile hängen an der Stange. Seine Lieblingsstücke? „Mit dem Begriff kann ich nicht viel anfangen“, meint Murkudis trocken. Er will unterschiedliche Welten zusammenbringen und sucht doch eine Linie. Dazu näht er Motorradjacken-Wattierungen, die normalerweise den Aufprall abfedern sollen, in die Arme oder Schultern von Jacken aus butterweichem Leder. Die Stücke aus gepresstem Schaum arbeitet er auch in eine Biker-Jacke aus Nylon ein, die zur Jeans wie zum Abendkleid passt. Lammfelljacken ähneln alten Fliegerjacken, Military-Schnitte konterkariert er mit Seide, einen Parka mit Pelzbesatz verfremdet er mit Steppungen. Ein Mantel bekommt mit Innenfutter aus Neopren andere Dimensionen, und Thermohemden hat man als T-Shirt auch noch nicht gesehen.

          „Es wäre für mich keine Schwierigkeit, ein Fünfzehn-Sekunden-Hingucker-Kleid zu machen“, meint Murkudis. „Ich will aber ein reales Produkt erschaffen, das morgen cool ist und vielleicht noch in zehn Jahren.“ Dieses Programm gilt sogar für die Chiffonkleider. Für Closed sind sie ein Debüt, für Murkudis Routine: Die Ärmel sind aus - Sweatshirt-Stoff.

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