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Berliner Modewoche (5) : Tief im Westen liegt die Hoffnung

Mode mit Background: Die Kollektion von Kostas Murkudis im Licht von Carsten Nicolai Bild: Helmut Fricke

Die Berliner Modewoche ist ein großer Rummel, bei dem gute Mode oft vom Kommerz überlagert wird. Um Marken mit Strahlkraft zu finden, muss man Mitte schon mal verlassen.

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          Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt. Das sang Herbert Grönemeyer 1984. Ein Vierteljahrhundert später steht er in einem Berliner Hinterhof, tief im Westen, jedenfalls vom Epizentrum der Mode aus gesehen. Graue Häuser an grauem Asphalt. Viel Beton. Die Autos rauschen vorbei. Nur an diesem Mittwochabend halten die Taxis im Sekundentakt, steigen Frauen in geschnürten High-Heels aus, Männer mit Bärten und rasierten Nacken schlendern zum Hinterhof. Und mittendrin Herbert Grönemeyer in einer anthrazitfarbenen Strickjacke mit Sonnenbrille. Er schaut verwundert, als man ihn anspricht. Er komme gerade aus seinem Studio um die Ecke am Potsdamer Platz.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Später bei der Schau sitzt er in der ersten Reihe, aber man merkt ihm an, dass der Modezirkus ihm so fremd sein dürfte wie das große Hansi Hinterseer Open Air in Kitzbühel. Er ist auch nicht als Glamour-Statist gekommen wie die meisten Prominenten während der Berliner Modewoche, die von ihren Agenten gezielt ins Blitzlichtgewitter geworfen werden, damit sie nächste Woche in der „Bunten“ erscheinen. Grönemeyer kommt als Freund. Sein beiläufiger Auftritt bei dem Defilee des Designers Kostas Murkudis ist nicht das Einzige, was diese Veranstaltung an der Potsdamer Straße von den anderen unterscheidet, die in den vergangenen Tagen Berlin in einen kleinen Ausnahmezustand versetzt haben.

          Fünf Tage Fashion Week. Von Dienstag bis Samstag. Und wenn man zusammenfassen wollte, was in diesen rund 120 Stunden passierte, müsste man fünf Zeitungsseiten vollschreiben. Das klingt erst einmal gut. Die Modewoche ist zu einem raumgreifenden Spektakel geworden. Modenschauen, Messen, Cocktails, Partys. Berlin freut sich, Klaus Wowereit freut sich, die Taxifahrer freuen sich, die Hotelbesitzer, die Sponsoren, die Getränkehersteller, die junge Designer unterstützen, die Studenten, die bei den Messen jobben, die Blogger, die nach einer langen Partynacht unscharfe Laufstegbilder ins Netz stellen, und die Aushilfskräfte, die bei der „Mediterranean Fashion Night“ an einem Strand an der Spree Getränke ausschenken und noch dabei zuschauen dürfen, wie der Pop-Titan Dieter Bohlen mit dem Boot vorfährt und sein Jury-Urteil fällt: „Ich find es megageil, hier zu sein.“

          Kostas und Andreas Murkudis vor dem neuen Concept Store

          Das Modeniemandsland an der Potsdamer Straße

          Berlin ist in dieser Woche ein Moderummelplatz. Und manchmal verschwimmt bei den vielen Partys, PR-Veranstaltungen, dem permanenten Blitzlichtgewitter, den Hektolitern Champagner, dem ganzen Zirkus in und um Mitte, der neben den großen Messen und den Laufstegschauen der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin am Brandenburger Tor stattfindet, um was es eigentlich geht: nämlich um Mode. Um eine Mode, die eigentlich das Beste sein sollte, was Deutschland zu bieten hat, schließlich soll Berlin mal das werden, was Paris, Mailand, London und New York sind - die Modehauptstädte ihres Landes. Und nicht die Stadt, bei der sich am besten und längsten und geilsten feiern lässt.

          Man muss also das Partygedröhn hinter sich lassen, nach den jungen, talentierten Designern im Fashion-Zelt suchen (siehe unten) oder dorthin fahren, wo die Mode sich nicht in die sanierten Häuserfassaden fügt, ins Modeniemandsland an der Potsdamer Straße, wo man auf die Brüder Kostas und Andreas Murkudis trifft, die leise und unaufgeregt sprechen und doch zu den Menschen in Berlin gehören, die Mode als Vision und nicht nur als ein Objekt begreifen, das sich so wunderbar kommerzialisieren lässt. Das bewies Andreas Murkudis bereits mit seinem Concept Store an der Münzstraße, in dem er Mode nicht nur verkaufte, sondern kuratierte. Doch mit der Zeit veränderte sich die Münzstraße, Sportswear-Filialisten zogen in die Straße, um sich den Anschein der Avantgarde zu geben. „Schon vor einiger Zeit ging ich auf die Suche nach einem neuen Ort“, erzählt Murkudis. Vor einem halben Jahr stand er dann an der Potsdamer Straße 77-87, dem ehemaligen Gebäude des „Tagesspiegel“, und wusste: Das wäre ein Neuanfang.

          Zwei außergewöhnliche Brüder

          Der Raum, in dem früher Zeitungen gelagert wurden, war damals eine kalte, kahle Halle ohne Strom. Nun hängen an langen Stangen Kleider, zum Beispiel die von Dries van Noten, der zur Eröffnung eine special edition schickte: 30 seiner schönsten Stoffe, aus denen man sich in Antwerpen Kleider fertigen lassen kann. Und die nicht mehr kosten als ein normales Dries-van-Noten-Kleid. Eine Ehre, die Murkudis stolz macht, auch wenn man das nur an seinem schüchternen Lächeln erkennt.

          Und dann Kostas, sein älterer Bruder, der Designer, mit dem er in Dresden und später in West-Berlin aufwuchs, mit dem er täglich telefoniert, alles bespricht, mit dem er in Urlaub fährt, oft in ihre alte Heimat Griechenland. Und mit dem er einen Abend wie diesen plant, an dem Kostas Murkudis - der bei Helmut Lang arbeitete, bevor er seine eigene Linie herausbrachte - nach vielen Jahren wieder seine Kollektion auf dem Laufsteg zeigt, gleich nebenan in der Galerie. Der Auftritt ist Konzept. Der Ton- und Lichtkünstler Carsten Nicolai projiziert zuckende Blitze und schwarze Linien auf die Wand, die sich auch in Murkudis Kleidern wiederfinden: in den zerschnittenen Röcken, den Fransen und Lasercuts, mit denen er neue Texturen schafft. Wie sein Bruder ist Kostas auf der Suche nach dem Besonderen und lässt zum Beispiel die Seide auf alten deutschen Webstühlen einer kleinen Weberei am Comer See so dicht weben, dass die Hosen und Jacken später wie Skulpturen vom Körper abstehen.

          Die neue Modemitte von Berlin

          Nach der Schau umarmen die Brüder sich innig. „Das, was heute hier stattfindet, haben wir eigentlich schon vor 20 Jahren bei einem Urlaub auf einer griechischen Insel besprochen“, erzählt Kostas. Es ist der große gemeinsame Auftritt auf der Modewoche, auch wenn sie dieser gegenüber immer noch skeptisch sind. „Wir sind dabei - und doch nicht dabei“, sagt Kostas. Andreas ergänzt: „Mich stört, dass die Fashion Week keinen Fokus hat, dass es kein Konzept gibt.“ Und er fragt sich, warum man zum Beispiel keine deutschen Designer zur Fashion Week hole, die sich in Paris oder New York schon einen Namen gemacht haben, um die Schauen internationaler zu machen.

          Vielleicht wird die Potsdamer Straße 77-87 bald die neue Modemitte von Berlin, auch wenn es wenige Kunden in der Nachbarschaft geben dürfte und der Weg von Mitte über die Ost-West-Achse über eine hässliche, verstopfte Straße führt. „Ich bewundere Andreas für seinen Mut, hierher zu ziehen“, sagt Grönemeyer. „Für mich ist das immer noch das alte West-Berlin, in dem ich Ende der siebziger Jahre Theater spielte. Das erschien mir sehr eng.“ Trotzdem passt das, was er damals über Bochum sang: Tief im Westen ist es besser, viel besser, als man glaubt.

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