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Berliner Modewoche (4) : Backstage kommen die Tränen

Leuchtend gelbe Neonfarben und sanfte Nude-Töne: Dorothee Schumachers frische Kollektion Bild: dapd

Dorothee Schumacher scheut sich nicht, in der coolen Modeszene Gefühle zu zeigen. Designerin Johanna Perret stand backstage plötzlich ihrer Großmutter gegenüber und beide weinten vor Freude. Und am Ende der Boss-Party weinte dann der Himmel.

          Mindestens zwei Mal an diesem zweiten Tag der Berliner Modewoche flossen die Tränen - nicht aus Trauer über misslungene Mode, sondern aus Rührung. Als Dorothee Schumacher ihre frische Kollektion mit leuchtend gelben und grünen Neonfarben über die Bühne geschickt hatte, als sie ihre verspielte Eleganz sanfter Nude-Töne also mutig erweitert hatte - da standen, als das letzte Model wieder vom Laufsteg zurückgekehrt war, der Designerin die Tränen in den Augen. Sie scheut sich eben nicht, in der ziemlich coolen Modeszene Gefühle zu zeigen und sie in die Kleider einfließen zu lassen.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          „Meine Inspiration sind moderne Frauen, die sportlich sind, die kulturell interessiert sind, die reisen“, sagte sie nach der Schau. Für die sind ihre kurzen Jäckchen mit Schößchen gedacht, die im Detail verspielt, aber sportlich sind und unkompliziert, indem sie mit Tunnelzügen aufwarten oder aus Nylon gefertigt sind. So zügelte die Designerin aus Mannheim zumindest in der Kollektion ihre romantischen Stimmungen mit cooler Selbstverständlichkeit.

          Auch dieser heiße Donnerstag badete im Meer von Seidenblusen, von starken Farbkontrasten zur Auflockerung von Beige, Grau und Pfirsich, von weit ausgestellten leichten Hosen. Da tat es gut, dass eine durchaus konservative Münchner Marke mit der besten Schau der Woche frischen Wind ins Zelt der „Mercedes-Benz Fashion Week“ am Brandenburger Tor brachte: Rena Lange zeigte eine Kollektion, die geschlossen war, dennoch variantenreich und dadurch charakterstark. Manche Teile waren so verblüffend ausbalanciert luxuriös, dass es die Zuschauer rührte. (Zum zweiten Mal geweint wird in diesem Text aber erst später.)

          Rena Lange zeigte eine Kollektion, die geschlossen war, dennoch variantenreich und dadurch charakterstark

          Fast zu schön, um aus Berlin zu sein

          Mal betonte der Rena-Lange-Designer Karsten Fielitz die Schultern mit Halbedelsteinen, mal ließ er eine ganze Blumenwiese auf weiße Kleider sticken. Als Inspiration diente ihm der Film „Les Demoiselles de Rochefort“, einen der wenigen Filme der sechziger Jahre, in denen Catherine Deneuve lustig sein durfte. „Ich wollte etwas zeigen, was fröhlich ist“, sagte Fielitz, der mit den Farben der Trikolore und den Schnitten der sechziger Jahre spielte. Eine weitere Münchner Marke, Allude, erweiterte ebenfalls das Spektrum: Designerin Andrea Karg entwarf federleichte, sommerliche Minikleider, Pullover, Bermudas, Nikkijacken und Shorts, die so entspannt anmuten wie ein Ferientag am Meer.

          Dagegen wirkt der Berliner Nachwuchs fast brav. Ja, das neue Berliner Understatement mit klassischen Silhouetten nimmt nach all den Jahrzehnten des Schlabberlooks eine unvermutete Wendung ins fast schon Neo-Bourgeoise. Christine Pluess und Livia Ximenéz Carrillo von „Mongrels in Common“ haben sich dagegen zwar schon dadurch gewappnet, dass sie mit dem Urban Artist „Xoooox“ den schönen Print „Wilde Mücken an Schmetterlingen auf Barcode“ erfanden. Aber ihre Mode - etwa ein wunderbares weißes Hemdblusenkleid - ist fast zu schön, um aus Berlin zu sein. Die Kontraste von Curry und Beige, von schwarzen Latzhosen und schmückenden Schleifen geben der Show aber den richtigen Twist. Und die richtigen Worte finden die beiden auch für ihren Stil: „auffälliges Understatement“.

          Dextro-Energen für die Models

          Ins allzu Schöne könnten auch Johanna Perret und Tutia Schaad („Perret Schaad“) tendieren. Sie entgingen der neuen Wohlanständigkeit aber durch flache Sandalen (für die Models eine Wohltat), durch an der Puppe drapierte skulpturale Formen (fürs Auge eine Wohltat), durch wieder einmal gut gewählte Farben wie Zahnpastagrün und Campari-Rot und durch ein äußerst witziges Oberteil aus Jute, das mit Baumwolle unterlegt und mit goldenem Reißverschluss versehen ist (für den Verkauf eine Wohltat, hoffentlich). Backstage stand Johanna dann plötzlich ihrer Großmutter gegenüber, die eigens frisch aus Frankreich angereist war - und beide weinten vor Freude, denn oft sehen sie sich nicht, weil die Enkelin zu viel arbeitet.

          Fast wäre es gar zum dritten Mal zu Tränen gekommen, denn Leyla Piedayesh von Lala Berlin war unglücklich über ihre Präsentation. Nicht über die Kleider, die Seide mit Grobstrick und Plastik konterkarierten und unter dem Motto „Lucy In The Sky With Diamonds“ psychedelische bis sphärische Drucke zeigten. Sondern über die Lichtinstallation, die ihre Präsentation im Postfuhramt an der Auguststraße zum Event machen sollte, aber nicht so richtig wirkte. Und die Hitze setzte den Models so zu, dass Dextro-Energen gereicht werden musste.

          Bei Boss war es dann am späten Donnerstagabend wieder Champagner. Den hatte sich zumindest „Hugo“-Designer Eyan Allen verdient, der die junge Linie der Modemarke aus Metzingen rasiermesserscharf inszenierte. Noch am Nachmittag hatte der britische Modemacher Giles Deacon philosophiert, die deutsche Mode sei immer so genau und präzise. Und am Abend zeigte Allen mit futuristischen silbernen Jacken, schmalen weißen Stretchhosen, wenigen klaren Farben und gut strukturierten Mustern, dass das genau so ist. Mit den Schwalbenschwanz-Männerjacken, den Schrägschnitten der Kleider oder den flirrenden Trompe-l´oeil-Drucken bewies er aber wie im Vorübergehen, dass deutsche Mode noch mehr kann. Am Ende der Boss-Party weinte dann der Himmel. Vielleicht vor Rührung? Oder Begeisterung?

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