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Berliner Modewoche (3) : Schaut auf diese Mode!

Eine „Eins mit Sternchen” für „Lala Berlin” Bild: AP

Die Berliner Szene wurde oft belächelt. Seit dieser Woche nicht mehr: Mit der „Fashion Week“ und anderen Messen hat sich die Hauptstadt als Mode-Metropole etabliert.

          Die Frau, die in Berlin die Wende brachte, ist klein, trägt Kleider in Größe 40plus und lächelt selten. Ihre einzige exzentrische Note ist eine Haartolle im Stil von Madame Pompadour. Suzy Menkes fällt nicht auf, wenn sie bei der Hugo-Boss-Party mit einem Glas Wein in der Menge steht oder mit ihrer Assistentin über den Gendarmenmarkt schlendert. Aber wenn die einflussreiche Kritikerin der „International Herald Tribune“ in der ersten Reihe der Berliner Defilees ihren Platz einnimmt, ohne eine Mine zu verziehen, hält die Modewelt den Atem an. Denn Suzy Menkes ist wichtiger als jeder der vielen Prominenten, die von den PR-Leuten nach Berlin gekarrt werden. Weder Justin Timberlakes kurzer Auftritt bei der Modemesse

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bread & Butter“ noch das blitzsaubere Lächeln von Sienna Miller bei der Show von „Boss Orange“ in den Treptower Rathenauhallen kann aufwiegen, was Suzy Menkes getan hat: Mit ihrer Anwesenheit bei der Modewoche hat sie Berlin in den Fokus der internationalen Aufmerksamkeit gerückt.

          „Very nice“ heißt „Eins mit Sternchen“

          Lange erging es der Mode-Szene an der Spree wie einem hochbegabten Kind, dessen Potential von den Lehrern nicht recht erkannt wird. Jetzt hat Suzy Menkes Zensuren verteilt: „Very nice“, sagt sie nach der Schau von „LalaBerlin“. Das klingt, gemessen an den üblichen hysterisch überhitzten Statements aus der Modewelt, ein bisschen wie „ganz nett“. Aber wenn man weiß, wie wenig überschwänglich Menkes in ihren Urteilen ist und wie unbarmherzig sie Kollektionen in weniger als zwei Sätzen vernichten kann, heißt „Very nice“ so viel wie „Eins mit Sternchen“.

          Eine „Eins mit Sternchen” für „Lala Berlin” Bilderstrecke

          Ziemlich genau sechs Jahre ist es her, dass Berlin damit begann, sich im deutschen Mode-Föderalismus zu positionieren. Bis dahin wetteiferten drei Städte im Westen Deutschlands um die textile Vorherrschaft: In Düsseldorf wurden auf der Messe „cpd“ die Geschäfte gemacht, in München sitzen die großen Modemagazine, und Hamburg hat immerhin Jil Sander hervorgebracht. Berlin kam als agiler Konkurrent hinzu, verlor aber nach einem fulminanten Start 2003 wieder an Form, als wenige Jahre später die Modemesse „Bread & Butter“ für Street- und Urbanwear nach Barcelona verschwand. 2007 gab es dann wieder einen Schub: Die „Mercedes Benz Fashion Week“ etablierte sich am Bebelplatz und zeigte gemeinsam mit der Modemesse „Premium“ designorientierte Marken. Jetzt ist die „Bread & Butter“ zurückgekehrt. Und noch nie gab es in Europa so viel Mode an einem Ort zu sehen wie in der vergangenen Woche.

          Vielleicht ist es schon einer der größten Erfolge in diesen Tagen, dass Aussteller, Einkäufer, Designer und Journalisten von „großartiger Energie“, vom „sensationellen Spirit“, von Optimismus und Spaß reden – und dabei kein Wort über die Krise verlieren. „Da ist Musik drin“, sagt Claus-Dietrich Lahrs, Vorstandsvorsitzender von „Hugo Boss“ über die Modewoche. „Endlich hat Berlin eine Plattform für junge deutsche Talente“, jubelt Christiane Arp von der „Vogue“. „Diese Energie ist wichtig für Deutschland“, freut sich der Frankfurter Designer René Storck.

          „Alles perfekt - bis auf die Mode!“

          Selbst Wolfgang Joop, Berlins Überdesigner – der einzige Deutsche, der neben Karl Lagerfeld und Jil Sander zu Weltruf gelangte und bislang bei der Modewoche durch Abwesenheit glänzte –, mischte mit und präsentierte seine „Wunderkind“-Kollektion mit einem Cocktailempfang in seiner Boutique am Gendarmenmarkt. „Ich sehe das ein bisschen wie ein Lernprojekt“, sagt der Designer, nachdem er den Regierenden Bürgermeister mit „hallo, Wowi“ und Küsschen begrüßt hat. In Berlin, so Joop, hapere es mit dem Kreativen: „Die Leute sind toll, die Events sind toll, die After-Show-Partys sind toll. Alles perfekt – bis auf die Mode!“

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