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Berliner Modewoche (3) : Michalskys Gesamtkunstwerkschau

Cool in Leder Bild: dpa

Designer Michael Michalsky mag es gerne großspurig: Im Tempodrom in Berlin zeigte er nicht nur seine Linie, sondern auch Kostüme für die nächste große Show im Friedrichstadtpalast, „Yma“, und eine treue Kundin sang gar eine Arie für ihn.

          2 Min.

          Michael Michalsky lädt ein - und fast alle kommen. Manche wollen nicht und bleiben im supercoolen „Soho House“ beim Risotto, weil sie den stets selbstbewusst auftretenden Designer a) für überschätzt und b) für arrogant halten. Andere dürfen nicht, weil sie zwar möchten, er sie aber a) für überschätzt und b) für arrogant hält. Die restlichen sind die absolute Mehrheit. Sie füllen das Tempodrom am Freitag abend zu einem der letzten Höhepunkte der Berliner Modewoche bis auf den hintersten Platz - und bleiben auf der Aftershowparty, bis die Nacht an ihren Rändern hell wird.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Außer vielen Häppchen vom Lufthansa-Catering bekommen sie an diesem Abend eine Lehrstunde in Sachen Modenschauen. Der Berliner Designer, der aus der Jeans- und Sportswear kommt, nun vor allem die „high fashion“ bedient und nebenher für eine große chinesische Sportswearfirma arbeitet, denkt gerne interdisziplinär. Und deshalb präsentiert er ein buntes Feuerwerk der Assoziationen, ein eklektizistisches Gesamtkunstwerk aus Tanz, Musik und Mode.

          Arie über das vergiftete Kleid

          Es beginnt mit Wüstenkämpfern, Paschtunenkriegern, Bin-Ladin-Doubles - also Model-Abgesandten der Londoner Marke Maharishi. Diese Eröffnung des Abends überrascht schon deshalb nicht, weil Michalsky, als er in London Mode studierte, mit dem Maharishi-Gründer Hardy Blechman zusammenarbeitete, einer Legende des Camouflage-Designs. Die Safari-Wear mit Vietnam-Touch und Wüstenfuchs-Anmutung unter dem Titel „Theatre of War“ passt nicht so richtig ins Ambiente - aber wegen der Hitze und des deutschen Afghanistan-Einsatzes dann irgendwie doch.

          Langbeinig in Weiß

          Nach den Wüstenkriegern bringt Michalsky nicht etwa seine eigene Linie auf die Bühne - sondern erst einmal die Sopranistin Nadja Michael, eine Michalsky-Kundin der ersten Stunde, um die Arie über das vergiftete Kleid aus „Medea“ zu singen. Weit weniger vergiftet dann Michalskys eigene Kollektion, die unter dem Titel „Gefährdete Arten der nördlichen Hemisphäre“ die natürliche Zeichnung des Iberischen Luchses, des Monarchfalters und des Papageientauchers als Grundlage für die Drucke nimmt - was auch wunderbar passt, wenn der Mann nicht gerade im Allover-Luchs-Print-Overall daherkommt.

          Gefährdet ist nur die Jeans

          Gefährdete Art auf dem Laufsteg sind allerdings Jeans. Zum ersten Mal verzichtet Michalsky darauf, um den bisher oft auseinanderlaufenden Look der lässigen Männer und der klassischen Frauen zu vereinheitlichen. Ein Mann in weiten schwarzen Hosen und Club-Blazer passt eben doch besser zu einer Frau in Safari-Bluse und Goldpaillettenhose oder orangefarbenem Flatterkleid mit dicken Kristallen am Ausschnitt - und sei der Mann auch behindert, wie das Model Mario, unter dessen kurzer Hose eine Beinprothese hervorlugt. Bei vielen anderen Modehäusern hat er trotz guter Ausstrahlung laut seiner Agentur PMA keine Chance. Für Michalsky ist der Auftritt so normal, dass er sich nicht mal dazu äußern will.

          In den nur 42 Minuten seines Gesamtpakets bringt der Modemacher, der nach der allzu langen „Michalsky Style Night“ vom Januar jetzt im Galopp durch die Bilder reitet, dann auch noch eine Vorschau der nächsten großen Show im Friedrichstadtpalast, „Yma“, für deren 32 Szenen er rund 500 Kostüme entworfen hat. Schon der kleine Ausblick auf drei Szenen ist ein Spektakel von Oskar-Schlemmer-meets-Lady-Gaga-Entwürfen, von halbnackten Gladiatoren bis hochgeschlossenen Tangotänzern.

          Nach der Schau liegen hinter der Bühne die Stylisten ziemlich fertig in den Sesseln. Die Tänzer nehmen erschöpft ihre spacigen Hüte ab. Michalsky aber ist bestens aufgelegt und erzählt von den 186.000 Swarovski-Kristallen, die er für seine Kollektion verbraucht hat: „Daran haben die lange geschliffen.“ Von bunten Steinchen scheint Michalsky erstmal geheilt zu sein. In der nächsten Kollektion, an der er schon sitzt, wird´s davon wohl weniger geben. Ganz am Ende, gegen Mitternacht, tritt die wiedervereinigte New-Wave-Band OMD auf - für die bedrohte Art der Achtziger-Jahre-Fans.

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