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Berliner Modewoche (3) : Die jungen Milden

„Boss” - In Berlin experimentieren die Schwaben gern Bild: dpa

Ihre Models rekrutieren sie über Facebook. Ihre Mode soll tragbar sein. Die nörgelig-rebellische Berliner Art, die Kleider am liebsten in Fetzen herunterhängen zu lassen, ist ihnen fremd: Der junge Berliner Modenachwuchs geht neue Wege - indem er sich aufs Konservative rückbesinnt.

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          Von der düstersten Vergangenheit bis in die hellste Gegenwart spannt Veruschka von Lehndorff den Bogen. „Man war unter Wasser, dann ist man gepaddelt und hat sich an allem festgehalten, um nicht unterzugehen.“ Und wenn man dann seit der Nachkriegszeit sehr weit geschwommen ist, sitzt man irgendwann in der ersten Reihe, Boss-Schau, Donnerstag abend, Hamburger Bahnhof, Höhepunkt des zweiten Tags der Berliner Modewoche.

          Alfons Kaiser
          (kai.), Deutschland und die Welt
          Anke Schipp
          (ipp.), Leben

          Veruschka von Lehndorff, Model, Schauspielerin, Künstlerin, ist nicht untergegangen. Sie schaut zurück und arbeitet an ihren Erinnerungen, die im nächsten Jahr auch als Buch erscheinen sollen. Und sie sieht nach vorn in die nächste Saison. Klaus Wowereit wirft ihr eine Kusshand zu, Veruschka von Lehndorff setzt ihre Sonnenbrille auf, damit sie das Licht der Zukunft am Laufsteg ertragen kann.

          Man könnte, etwas pathetisch und emphatisch, die „Mercedes-Benz Fashion Week“ als neue Antwort auf die deutsche Vergangenheit interpretieren. Dann wäre der Laufsteg, wie bei Wolfgang Joops Flucht in die Mode aus den Fängen des kriegsheimkehrenden Vaters, der Ausweg in die nachholende Modernisierung Berlins. Nach dieser famosen Boss-Schau, die aus camelfarbener Bescheidenheit eine Welt tragbaren Glamours mit Wildleder-Overknees, scharf geschnittenen Ballonröcken und schön ausgestellten Jacken entwickelt, erkennt denn auch der seherische Blick der Modekennerin die nationalen Folgen. Annette Weber, Chefredakteurin der „Instyle“ aus München, ist so begeistert vom Berliner Modenachwuchs und von Boss, dass sie beim Champagner in der VIP-Lounge den historischen Satz sagt: „Da bin ich wieder stolz, eine Deutsche zu sein.“

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          Berliner Modewoche (3) : Die jungen Milden

          Die Modernisierung der Marke treibt Boss in die sozialen Netzwerke

          Wobei es in diesem Fall ein ausländischer Designer war. Boss hat für die Linie Black den schottischen Modemacher mit dem passenden Namen Graeme Black als „Creative Consultant“ verpflichtet - für 40 Tage pro Saison ist er gemäß Vertrag zum Arbeiten auf der Schwäbischen Alb. Die Modernisierung der Marke treibt Boss auch in die sozialen Netzwerke. So engagierte das Metzinger Unternehmen zwei Models über Facebook. Aus 1700 Bewerbungen suchten sie am Ende eine Niederländerin und einen Berliner aus, die erstmals am Donnerstagabend den Laufsteg betraten.

          Überhaupt scheinen die Schwaben gern in Berlin zu experimentieren, denkt man an die erinnerungswürdigen Schauen in der Deutschen Oper oder im Botanischen Garten. Boss-Chef Claus-Dietrich Lahrs findet sogar, dass die Hauptstadt noch mehr Potential hat: „Es gibt in Europa keine Stadt, die so modern ist wie Berlin.“ Ein paar Prominente hat man dennoch aus der Ferne eingeflogen, unter anderem Hilary Swank. Für ihr Erscheinen wurden laut Mutmaßungen unter den Bewunderern sicher mehr als 100.000, wenn nicht mehr als 200.000 Euro gezahlt.

          Es geht auch ein paar Nummern kleiner

          Aber nicht am Boss-Gigantismus mit einer zweiseitigen Prominentenliste muss sich der Nationalstolz festmachen. Es geht auch ein paar Nummern kleiner. Die Marken, die am zweiten Tag der Modewoche vor allem begeisterten, bestehen gerade einmal aus zwei Designerinnen und ein paar freiwilligen Helfer aus Familie und Freundeskreis - wie überhaupt seit Kaviar Gauche und c.neeon die Designerinnen-Paare die Berliner Mode zu bestimmen beginnen.

          Im vergangenen Sommer erschienen mit ihrer ersten eigenen Schau Christine Pluess und Livia Ximénez-Carrillo von „Mongrels in common“ auf dem Kalender. Die beiden, die an der Esmod studierten, wo sie es lernten, „konstant mit Arbeit überlastet zu sein“, verkaufen ihre Mode schon an acht oder zehn Geschäfte und wollen nun organisch wachsen. Einen Investor haben sie noch nicht, sagen sie, sie müssen alles allein finanzieren und organisieren, also früh aufstehen für ihre Siebzig-Stunden-Woche. Auch dieses Mal zeigen sie eine Schau, setzen weiter Nanai-Lachsleder ein, raffen die Schultern aus dekorativen Gründen und werten die Mode mit neuen Details auf. Konservativ ist schon ihre Auffassung: „Wir wollen keine Eintagsfliegen sein.“ Wahrhaft revolutionär ihre Meinung: „Wir wollen tragbar sein.“ Das sind die jungen Milden aus Berlin.

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