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Berliner Modewoche (2) : Tanktops in letzter Minute

Ein Hauch von Strand bei der Kollektion des deutschen Labels Rena Lange Bild: dapd

Orange, Schwarz, Rüschen und ein wenig Zebra: Farben über Farben beim zweiten Tag der Berliner Modewoche. Manche Designer erwecken so das lässige Dolce Vita der Loren. Bei anderen Labels ist der Stresslevel höher.

          Schon wieder eine Premiere. Aber was heißt schon eine! Denn erstens hat Designerin Dorothee Schumacher eine 360-Grad-Kamera im Schauenzelt an der Siegessäule montieren lassen – im Livestream wird nicht nur ihre Schau, sondern fürs „www-lifestyle-feeling“ auch die Atmosphäre im Publikum übertragen. Und zweitens hat sie in letzter Minute die Reihenfolge der Models für ein Debüt geändert. Esther Heesch, eine Fünfzehnjährige aus Lübeck, die erst vor einem halben Jahr entdeckt wurde und Anfang der Woche in Paris bei Dior auf dem Laufsteg war („ist super gelaufen“), eröffnet die erste Schau des zweiten Tags der „Mercedes-Benz Fashion Week“. „Sie ist“, meint Dorothee Schumacher backstage vor der Schau, „ein superdeutsches Marzipanmädchen.“ Und wo findet man die heute schon noch!

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dorothee Schumacher ist aber nicht nur von Technik und Models her auf dem neuesten Stand. Die Modemacherin aus Mannheim ist auch modisch vorneweg. So zeigt sie Kleider, die an Schultern oder unter der Brust gesmokt sind und an ein altes Taufkleid aus ihrem Archiv erinnern. So zeigt sie neue Farben wie ein metallenes Messing oder ein starkes Blau, die der Kollektion Tiefe geben sollen. Mit ihren Allover-Mustern ist sie gewissermaßen auf dem Miuccia-Prada-Trip. Eine formidable Schau mit romantischem Touch, die nach internationalen Maßstäben drei Minuten zu lange dauert – in der aber kein einziges Teil zuviel und kein einziges zuwenig ist.

          Modisch vorneweg: das starke Blau soll der Kollektion der Mannheimer Designerin Dorothee Schumacher Tiefe geben

          Dorothee Schumacher hat wegen all der Vorbereitungen nur ein paar Stunden geschlafen. Die Modemacherinnen von Blame wohl auch nicht viel mehr. Ihre Schau sollte gleich die zweite am Donnerstagvormittag um 10.30 Uhr sein. Den beiden fiel aber um fünf Uhr morgens auf, dass ein T-Shirt in der Kollektion fehlte. Also setzten sich Sarah Büren und Sonja Hodzode im Morgengrauen noch einmal an die Nähmaschinen und schneiderten ein Tanktop – ein wichtiges Puzzleteil in der Kollektion. Den botanischen Druck, der aussieht, als wäre er in einem Gewächshaus fotografiert worden und der in der Präsentation ein paar Stunden später auch Jacken ziert, die wie Kittel anmuten, oder Handtaschen, die wie alte Shoppingtüten daherkommen, könnte man schließlich durchaus symbolisch sehen.

          Hauptstadtpflanzen in Paderborn

          Wie in einem Gewächshaus, in dem die Pflanzen besonders schnell gedeihen und Ableger zu ernten sind, gibt es für die Mode des Labels, das erst in seiner zweiten Saison auf der Modewoche zeigt, nämlich überraschend viele Interessenten – und Abnehmer, die weit weg von Berlin zum Beispiel das Stadtbild von Paderborn oder Seeshaupt mit Blame-Mode zieren. Die Inspiration für ihre Sommerkollektion finden Sarah Büren und Sonja Hodzode indes fernab der Provinz in der Stadt, die bereits weiß, wie sie aus jungen Designern auch erfolgreiche macht. Mit „Five o’clock tea in the Kew Gardens“ schauen die Modemacherinnen in die japanischen Parkanlagen in London und bringen auch dünne Tweedkostüme und strahlend weiße Kleider in Richtung Berlin, für Mädchen, die sich niemals mit Tee bekleckern würden – und die trotzdem existieren.

          Luftig: Die Kollektion von Dorothee Schumacher zählt zu den Highlights der Mercedes-Benz-Fashion-Week

          Die Mode von Blame zeigt, dass Tragbares gerade in Berlin nicht langweilig, sondern interessant sein kann, weil die Kleider nach der Präsentation ihr eigenes Leben beginnen. Von hier aus landen sie über Mode-Blogs, Hochglanz-Zeitschriften und die Läden um die Ecke in den Kleiderschränken der Republik. Wie könnten junge Designer der Hauptstadt besser auf sich hinweisen?

          Weg von Farbe, Farbe, Farbe

          Die Frage nach Tragbarkeit müsste sich Hugo, die junge Boss-Linie, eigentlich nicht stellen. Vor der Show beginnt Chefdesigner Eyen Allen dennoch, den gängigen Straßenstil zu hinterfragen: „Momentan sieht es doch überall so aus: Farbe, Farbe, Farbe, Farbe, Drucke, Drucke, Drucke.“ Der Designer scheint sich an diesem warmen Donnerstagnachmittag im Berliner Eisstadion Mitte, wo es leider nicht erfrischend kühl, sondern drückend heiß ist, in Rage zu reden. Eigentlich liebe er diese Farben und Drucke. In der Kollektion für den kommenden Sommer muss er aber davon absehen – wahrscheinlich, um sich vom modischen Schwarm abzuheben. Denn die Farbe fährt Allen bis zu Pastellpink und Mintgrün herunter, selbst die Batikdrucke wirken statisch geordnet. Stattdessen entdeckt der Designer ein Hologramm aus Lackleder, das er plakativ auf Kleidung und Handtaschen plaziert. Noch nie zuvor im Leben habe er ein Hologramm verwendet – und er hätte es, meint er ironisch, wohl auch niemals im Leben in einem Gespräch erwähnen sollen. Nie im Leben können wir uns übrigens an eine Berliner Modewoche ohne Boss-Dinner erinnern. An diesem Abend aber bleibt der Slot frei. „Das ist doch wirklich eine Ansage“, meint Eyan Allen. „Es muss doch auch mal um die Mode gehen!“

          Fashion-Statements werden künftig aber für das Haus wichtiger, sagt Claus-Dietrich Lahrs, der Vorstandsvorsitzende, als er vor der Show am Laufsteg steht. Schon bald wird das Haus aus Metzingen seine Hauptlinie auf der New Yorker Fashion Week zu zeigen. Hugo aber werde in Berlin bleiben. Bei so viel Mode könnte man dann auch mal wieder an ein Abendessen denken.

          Bei Hugo Boss sieht man in dieser Kollektion von zu viel Farbe ab - und sich abzuheben

          Eine weitere Marke aus dem Süden Deutschlands, Rena Lange, zeigt am Nachmittag Niveau schon beim Booking. Unter all den frischen Gesichtern ist auch Antonia Wesseloh aus Buxtehude, die seit ihrer Prada-Kampagne einer größeren Öffentlichkeit bekannt ist. Die richtige Besetzung für eine maritime Kollektion. Wie eine frische Meeresbrise scheinen Frühling und Sommer 2013 neue Jugend ins Label zu bringen – gerade erst hatte man angekündigt, eine jüngere Rena-Lange-Linie aufzubauen. Der frische Wind scheint auch auf die Hauptlinie übergesprungen zu sein, und das ließ sich nicht einmal Mario Testino entgehen.

          Maritime Leichtigkeit bei Rena Lange

          Eigentlich soll die Kollektion an David Hockneys Ölgemälde von Swimmingpools angelehnt sein. Sie passt aber noch besser zum Meer. Neben marineblau und weiß dominieren sonnig-sommerliche Töne, die das Bild eines Abends am Strand komplettieren. Leise wiegen die Wellen in feinem Organza, und die Wasseroberfläche schimmert durch Stickereien aus Kristall. Höhepunkt allerdings: ein hochgeschlossener luftiger Seiden-Jumpsuit mit Rückendekolleté, weiße Lilienblüten auf Apricot. Und wo sollte die Sonne besser untergehen als in einer gelbroten runden Sonnenbrille?

          Laurèl aus München: eine moderne Antwort auf die Frage, was Sophia Loren auf ihrem Weg von San Remo nach Portofino in den Koffer gepackt hat

          Ebenfalls aus München: Laurèl. Die Marke verspricht eine moderne Antwort auf die Frage, was Sophia Loren auf ihrem Weg von San Remo nach Portofino in den Koffer gepackt hat. Ob Frontrow-Gast Claudia Effenberg ein mustergültiges Beispiel für die moderne Verkörperung einer Sophia Loren darstellt? Immerhin hat sie eine Freundin mitgebracht, „und die trägt auch Laurèl heute“. Minu Barati-Fischer wiederum mag Laurèl, „weil’s schön ist“. Also auf ins Italien der fünfziger und sechziger Jahre!

          Dolce Vita an der Goldelse

          Zu Beginn fotografieren Paparazzi die erste Reihe. Es läuft: der Pate. Dann viel orange und schwarz und Zebra mit nur wenigen Überraschungen. Udo Walz ist so ungerührt, dass er lange per Handzeichen mit einem Gast auf der gegenüberliegenden Laufstegseite kommuniziert. Sommerliche Gefühle kommen bei Mänteln und Jacken aus Spitze und Lammleder kaum auf. Doch dann blüht es auch hier: türkisfarbene Rosenmuster, etwas royales Blau, dann wird es wärmer, und Bluse, Kaftan, Kleid in flammenden Farben sorgen für ein furioses Finale. Dolce Vita an der Goldelse!

          Am Rest von Tag zwei: Gewitterwetter. Dort sieht man zuviel (Guido Maria Kretschmars dick aufgetragene Sportlinie in Zusammenarbeit mit dem BVB Dortmund), hier sieht man zu wenig (Dietrich Emters stark auf einfache Tuniken und Kleider reduzierte Sommerkollektion). Und manchmal glaubt man seinen Augen nicht zu trauen: Die beiden Designerinnen von „Mongrels in common“ (die ihre Mode gemeinsam mit dem neuen Label Liebig zeigen) mischen doch wirklich die Funktionsmode des Baseball mit der Trendgarderobe der Mods. Motto: „Home Run for Mods“. Die Trikots aus Seide verwandeln sich in wunderbare Damenblusen.

          Spät am Abend, als die Gäste längst vor dem Gewitter aus dem Hof der Jüdischen Mädchenschule geflohen sind, erzählen die Designerinnen Livia Ximenez Carillo und Christine Pluess fröhlich, dass die haarigen Baseballkappen aus nichts geringerem sind als aus – geflochtenem menschlichen Haar. An Ideen also mangelt es der Berliner Mode wirklich nicht.

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