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Berliner Modewoche (2) : Sand für Schland

Rena Lange: Bei dieser Marke stimmen Passform, Mustermix und Stickereikunst Bild: AP

Sand für Schland, also sand-, nude- und cremefarbene Leichtigkeit, ist das Motto vieler Kollektionen auf der Berliner Modewoche. Am Donnerstag zeigten die deutschen Traditionsunternehmen, wie sie den unverbindlichen Sommerstil pflegen.

          Hinter der Bühne sitzen noch die Schneiderinnen aus Metzingen, die gerade in zwei Tagen Dauereinsatz beim Fitting den Models die Kleider angepasst haben. Jetzt sind sie fertig und räumen ihre Sachen zusammen. Höchste Zeit, denn in einer halben Stunde beginnt an diesem heißen Donnerstag abend die Schau. Und wenn Boss seine Hauptlinie „Boss Black“ präsentiert, dann kann es nicht spektakulär genug sein. Am Gleisdreieck sind zwei Riesenzelte aufgebaut, die größten, die man überhaupt in Deutschland leihen kann. In dem einen wird gleich die Kollektion für Frühjahr und Sommer 2011 gezeigt, im anderen wird danach ein gesetztes Dinner für 1200 Gäste gereicht.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Graeme Black, der Schotte, der an 40 Tagen pro Saison aus London auf die Schwäbische Alb reist, um dort Glamour zu verbreiten, ist gut gelaunt. Backstage erzählt er von seinen Tauchexkursionen nach Australien, der schönen Leichtigkeit langer Seidenkleider, von flachen Schuhen sogar bei der Abendmode. Und so kommt es dann auch später auf den Laufsteg. Diese Kollektion ist nah am Wasser gebaut - mit Strandkleidern, mit Korallenketten, mit Sandalen, mit Farben wie Navy oder Sand. So schön einzelne Teile sind, so bleibt die gesamte Aussage doch flach wie ein sanft ins Meer abfallender Sandstrand. Man muss ja nicht gerade in Bedeutung abtauchen, aber eben auch nicht nur im flachen Wasser planschen. Wenn sogar Regine Sixt in der ersten Reihe während des Defilees ihre SMS checkt - dann waren in der Mode nicht genug Kurzmitteilungen enthalten. Beim Essen unter der grandiosen Zirkuskuppel wiederum nutzt man die Handys eher zum Fotografieren: wegen der eigens angereisten Gäste Ewan McGregor und Jessica Alba.

          Leichtigkeit für Deutschland

          Sand für Schland, also sand-, nude- und cremefarbene Leichtigkeit für Deutschland, ist auch das Motto vieler weiterer Kollektionen. Christina Arend mit ihrem Label „Aq 1“ zum Beispiel, eine der Neuentdeckungen, peppt ihre leichten Jerseystoffe in den Farben Navy bis Nude mit silbernen Ketten und Schmetterlings-Bracelets auf, mit Bändern und Applikationen. Die Gamaschen an den Plateau-High-Heels hat Arend mit eigener Hand nächtens angebracht. Dekorationsmut? Dekorationswut? Da lächelt die Münchner Designerin vieldeutig. Die Grenzen der Markführung kennt sie schon in der dritten Saison.

          Boss Black: Die Aussage ist flach wie ein sanft ins Meer abfallender Sandstrand

          Am Donnerstag, dem zweiten Tag der Modewoche, zeigen auch die deutschen Traditionsunternehmen, wie sie den unverbindlichen Sommerstil pflegen. Laurèl, aus Escada herausgekauft, aber weiter von konservativem Zuschnitt, ist trotz Lederhosen von durchaus angenehmer Wohlanständigkeit. Rena Lange, zum zweiten Mal bei der „Mercedes-Benz Fashion Week“ dabei, ist das natürlich mit den typischen schwarzen Kleidern mit weißem Krägelchen auch. Aber auf den traditionellen Zugang kommt es gar nicht an. Bei dieser Marke stimmen Passform, Mustermix, Stickereikunst. Es ist geradezu verblüffend, dass Rena Lange in Deutschland nicht längst als Chanel en miniature angesehen wird.

          Gegen den Strich präsentiert

          Weiter zu Odeeh, wo die Models nicht laufen, ihre Garderobe nicht wechseln und keine Miene verziehen. Otto Drögsler und Jörg Ehrlicher, die Gründer, präsentieren die Damen sozusagen gegen den Strich. Gemeinsam mit Würzburger Designstudenten entwarfen sie die surreale Bühne mit Holzbrettern, auf denen die Models stehen. Ein irritierendes Bild, denn fast alle sind in grauem Jersey gekleidet. Um so mehr fallen die Details auf: die gerafften Schultern, die zurückhaltenden Prints, die Lederelemente. Die Hosen geben den Jerseykollektionen eine maskuline Note. Und passen doch mit weichem Fall und lässigen Raffungen in Raum und Zeit.

          Berlin wird durch das Niveau der Kollektionen nicht nur attraktiv für Designer, die bisher Düsseldorf bevorzugten. Es kommen sogar Londoner - wie Markus Lupfer, der seit 15 Jahren dort lebt. Die Kaufhauskette Harvey Nichols hatte den Allgäuer gefragt, ob er seiner Damenkollektion nicht eine maskuline Variante zufügen wolle. Also zeigt er nun im „Soho House“ in Mitte cleane Männersachen, zum Beispiel Pullover aus Merinowolle mit den handgestickten Insignien des Designers. Kleidung für jeden Tag, in guter Qualität, verkauft bei wichtigen Händlern mit High-End-Anspruch wie „The Corner“ in Berlin oder „Apropos“ in Düsseldorf und Köln.

          Das wären auch die richtigen Händler für „Mongrels in common“. Die Marke zeigt im Club Ressort hinterm Hamburger Bahnhof, wie man eine Kollektion von den Sand- und Nudetönen ausgehend in Curry-Gelb und Orange auffächert und wie man die sanft drapierten und mit schönen Blumendrucken versehene Seide konterkariert - mit kriminellen Plateau-High-Heels, die der Kollektion den Spin geben. Denn die martialischen Absätze hat der in Mailand lebende britische Schuhdesigner Stuart Thom für „Mongrels“ so ausgebeult, dass sie aussehen wie eine Kugel im Windkanal oder wie eine Schlange, die eine Maus gefressen hat, oder wie ein kleiner phallischer Gruß an schuhfetischistische Gelüste. All diese Bedeutungen muss man nicht einmal in den Schuh legen - sie springen förmlich aus ihm heraus. Man nennt das: gute Mode.


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