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Berliner Modewoche (2) : Nur Lagerfeld kommt nicht

Das Logo der Bread & Butter: Sie wurde vor zehn Jahren gegründet und ist wieder nach Berlin zurückgekehrt Bild: dpa

Die Berliner Modewoche hat begonnen: mit etlichen Schauen und Dauerpartys. Viele Gäste werden erwartet - doch ausgerechnet der größte aller lebenden deutschen Designer lässt sich das Spektakel entgehen.

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          Alle werden kommen - nur einer nicht. Während die Großdesigner Marc Jacobs (Louis Vuitton), Giles Deacon (Emanuel Ungaro) und Raf Simons (Jil Sander) zur Berliner Modewoche anreisen, die an diesem Mittwoch beginnt, bleibt der größte aller lebenden deutschen Designer zu Hause in Paris. Berlin? „Da fehlt der Humor“, sagte Karl Lagerfeld dem „Tagesspiegel“ vom Mittwoch. „Wenn man zu besessen ist von Avantgarde und Anti-Establishment, dann ist ja im Grunde alles das gleiche. Früher war Berlin mal eine tolle Stadt für die Mode, aber das war vor den Nazis.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Wenn er sich da nicht ausnahmsweise mal getäuscht hat! Die deutsche Hauptstadt ist natürlich nicht Paris, wo heute die nicht gerade avantgardistischen Haute-Couture-Schauen fürs Establishment zu Ende gehen. Aber bis zum Wochenende kommen vermutlich weit mehr als 100.000 Menschen allein wegen der Mode nach Berlin - zur Jeans- und Sportswear-Messe „Bread & Butter“ in Tempelhof, zur Designermode-Messe „Premium“ am Gleisdreieck, zur „Mercedes-Benz Fashion Week“ im Modezelt am Brandenburger Tor und zu Dutzenden weiteren Schauen, Showroom-Präsentationen, Shop-Eröffnungen und Dauer-Partys.

          In Berlin gibt es längst wieder eine Modeszene

          In diesem Fall ist Lagerfeld wirklich démodé. Vor zehn Jahren, als in Köln die „Bread & Butter“ gegründet wurde, die 2003 nach Berlin ging und nach einem Umweg über Barcelona wieder in die Hauptstadt kam, wo sie am Dienstag abend eine große Jubiläumsparty feierte - da stimmten seine Vorurteile, da war Berlin gerade einmal dafür bekannt, dass David Bowie mal länger da gewesen war und Claudia Skoda hier Maschenwaren machte. Seit dem bespiellosen Niedergang der rheinischen Modestädte Köln und Düsseldorf blüht aber hier nicht nur die aus neun Modeschulen sprießende Berliner Designerszene mit Hunderten kleiner Ateliers und Geschäfte - sondern veranstalten auch etablierte deutsche Marken aus dem Westen wie Escada (München), Rena Lange (München), Boss (Metzingen), Schumacher (Mannheim), Strenesse (Nördlingen) oder Anja Gockel (Mainz) hier im Januar und im Juli ihre Defilees.

          Die Eröffnung der Bread & Butter auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof

          Und diese Woche mit der Mode für Frühjahr und Sommer 2012 wird zeigen, dass die Berliner ihre Avantgarde sogar in die Läden bringen können. Einen symbolischen Schritt in Richtung Geschäft hat gerade Michael Sontag getan. Im Luxusmode-Geschäft „The Corner“, das seit fünf Jahren besteht und bisher nur die besten internationalen Marken vor allem aus Paris und New York führte, hängen nun auch die Sachen des Berliner Nachwuchs-Designers. „Den schätzen wir, der hat Potential“, sagt Mitbesitzer Emmanuel de Bayser. Michael Sontag ist der erste deutsche Designer, der es in das Geschäft am Gendarmenmarkt gebracht hat. Und so ganz schnell wird er daraus laut Bayser auch nicht verschwinden: „Wir machen das nicht nur für eine Saison.“

          Die Mode soll auch verkauft werden

          Nicht nur „The Corner“, wo von der amerikanischen Kunstsammlerin über die rheinische Industriellengattin bis zur russischen Magnatentochter viele reiche Damen ihr Geld lassen, verspricht sich Geschäfte mit den bisher betriebswirtschaftlich oft unterbelichteten Berliner Modemachern. Auch der Internet-Handel entdeckt die Szene. So wird das erst vor wenigen Monaten gegründete Start-up-Unternehmen „Couture Society“ nach der bereits in Paris und New York von Net-a-porter erprobten Methode rund 24 Stunden nach den Schauen von Michael Sontag, Perret Schaad und anderen einige der auf dem Laufsteg gezeigten Stücke als „pre-order“ für jedermann im Netz anbieten. Beim E-Commerce-Portal aus der Linienstraße, das zehn Mitarbeiter hat und vor allem auf Designerstücke spezialisiert ist, die im Handel sonst nicht zu haben sind, kann man also schon am Donnerstag eine korall-neonfarbene Bluse oder ein langes weißes Kaftankleid von „Escada Sport“ aus der Schau vom Mittwoch abend bestellen.

          Und bei noch einer verkaufsfördernden Maßnahme, die ihre Premiere auf dieser Modewoche feiert, wird Michael Sontag dabei sein. Bei der „Vogue“-Party im Januar hatte Chefredakteurin Christiane Arp bekanntlich gegen einen mode-miesmacherischen Artikel im „Spiegel“ gewettert („so viel Scheiße“). Ein paar Stunden und einige Champagner nach ihren flammenden Worten kündigte sie dann an, dass sie jetzt erst recht der Berliner Szene helfen werde. Nach dem Modell der erfolgreichen Modewirtschaftsförderung à la Anna Wintour bringt Arp nun am Freitag vier der besten Berliner Designer, unter anderen eben Michael Sontag, im Hotel de Rome mit wichtigen deutschen Einkäufern und Handelsexperten zusammen - damit gute Ideen auch in die Geschäfte kommen. „Vogue Salon“ ist sogar in noch einer Hinsicht eine Premiere: Die Veranstaltung ist „nicht öffentlich“. Und wo sonst, außer vielleicht in den Hinterzimmern der Macht, gibt es so etwas im öffentlichkeitsgeilen Berlin?

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