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Berliner Modewoche (2) : Gar nicht so schlicht

„Very nice”, heißt es unter Profis über neue Kollektionen in Berlin Bild: AP

Auch der zweite Tag der „Mercedes Benz Fashion Week“ überzeugt mit vielen guten Kollektionen. Die wahre Überraschung dieser Modewoche sind nicht die großen Labels, sondern die jungen Designerinnen aus Berlin.

          Die Schau der Boss-Linie Orange ist vorüber, und hinter den Hallen, in denen einst die AEG ihren Anfang nahm, sitzt in der Nacht zum Freitag zwischen 1600 Barbecue-Gästen ein alter Mann. Er kann nicht mehr so gut sehen, an einem Band um seinen Hals hängt eine Lupe. Aber er hat genug erfahren heute. Er war schon bei der Modewoche, als die Eltern vieler Bartträger, die hier ihren Champagner trinken, noch nicht geboren waren. F.C. Gundlach, geboren 1926, begann schon Anfang der Fünfziger, die Berliner Mode zu fotografieren. Eine Dame wurde damals noch „Madame“ genannt, ihre Tochter „die junge Dame“. Die Schauen dauerten oft über zwei Stunden, die Boss-Orange-Schau dauerte gerade gut eine Viertelstunde. Im Flughafen Tempelhof, wo er am Morgen die Messe „Bread & Butter“ besucht hat, entdeckte Gundlach so etwas wie die Verbindung von Gestern und Heute. „Ich war überwältigt. Seit heute glaube ich, dass Berlin wieder zur Modestadt wird - auch weil die Stadt offen ist dafür.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Das Urteil F.C. Gundlachs, der über Paris und durch die „Brigitte“ zum legendärsten deutschen Modefotografen wurde, hat hier Gewicht. Denn von Marketingfloskeln des amerikanischen Modewochenveranstalters IMG, des schwäbischen Hauptsponsors Mercedes-Benz oder der internationalen Messe „Bread & Butter“ muss man sich nicht beeindrucken lassen. Aber Berlin kann doch noch auf eine große Modezukunft hoffen, wenn nun auch die wenigen anwesenden Legenden der Mode mit ihrem jahrzehntelang geübten Gespür begeistert sind - also neben Gundlach zum Beispiel Angelica Blechschmidt, bis 2003 Chefredakteurin der deutschen „Vogue“, die überall begeistert mitknipst, und Suzy Menkes von der „International Herald Tribune“, die hier nicht internationale Stars sehen will, sondern neue Berliner Designer.

          Großes Glück für Berlin

          Sie wurde gleich fündig - und suchte die verdutzte Leyla Piedayesh vom aufstrebenden Label „Lala Berlin“ nach der Schau backstage auf, um sie noch ein wenig auszufragen. Großes Glück für Berlin, dass sich die Großkritikerin ausgerechnet diese Schau ansah. Denn Piedayesh, die so unverblümt denkt und redet, hat ihre Kollektion stringent durchdacht, gleichzeitig geradezu freihändig komponiert - und sich weiterentwickelt. Ihr Markenzeichen, der Strick, ist nun nur noch ein Element. Dazu kommen gut geschnittene und bestickte Jeans, „zip dresses“ mit Reißverschlüssen für funktionale und dekorative Zwecke und vor allem die Nietenapplikationen, die sich als Leitmotiv durch die Schau ziehen und am Ende zu Pixelbildern zerfallen. Sie haben die Anmutung einer Stadtsilhouette oder eines Werkzeugkastens - und verleihen der Kollektion genau jenen künstlerischen Mehrwert, der sie nicht banal erscheinen lässt, obwohl sie tragbar ist. Mit den Worten von Mandy Capristo von der Mädchenband „Monrose“, laut Männermagazin „FHM“ „Sexiest Woman in the World“: „80 Prozent davon würde ich sofort kaufen.“ Mit den Worten von Suzy Menkes: „Very nice!“

          „Very nice”, heißt es unter Profis über neue Kollektionen in Berlin Bilderstrecke

          Die sehenswerten Kollektionen waren auch am Donnerstag nicht an einer Hand abzuzählen. Anja Gockel aus Mainz stellte zwar eine Windmaschine ans Ende des Laufstegs, so dass Germany´s Last Topmodels - sehenswert: Sara - mit wehenden Haaren in Szene gesetzt wurden. Aber ihre Kollektion ist mehr Hollywood als Bollywood, nicht überdekoriert, sondern geschickt gerafft und mit sportlichen Elementen wie Zippern modernisiert. Custo Barcelona, die spanische Marke mit den flamboyanten Drucken, bringt einige hervorragende Mäntel hervor, die Moderatorin Nova Meierhenrich umgehend als passend sogar fürs Hamburger Schmuddelwetter erachtete. Und Strenesse Blue, von Viktoria Strehle entwickelt, daher jünger und leichter als die von Gabriele Strehle entworfene Hauptlinie, spielt mit den Trends der Saison, also locker fallenden Overalls oder ebenso locker fallenden Hosen, die noch immer - oder schon wieder? - im Schritt ziemlich tief hängen. In einem Overall mit nachtblau-schwarzen Pyjama-Blockstreifen zieht Viktoria Strehle die Trends Workwear (Overall), Abendkleidung (blau-schwarz) und Schlafanzug (à la Julian Schnabel) in einem einzigen gar nicht so schlichten Stück zusammen - dem schönsten der ganzen Kollektion.

          Die wahre Überraschung dieser Woche

          Die wahre Überraschung dieser Woche sind aber die jungen Berliner Designerinnen. Frida Weyer zum Beispiel bestickt ihre nun kürzeren Kleider weiter aufwendig mit Federn, schmückt sie mit Seidenbändchen, näht Stoffblumen darauf und schafft mit zarten Farben und Stoffen eine Art Negligée-Couture. Am Ende schickt die Designerin, eine der vielen erfolgreichen Esmod-Absolventinnen, als Erinnerung an eine längst ausgestorbene Tradition eine Braut auf den Laufsteg - wenn auch nicht so pompös wie früher in Paris, sondern in einem Mini-Tellerkleid. Zerlina von dem Bussche konzentriert sich mit ihrem Label Sisi Wasabi dieses Mal mit Trenchcoat-Variationen, sportlichen Zipper-Jacken und aufwendig bunt bedruckten Foulards stärker auf die Daywear, um nicht allein auf Abendmode festgelegt zu werden - die sich zwar schön in Magazinen abbilden lässt, aber nur einen geringen Teil zum Umsatz beiträgt.

          Ihr gelang es auch, der Stadt das schönste aller Settings abzuringen. Im großen Saal des Hotel de Rome saßen die Gäste am Dinnertisch zusammen. Zehn Meter über ihnen marschierten die Models über den Gittersteg auf dem von Regentropfen melancholisch bemalten Glasdach, gefilmt von mehreren Kameras, deren Bilder an die Stirnwand des Saales projiziert wurden. So richteten die Gäste die Augen abwechselnd nach oben unter die Models und auf den Film an der Wand. Der erste Look hat eine Vorgeschichte. Von dem Bussche hatte weiße Socken für die Schau eingeplant - da starb Michael Jackson. Und nun also schritt als erstes Model Luca Gadjus mit schwarzer Perücke und diesen seltsamen weißen Socken über den tropfnassen Laufgittersteg auf die Kamera zu. So muss es hier sein: schöne Mode mit berlinerisch bizarrem Einschlag.

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