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Mode in Berlin : Die Butter vom Brot genommen

Michal Starosts Entwurf auf der B-In-Berlin Bild: REUTERS

Berlin gilt als wichtigster deutscher Standort für Modemacher - am Wochenende fanden gleich mehrere Messen statt. Doch die wichtigsten Pioniere sind dabei, leichtfertig ihr Werk zu zerstören.

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          Kürzlich hat Karl Lagerfeld in einem Interview mit der Zeitschrift „Textilwirtschaft“ ein gnadenloses Urteil über Berlin gefällt: „Ich sehe da nichts. Ich höre nur noch Leute, die da weggehen, die sagen, da ist nichts los, da verliert man seine Zeit.“

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Menge Menschen sehen das anders. An diesem Wochenende schätzungsweise 40.000, die zu den Modemessen „Bread & Butter“, „Premium“ und „B-in-Berlin“ gekommen sind - nicht zu vergessen drei Millionen Leute mit festem Wohnsitz in Berlin.

          Seit einiger Zeit gilt die Hauptstadt nicht nur als politisches und kulturelles Zentrum Deutschlands, sondern auch als wichtigster Standort für Modemacher, nachdem jahrzehntelang das föderale Prinzip galt: hier ein bißchen, dort ein bißchen. Düsseldorf, Hamburg und München stritten sich ununterbrochen um die textile Vorherrschaft, bis Berlin zum Schlag ausholte und alle übertrumpfte. Das hat die Stadt mit Hilfe einfallsreiche Veranstalter innerhalb von nur zwei Jahren geschafft. Davor muß man Achtung haben. Aber auch den Kopf darüber schütteln, daß die einstigen Pioniere jetzt so leichtfertig ihr Werk zerstören.

          Michal Starosts Entwurf auf der B-In-Berlin Bilderstrecke

          Eine Messe wie das Leben

          Angefangen hat alles ganz klein, als 2003 eine Gruppe von Kölnern mit Erfahrung in der Modebranche die Idee hatte, eine Messe für Streetwear zu etablieren in einer Stadt, die dafür geschaffen ist - rauh und spröde wie das Leben auf der Straße. So sah auch die Messe „Bread & Butter“ selbst aus, die in den alten Kabelwerken von Siemens in Spandau aus der Taufe gehoben wurde - verranzte Industriearchitektur, in der sich die Jeans- und Sportmarken cool und trashig präsentierten. Bei der ersten Messe waren es 250 Aussteller, heute sind es 650. Zeitgleich etablierte sich in der Innenstadt die Messe „Premium“, mit eher designorientierten Marken. Hinzugekommen ist in diesem Jahr die „B-in-Berlin“ für eher konventionelle Labels.

          Die Zugkraft der Messen war auch dem etwas diffusen Hype um Berlin zu verdanken, der vor allem im Ausland gepflegt wird. Einkäufer und Journalisten aus aller Welt, besonders aber aus Amerika, nutzen die Gelegenheit zum lange geplanten „Börlin“-Trip: Achtzig Prozent der Aussteller kommen aus dem Ausland. In Düsseldorf, wo seit Jahrzehnten mit der „cpd-woman-man“ die größte Modemesse der Welt stattfindet, ist man seit dieser Entwicklung überhaupt nicht mehr aus dem Schwitzen herausgekommen.

          Alles ganz prächtig

          Es stellte sich also alles ganz prächtig dar, auch wenn die Logistik in Berlin nicht ausgereift ist. Wer zum Beispiel nach anderthalbstündiger Anreise auf verstopften Straßen, durch die auch keine Pendelbusse dringen, das Akkreditierungszelt der „Bread & Butter“ endlich erreicht, wähnt sich angesichts der chaotischen Zustände in einem notdürftig von der Bundeswehr errichteten Flüchtlingslager. Aber gut, das paßt ja zu Berlin - glatt läuft's schließlich immer nur im Westen.

          Vielleicht ist der Erfolg manchen zu Kopf gestiegen, nach dem Motto „Erst Berlin - dann die ganze Welt“. Denn die Macher der „Bread&Butter“ wollen die Messe für Streetwear-Labels als nächstes in Barcelona zeigen. Dann soll sie durch andere Städte Europas touren, eine „Roadshow“ für Mode. Das klingt cool. „Um den Erfolg aufrechtzuerhalten, ist das der nächste logische Schritt“, begründete das Messesprecherin Danielle De Bie. Das Logo ist jetzt mit Eurovisions-Sternen versehen - warum kleckern, wenn man auch klotzen kann. In Berlin soll nur eine kleine Dependance verbleiben.

          Latenter Größenwahn

          Das neue Konzept offenbart aber nicht nur latenten Größenwahn, sondern auch, was in Berlin alles falsch gelaufen ist. Die Pioniere der „Bread&Butter“ sahen die „Premium“-Messe von Anfang an als Konkurrenz, anstatt zu erkennen, welches Potential der gemeinsame Auftritt hat. Deshalb gab es auch kein Shuttle zwischen den Veranstaltungsorten. Die Botschaft für die Besucher: Entscheidet euch, wen ihr toller findet.

          Arroganz und Neid sind feste Kategorien in der Mode, aber es gilt auch die goldene Regel: Wenn eine Marke erst einmal etabliert ist, muß man sie pflegen. Die „Bread&Butter“ hat als Berliner Marke bestens funktioniert. Was soll man mit dem Ritt durch Europa jetzt von diesem Label halten? Ein verwässertes Konzept - das war schon oft das Ende von Erfolgsgeschichten.

          Die „Premium“ hat reagiert und will im Sommer eine eigene Streetwear-Messe in Berlin unter dem Namen „Premium Fire“ anbieten. Mit Sicherheit wird sie ihre Besucher finden, aber vermutlich nicht mehr in diesem Maße. Einige Aussteller werden dann in Barcelona sein, mancher geht vielleicht zurück nach Düsseldorf. Das Schlimmste aber daran: Karl Lagerfeld hat mal wieder recht gehabt.

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