https://www.faz.net/-hs1-z4oh

Autodidaktischer Modeerfolg : Der Dandy aus St. Pauli

Bent Angelo Jensen ist Geschäftsführer und Modemacher in einem Bild:

Bent Angelo Jensen ist der kreative Kopf der Hamburger Marke „Herr von Eden“. Seit er den Sänger Jan Delay ausstattet, sind seine extravaganten Anzüge heiß begehrt. Dabei sollte der Modemacher eigentlich eine Banklehre machen.

          5 Min.

          Genau kann sich Bent Angelo Jensen nicht mehr an das Gespräch erinnern, damals vor vier Jahren, als ihn der Sänger Jan Delay im Golden Pudel Club ansprach. Es war spät, die Musik war laut, vielleicht hat er das Ansinnen von Delay gar nicht so ernst genommen. Ein Sänger, der sich sonst in XXL-Baggy-Pants, Basecap und Oversized-Shirts präsentierte, wollte plötzlich Anzug tragen? Ein Hip-Hopper sollte zum Dandy mutieren? Das klang nach einem Witz. Trotzdem sagte Jensen zu, vielleicht, weil er ahnte, dass in der Transformation Musik steckt. Sehr viel Musik sogar. Und dass er mit Jan Delay einen Protagonisten gefunden hat, der den Geist seiner Marke Herr von Eden kongenial verkörpern kann - als Meister des Stilmix.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seinen Sinn für Kontraste erkennt man gleich, wenn man Jensen in Hamburg-St. Pauli besucht. Vor dem Schaufenster seines Ladens mit Herrenanzügen zerrt ein Bullterrier mit Maulkorb einen Halbwüchsigen hinter sich her. Gegenüber schlurft ein Punker in Springerstiefeln über den Bürgersteig. Vor zehn Jahren war Herr von Eden der erste echte Laden und so etwas wie eine Provokation in der Straße. Heute gibt es knapp zwanzig Kleidergeschäfte. Das Karolinenviertel ist inzwischen schick, die Marktstraße gilt als Pendant zur Berliner Kastanienallee. Und aus dem Einzelhändler Jensen ist ein Designer geworden, der über Anzüge, Hemden, Krawatten, Revers, Krägen und Hosenbünde referiert, als hätte er sein Wissen an der Londoner Savile Row erworben. Zum Interview in einem Café in der Nachbarschaft trinkt er Rhababersaft und trägt über Hemd und Krawatte eine mit Stoffresten bestickte Uniformjacke der Marke Elternhaus, deren Macher ihre Sachen ein paar Häuser weiter verkaufen. Im Kiez hält man zusammen. Da gibt es keine Konkurrenz.

          Äußerste Akribie

          Jensen berichtet norddeutsch nüchtern, aber nicht ohne Stolz über die Zusammenarbeit mit Delay, die so verspielt begann, dann aber doch von Jensen mit äußerster Akribie verfolgt wurde. Zunächst stellte er ihm nur einen Anzug zur Verfügung für sein Album „Mercedes Dance“. Dann, im vergangenen Jahr, entwarf er für die Tour „Wir Kinder vom Bahnhof Soul“ nicht nur Delays komplettes Bühnenoutfit, sondern auch das für sein elfköpfiges Orchester. „Ich sprach mit jedem einzelnen Musiker, was seine Vorlieben sind, was zu ihm passt, welche Größe er trägt.“ Für Jan Delay designte er Anzüge, die an die frühen achtziger Jahre und an die Pastellfarben des Miami-Stils erinnern. Dazu kombinierte er Pork-Pie-Hüte, die einst von den Rude Boys in Jamaika getragen wurden. Der agile HipHopper trug die Kombination, als sei er darin geboren. „Delay hat einen großen Sinn für Stil“, sagt Jensen. „Er trägt nicht nur den Anzug, er lebt ihn und achtet darauf, dass das Einstecktuch zur Krawatte passt.“ Jan Delay trat in den violetten und schwarz-weißen Anzügen beim „Rock am Ring“, bei „Wetten, dass...“, bei der „Echo“-Verleihung und als Juror bei „Unser Star für Oslo“ auf. Am Ende des Jahres war man sich einig: Der Hip-Hopper, der jetzt Soul macht, war der bestangezogene Mann 2009. Und hat Herrn von Eden zu einer ungeahnten Popularität verholfen.

          Jensens Anzüge sind stilistisch eine Mischung aus verschiedenen Jahrzehnten
          Jensens Anzüge sind stilistisch eine Mischung aus verschiedenen Jahrzehnten :

          Mit Fragen des Stils wurde Bent Angelo Jensen, der seinen ersten Vornamen dem dänischen Vater und den zweiten der italienischen Großmutter verdankt, früh konfrontiert. Sein älterer Bruder trat als Popper mit Fönfrisur und Markenjeans in Karottenform auf und ignorierte ihn. Nach dem frühen Tod des Vaters, der in Flensburg eine Industriebäckerei für dänische Hot-Dog-Brötchen führte, wurde seine ältere Schwester zur wichtigsten Bezugsperson. Sie nähte ihre Kleider selbst und strickte sich Pullover. Die Nachmittage verbrachte der kleine Bent meist bei ihr neben der ratternden Nähmaschine. Mit 14 Jahren, das war Ende der Achtziger, lernte er eine Mods-Clique kennen. Und begann, Anzüge zu tragen und sich Krawatten umzubinden. In der großen Pause hetzte er in den nächsten Secondhandladen und kaufte sich Hemden für 50 Pfennig. Er durchforstete Altkleidersäcke des DRK, heuerte in einem Secondhandladen an. „Das war meine Ausbildung. Ich lernte alles über Größen, den Umgang mit Kunden und Buchhaltung.“ Zum Abitur kaufte seine Mutter ihm einen neuen Anzug und sagte: „Den kannst du auch in der Bank anziehen.“

          „Ein Laden in St. Pauli erfordert einigen Mut“

          Dass er keine Banklehre machte, obwohl er Mathematik als Leistungskurs hatte, dass er stattdessen nach Hamburg ging und im Karolinenviertel einen eigenen Secondhandladen eröffnete, sieht er heute nicht als Gegensatz zu dem, was seine Mutter sich gewünscht hatte. Denn irgendwie stand er ja durchaus in der kaufmännischen Tradition der Familie. „Damals dachte ich noch gar nicht an das Kreative“, sagt er. Tatsächlich gehörte einiges an unternehmerischem Mut dazu, ausgerechnet in St. Pauli einen Laden zu eröffnen. „1996 war das Karolinenviertel ein abgebranntes Feld“, erzählt Jensen. Übriggebliebene Gestalten aus der Punk-Zeit bestimmten die Szene. Die Häuser waren heruntergekommen, fast alle Läden standen leer. In einem ehemaligen Lebensmittelgeschäft eröffnet er das „24 Hours“ und verkaufte zunächst importierte US-Jeans und gebrauchte Hemden aus den Siebzigern. Zwei Jahre später benannte er den Laden in „Herr von Eden“ um und spezialisierte sich auf gebrauchte Anzüge. Ausgerechnet. Die Uniform der Spießer, der textile Ausdruck des Bürgerlichen. Alles, was man nie werden möchte. Nach zwei Jahren hatte er es satt, in Altkleiderbergen herumzusuchen, sagt er rückblickend: „Ich wollte nicht als Lumpenhändler in die Geschichte eingehen.“ Sondern selbst etwas schaffen. Also rief er seine Schwester an, die in Kopenhagen Modedesign studierte.

          Wenn man Jensen nach seinen Talenten fragt, sagt er wie im Vorstellungsgepräch: „Ausdauer, Verhandlungsgeschick und immer eine genaue Vorstellung von dem, was ich möchte.“ So war es auch 1999: Er wollte den perfekten Anzug. Einen weißen, und einen in Schwarz; ein ganz bestimmtes Revers, bestimmte Taschen, Taille, stilistisch eine Mischung aus verschiedenen Jahrzehnten. „Ich hatte im Laufe der Jahre Tausende von Anzügen aus allen Dekaden in den Händen. Ich kenne jedes Detail.“ Seine Schwester machte die Schnitte. Dann rief Jensen beim polnischen Konsulat an und erfragte Adressen von Textilherstellern, die gute Anzüge produzieren. Mit einem Freund fuhr er nach Polen und fand ein Werk, das ihm zwanzig weiße und zwanzig schwarze Anzüge fertigte und per Luftfracht nach Hamburg schickte. Das war im November - im Januar waren die Anzüge ausverkauft. Heute hat der Autodidakt eine komplette Kollektion, die er in fünf Läden in Hamburg, Berlin, Köln und München verkauft, eine Damenkollektion und demnächst auch Schuhe, die er von dem portugiesischen Hersteller Carlos Santos herstellen lässt. Nachdem er sich einige Monate in das Thema Schuhfertigung eingearbeitet hatte, entwarf er eine kleine Kollektion komplett in Schwarz. „Ich hatte den Fokus auf der Form und dem Material.“ Das Konzept erinnert an seine Anzüge: klassisch und doch sophisticated im Detail. Alle Modelle haben ein hellgraues Futter und olivgrüne Sohle.

          Avantgarde aus Nostalgischem

          Jensen gibt zu, dass er ungern die Kontrolle verliert. Er ist überall dabei, auch bei der Produktion der Anzeigenkampagne für die aktuelle Kollektion „Half Wild, half Child“, für die er mit zwei Freunden, einem Model und einem Fotografen nach Las Vegas reiste. Jensen suchte den Set aus und modelte schließlich selbst mit. „Wenn's nötig war, mache ich auch das Make-up, und es wird garantiert gut.“ Im März wurden sie mit dem renommierten Lead Award als Anzeigenkampagne des Jahres ausgezeichnet. Seine Herbst/Winter-Kollektion 2010/11 beschäftigt sich mit dem Thema Uniform und basiert auf Jensens Credo: „Man muss das Klassische beherrschen, um auszubrechen.“ Er experimentiert mit Orden, Schulterklappen, Litzen und Troddeln. Das klingt nostalgisch, aber Jensen gelingt es, daraus Avantgarde zu machen, die man im Büro, auf der Bühne und im Golden Pudel Club tragen kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Drei Nachbarländer öffnen : Viel Not, wenig Bremse

          Trotz hoher Inzidenzwerte wollen drei Nachbarländer Deutschlands Schulen, Geschäfte oder Kinos öffnen. Warum gehen Frankreich, die Niederlande und Österreich diesen Schritt?

          Pleite mit „allesdichtmachen“ : Angstmacher

          Großer Aufruhr, schnelles Ende: Die Aktion #allesdichtmachen und die Reaktionen darauf zeigen, wie man besser nicht über Corona diskutiert. Es sei denn, man ist erpicht auf Realsatire.
          CSU-Chef Markus Söder: Gibt (noch) keine Ruhe bezüglich der K-Frage in der Union.

          Nach Beschluss bei K-Frage : Söder stichelt weiter gegen Laschet

          Die Begründung für Laschets Kanzlerkandidatur habe ihn „nicht überzeugt“, sagt der CSU-Chef. Er selbst sei progressiver als der Unionsvorsitzende. Die Grünen bezeichnet Söder als den „spannenderen“ Koalitionspartner für die Union.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.