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Auswärtstrikot der Deutschen : Wie aus West Germany

Mit Vergangenheits-Flair: Der Spieler von heute trägt kurze Ärmel und kurze Haare – und schielt trotzdem auf die Mannschaft von 1972. Bild: Dieter Rüchel

Wiederholt sich Geschichte? Das EM-Auswärtstrikot erinnert an das Jersey der deutschen Sieger-Elf von 1972. Mit dem Blick zurück hofft auch Hersteller Adidas auf ein Sommermärchen.

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          Es geht schon los, wenn Ertan Ünlüer zum Beispiel morgens beim Bäcker steht. Den Jungen im EM-Trikot hinter sich in der Schlange lässt er jetzt vor. In den Schulen, sagt Ünlüer, sammele man wieder Panini-Sticker. Und wenn er abends nach der Arbeit noch in einer Kneipe einkehrt, dann ahnt er bereits, dass in knapp zwei Wochen an der Tür Schilder mit Hinweisen zu den ersten Public Viewings kleben werden. Spätestens beim ersten Deutschland-Spiel könnte Ünlüer selbst auf einer der Wiesen um Nürnberg stehen, zwischen Tausenden anderen, Trikot an Trikot. Er wird wahrscheinlich eingequetscht sein, und trotzdem zufrieden.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun muss man wissen, dass Ertan Ünlüer für den Sportartikelhersteller Adidas Trikots entwickelt. Von übernächster Woche an wird er vor den Großleinwänden live sehen können, ob sich die vergangenen zwei Jahre Arbeit für die EM-Jerseys gelohnt haben. Seine Trikots kleiden heute längst nicht nur Spieler und die treuesten Fans, sondern auch Menschen, von denen man es bis vor ein paar Jahren nicht für möglich gehalten hat, dass man ihnen jemals in einem Fußballfanartikel begegnen würde.

          Aber seit dem Sommermärchen 2006 tragen die Deutschen Kickermode, ob nun ein uraltes Trikot, eins der zwei neuen - oder das Fußball-Hemd von Ralph Lauren, den Fußball-Kaschmirpulli von Allude, die Fußball-Flip-Flops von Havaianas. Erst kam das öffentliche Fußballfernsehgucken in Mode; kurz darauf folgten Designer, um neben den Sportartikelherstellern Ausstatter der Public Viewings zu sein.

          Reminiszenz an die Zeit der Wuschelfrisuren

          Jetzt soll man sich, geht es nach Adidas, auch im offiziellen EM-Trikot von 2012 sehen lassen können. Das Heimtrikot mag in Weiß monochrom und kühl anmuten. Die Abstände der dünnen schwarz-rot-goldenen Streifen, die von der linken Schulter diagonal über das Hemd laufen, sind auf den Millimeter präzise berechnet. Das Heimtrikot könnte aus einer Zeit stammen, als Stil noch keine Rolle im Fansport spielte. Trikot Nummer zwei hingegen, das Auswärtstrikot, ist ein grüner Klecks mit einer kräftigen Portion Retro-Charme. Es wirft uns zurück in das Jahr 1972, als die Deutschen in solchen Shirts Europameister wurden. Nach dem Anpfiff ist das Trikot deshalb auch als sportlicher Glücksbringer gedacht.

          Langärmelig und mit Wuschelfrisur: Beckenbauer & Friends.
          Langärmelig und mit Wuschelfrisur: Beckenbauer & Friends. : Bild: IMAGO

          Ein wirtschaftlicher ist es bereits. Schon jetzt ist das froschgrüne Jersey das meistverkaufte Auswärtstrikot in der Geschichte des deutschen Fußballs, berichtet Adidas. Peter Rohlmann, Geschäftsführer der Agentur PR Marketing und Experte im Sportmerchandising, schätzt, dass schon mehr als 300 000 grüne Trikots bei den Fans in den Schränken liegen. Das Jersey ist in der Gesellschaft angekommen.

          Als zur Weltmeisterschaft im Jahr 2002 150 000 Deutschland-Trikots über den Tresen gingen, war das ein grandioser Erfolg. Aus heutiger Sicht eine marginale Menge. „Die deutsche Mannschaft war von 1998 bis 2002 grottenschlecht“, sagt Rohlmann. Und dann holte Rudi Völler mit seinen Spielern im Jahr 2002 doch den Titel des Vize-Weltmeisters. Das ganze Land war begeistert, und das Volk wollte dies am eigenen Leib zeigen. „Mehr als 150 000 Stück gab es von dem Trikot aber gar nicht. So ist damals ein Hype um das Jersey entstanden“, erinnert sich Rohlmann.

          Im Jahr 2004 ebbte dieser kurz ab - und kam dann als ganz großes Phänomen zurück, als zur Fußball-WM in Deutschland mehr als 1,5 Millionen Hemden verkauft wurden. „Ich sehe das auch von der anderen Seite“, sagt Adidas-Trikot-Entwickler Ünlüer. „Bei meinen türkischen Freunden war es bis zur WM 2006 verpönt, ein Deutschlandtrikot zu tragen. Heute kaufe ich das meinem Sohn.“ Auch sein Vater trage es als Reminiszenz an die Zeit, als er nach Deutschland kam und die Spieler Wuschelfrisuren trugen.

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