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Anja Gockel : Keine Lust auf Flickwerk

Ein Ausnahmetalent: Anja Gockel mit Model Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Mainzer Modedesignerin Anja Gockel hat sich beharrlich Schnitt für Schnitt ins Pret-a-porter de luxe vorgearbeitet. Prominente führen ihre Modelle im Blitzlichtgewitter über den roten Teppich. Jetzt feiert sie ihr zehntes Modejubiläum.

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          Die Kollektion ist fast fertig, die meisten Labels sind an die Oberteile genäht, die Kleider hängen an den Stangen, am Sonntag ist die Schau in Düsseldorf. Und was macht Anja Gockel? Die Modemacherin aus Mainz liegt in der Hängematte unter Tannen hinterm Haus im Stadtteil Gonsenheim, telefoniert mit Dutzenden Einzelhändlern - und wird auch schon mal gefragt, ob das Vogelzwitschern im Hintergrund vom Band kommt. Mit schier unerschöpflicher Energie baut sie ihre Marke auf. Aber im rechten Augenblick genießt sie die Wonnen der Provinz, der Herkunft gar, denn es ist das Haus ihrer Großmutter - und verkörpert, ganz anders als vor Schauentagen in der Modewelt üblich, die Ruhe vor dem Sturm, die höchstens ab und zu durch ein Zwitschern unterbrochen wird.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Sie kann gelassen sein. Denn ihre Modemarke, die seit zehn Jahren wächst und wächst, entsteht aus dem Selbstbewußtsein einer 38 Jahre alten Frau, die aus dem Nichts und ohne jeden Bankkredit ein Unternehmen mit zehn festen und zehn freien Mitarbeitern aufgebaut hat - und wie nebenbei noch eine Familie mit drei Kindern führt. An diesem Wochenende wird das zehnte Jahr und die zwanzigste Kollektion mit einer Jubiläumsschau während der Igedo in Düsseldorf gefeiert. Seit Jahren schon zeigt Anja Gockel auf der größten Modemesse der Welt ihre Entwürfe. Wenn sich die Aussteller und Besucher in den Messehallen und Showrooms satt gesehen zu haben glauben, sollten sie sich doch noch auf die Mode mit dem rotgezackten Hahnenkamm im Logo einlassen: Denn Anja Gockel hebt mit ihren Entwürfen den Alltag ins Feierliche und führt die Kundin aus dem engen Bezirk des Trends hinaus in die Freiheit der leichthändigen Kombination.

          Ein Haifischbecken

          Dabei war der Anfang nicht leicht. Nach Abschluß der Hamburger Fachhochschule für Kunst und Design hatte Anja Gockel Mitte der Neunziger als Kommilitonin von Stella McCartney an der Londoner Modeschule Central Saint Martin's studiert, hatte bei großen Marken in der Londoner Szene und in der italienischen Provinz gearbeitet, hatte alle Vorurteile widerlegt, die man gegenüber den vermeintlich so unterkühlten und konfektionsorientierten deutschen Designern hegen könnte, hatte gerade deshalb bei der stilsprengenden und stilprägenden Vivienne Westwood gearbeitet - und sich schließlich für die Selbständigkeit entschieden. Ein mutiger Schritt, der zu einem Dauerlauf wurde.

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          Anja Gockel bewältigt ihn mit rheinischer Fröhlichkeit, ungezwungener Kontaktfreude, freihändiger Phantasie und bodenständiger Geschäftstüchtigkeit. Von ihrem Vater, einem bekannten Mainzer Radiologen, der noch heute, mit 76 Jahren, praktiziert, hat sie den nötigen Arbeitseifer geerbt, und im Umgang mit ihren beiden älteren Brüdern lernte sie schon früh, sich selbst zu behaupten. Keine schlechten Voraussetzungen für eine Kleinunternehmerin in einer Branche, in der Eitelkeit und Neid die schärfsten Werkzeuge sind.

          Das Bett unterm Schneidetisch

          In London bekam ihr Selbstbewußtsein den letzten Schliff. Sie stellte sich in den ersten Jahren in Denmark Hill im tristen Südosten der Stadt auf eine harte Probe. Ihre kleine Dreizimmerwohnung verwandelte sie in einen Gewerbebetrieb mit Werkstatt, Büro und Atelier. Erstmals wurde sie bekannt über ein großes Porträt in dieser Zeitung am 20. Februar 1998. Der Titel sprach für sich und für sie: "Das Bett unterm Schneidetisch". Die Erfolge stellten sich nur langsam ein. "London", sagt sie heute offen, "hätte mich auf Dauer kaputtgemacht." Als sie im Jahr 2000 in ihre Heimatstadt Mainz umzog, hatte sie nach vier Jahren Arbeit in London noch die gleichen fünf Kunden, die sie schon am Anfang gehabt hatte.

          Heute hat sie mehr als hundert Kunden in zwanzig Ländern; vor allem der deutsche Markt ("Die Stimmung ist wirklich gut") und der arabische entwickeln sich erfreulich; die Umsätze wachsen zweistellig von Saison zu Saison; statt 100 produziert sie nun 200 Teile pro Saison; die Modepresse nimmt sie als eine der Designerinnen wahr, die - wie etwa Anna von Griesheim in Berlin, Bettina Schoenbach in Hamburg oder Gabriele Blachnik in München - Societyladys und Jungschauspielerinnen einkleiden. Und die Modemacherin empfängt Besuch in einem Atelier mit angeschlossenem Büro und Küche dort, wo Mainz am lieblichsten ist: im Kunstquartier "Alte Patrone" auf dem Hartenberg, einer alten Munitionsfabrik, die nun für rundum friedliche Zwecke genutzt wird. Nur ab und zu stürmen Hunderte Modebegeisterte den Platz, wenn Anja Gockel am "Tag der offenen Tür" im Atelier ihre Kleider verkauft. Daher also die Liste mit den Verkaufspreisen an der Tür: "Mantel 498, Kleid (kurz) 290, Abendkleid 590, Bluse 148".

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