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Amateure als Models : Ausflug auf den Laufsteg

Von der Insel: Echte Sizilianer bei der Dolce&Gabbana-Schau in Mailand. Bild: dpa

Der Tapetenhändler aus Köln oder die Schüler von Sizilien stehen eigentlich mit beiden Beinen in einem anderen Leben. Da die Mode aber gerade besondere Charaktere sucht, werden aus ihnen Models.

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          Ihre eigene Musik bringen sie auch gleich mit. Zu diesen fröhlichen Takten, dem Klatschen, dem Pfeifen der Flöten, den Rasseln, den Tamburinen, den Akkordeon- und Gitarrenklängen der sizilianischen Musiker läuft es sich fast so beschwingt über den Mailänder Laufsteg wie über die hügeligen Gassen von Taormina, Messina oder Catania. Einer ist spindeldürr, der andere ein Muskelprotz, der nächste nicht älter als elf Jahre, ein anderer 40.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Hosen mögen manchen von ihnen um ein paar Zentimeter zu kurz sein, die Shorts sind mal zu eng, mal zu weit, und wenn Letzteres der Fall ist, sitzen die Hosenbünde bis über der Taille, wo sie dann mit Gürteln festgezurrt sind - als sei die falsche Größe ein Zeichen dafür, dass die Hose eigentlich dem Cousin aus dem Nachbarort an der sizilianischen Ostküste gehören soll. Ihre Schuhe - Ledersandalen - sehen indessen aus, als wären sie uralt und von Sand und Salzwasser gezeichnet. Ihre Hemden sind mit barocken Fresken bedruckt, die in der Heimat in ihren Kirchen hängen, oder mit solchen bunten Motiven, die sie aus den Souvenirläden kennen, an denen sie täglich vorbeilaufen.

          Dolce&Gabanna-Shorts, mit Gürtel festgezurrt: Als wäre es die Hose vom Cousin aus dem Nachbarort.

          Schüler, Kellner, Arbeitslose, Unternehmer

          Ende Juni traten die Männer, die zum Beispiel Francesco Boscarelli, Giuseppe Zamamordente oder Thomas Barca heißen, zum ersten Mal in ihrem Leben auf einen Laufsteg. Anstelle Models zu casten, fanden die Designer des Mailänder Labels Dolce & Gabbana, Domenico Dolce und Stefano Gabbana, auf Sizilien zuvor die passenden Charaktere für die Schau, insgesamt 74. „Wir waren auf der Suche nach Normalität“, sagt Dolce. „Wir haben uns selbst vorgestellt, wie es wäre, an einem Samstagnachmittag in einem Laden zu stehen und dort all diese Leute zu beobachten.“

          Das Casting dauerte drei Monate. Auch in der kommenden Herbstkampagne des Hauses mischen die Einheimischen das Bild zwischen den Models und der Schauspielerin Monica Bellucci am Set in Taormina auf. „Die Winterkollektion mutet allein schon der Inspiration wegen - des Barockthemas - sehr wertvoll an“, sagt Dolce. Mit den Einheimischen, darunter Schüler, Kellner, Arbeitslose oder Unternehmer, kämen die Kleider anders zur Geltung. „Wir selbst konnten sie in einem neuen Licht sehen.“

          Nun sind Menschen, die eigentlich mit beiden Beinen in einem anderen Leben stehen, als Models keine Fremden in der Mode. Benetton zum Beispiel schockiert seit den achtziger Jahren mit ihnen. Comptoir des Cotonniers zeigt seit den Neunzigern Mütter und Töchter innig und American Apparel seine Mitarbeiter seit den nuller Jahren anrüchig. Zuletzt steckte Peek & Cloppenburg Krimiautoren des Ullstein Verlags in kuscheligen Strick und fotografierte sie anschließend in der bayerischen Idylle.

          Jetzt also Dolce & Gabbana - und Prada und Lanvin. In der Krise sucht auch die erste Liga der Mode nach besonderen Charakteren, mit denen sich Geschichten erzählen lassen, die andere Leute berühren. Fündig werden sie bei Menschen von nebenan oder zum Beispiel bei Eva Gödel, Gründerin der Modelagentur „Tomorrow Is Another Day“ aus Düsseldorf.

          „Was Prada macht, ist Vorbild für andere“

          Gödel ist ständig auf der Suche nach neuen Gesichtern - immerzu: wenn sie Einkäufe macht, zum Auto läuft oder Freunde andernorts besucht. Im April fiel ihr auf der Kunstmesse Art Cologne der 45 Jahre alte Marketingchef einer großen Brauereikette ins Auge. Schon im Januar zuvor hatte sie den 52 Jahre alten Kölner Tapetenhändler Bernd Sassmannshausen erfolgreich in der Prada-Schau für den kommenden Winter untergebracht. „Das war damals neu. Prada war in den vergangenen Jahren die erste Marke, die wieder ältere Models angefragt hat“, erinnert sich Gödel.

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