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Accessoires : Bast is back

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Strandgut: Kopfbedeckung von Adidas
          3 Min.

          Möglichweise war Ötzi zu Lebzeiten ein besonders modebewußter Mensch, vielleicht hatte er aber auch nur eine Vorliebe für praktische Kleidung: robust und trotzdem leicht, unempfindlich gegenüber Schmutz und einfach zu verarbeiten? Auf jeden Fall trug der Gletschermann schon vor etwa 5000 Jahren ein Hemd aus geflochtenem Lindenbast - und mit dieser Materialwahl läge er auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch voll im Trend.

          Denn die Modemacher haben die Bastfaser wiederentdeckt. Ein Naturmaterial, das bereits in den 50er und 60er Jahren in St. Tropez und Cannes als überdimensionale Strohhüte ans Sonnenlicht kam und seitdem ein Schattendasein in der Bastelecke fristete. In diesem Sommer sind Strandmatten nicht das einzige Accessoire aus Bast: Vor allem Taschen und Schuhe, aber auch Gürtel und Hüte werden aus der reißfesten Faser geflochten und gewoben.

          Elastisch und trotzdem bruchsicher

          Doch was ist eigentlich Bast? „Als Bast bezeichnet man generell die faserige Unterlage der Rinde, an jedem Stamm oder Pflanzenstengel, die sich meist in dünnen Streifen ablösen läßt. Bast- oder Stengelfasern sind also ein natürlicher Rohstoff“, definiert Jörg Müssig, Lehrstuhlinhaber am Faserinstitut der Universität Bremen. „Je nachdem von welcher Pflanze die Bastfasern gewonnen werden, kennt man sie auch unter der Bezeichnung Flachs, Jute oder Hanf.“ Der Fachmann für Naturnahe Werkstoffe ist von der Vielseitigkeit des Bastes begeistert: „Es ist wohl eines der wenigen Materialien, das sowohl in der Mode, als auch zum Beispiel im Automobilbau genutzt wird - und zwar als Dämmmaterial in den Türverkleidungen“. Welshalb auch jede Basttasche als Stoßfest gelten könne.

          „Very Sophisticated”: Modell von Givenchy
          „Very Sophisticated”: Modell von Givenchy : Bild: Givenchy

          Hanf- und Flachsfasern liefern besonders zähen Bast, der sich aber im Gegensatz zu Fruchtfasern wie Kokos oder Blattfasern wie Sisal, aber leichter verarbeiten läßt. Das Material, hauptsächliche Anbaugebiete sind Indien und Bangladesch, wird von den Stengeln abgezogen, eingeweicht, gepreßt und in wenige Millimeter schmale Streifen geschnitten. Dann müssen die Fasern noch in feuchtem und biegsamen Zustand geflochten werden. Durch die Dünne des Materials lassen sich so viel feinere Oberflächen herstellen als zum Beispiel bei Körben aus holzigen Weidenruten. Beim Trocknen härtet die aufgeweichte Zellulose, sorgt für eine glatte Oberfläche und wirkt „wie ein natürlicher Klebstoff“, erklärt Jörg Müssig. „Daher bleibt ein Gebilde aus Bast elastisch und trotzdem bruchsicher.“

          Gepäckstücke im Miniaturformat

          Kein Wunder, daß nahezu alle Naturvölker das Fasermaterial zur Herstellung von Transportgefäßen zu nutzen wissen. Perfekte Voraussetzungen für eine moderne Handtasche, die auch mal einen Strandausflug aushalten soll. Fast jede große Modemarke führt in dieser Saison ein Modell aus Bastfasern. „Very sophisticated“ kommt ein Entwurf von Givenchy daher: Naturfarben das Bastgeflecht, eingerahmt von schwarzen Paspeln und weißen Henkeln. Als Anhänger ein Kofferschildchen.

          Das weiße Modell von Fendi erinnert ebenfalls an ein Gepäckstück im Miniaturformat und schon wegen ihrer Robustheit eignen sich die Basttaschen durchaus als Reisebegleiter; zudem bieten die meisten bieten viel Stauraum. Bei Prada wurde ein Exemplar mit weißer Straußenlederlasche und Kettenriemchen verziert, und bei Boss, Missoni und Gucci hat man das Bastgewebe mit Lederschnallen und Henkeln in warmen Erdtönen kombiniert. Auch wenn die Tasche aus Bast ein Tagesaccessoire bleibt, weil sie erst im Sonnenschein ihren Portofino-Flair entfaltet, bleibt sie im Stil elegant, fein und zurückhaltend - mit den eingefärbten Korbtaschen der Hippie-Zeit, dekoriert mit Kunstblumen und floralen Stickereien, haben die neuen Modelle nichts gemein.

          Natürliches Bast-Fußbett

          Aus den „Wir-fahren-zum-ersten-Mal-nach-Ibiza“-Tagen ist auch das Schuhwerk aus Bast bekannt, das jetzt in Kombination mit einfarbigen Strohhüten (zum Beispiel von Marc Cain) und Bastgürteln (Schumacher) ein hochhackiges Comeback feiert. In Spanien läuft man schon seit dem 17. Jahrhundert in den sogenannten Espandrilles. Bei Emilio Pucci, Hermès, Marc Jacobs und Emporio Armani haben die Designer den flachen Strandschlappen ein gründliches Facelifting verpaßt. Das ursprüngliche Obermaterial Leinen ist weichem Leder und besticktem Satin gewichen, insgesamt wurde an Stoff gespart: Fersen und Zehen sind zu sehen, dafür wurden zarte Riemchen oder Fesselbänder aufgesetzt. Die geben dem Fuß Halt, den er auch braucht, denn kaum ein Modell kommt ohne einen mindestens sieben Zentimeter hohen Keilabsatz und Plateausohlen daher.

          Ein wenig verspielt und romantisch bleiben jedoch auch die neuen Espandrilles, und dank des Sohlenmaterials trotz der Absatzhöhe durchaus bequem. Denn die Sohle aus Jute-Kordeln, meist handelt es sich um Bastfasern der Tossa- oder White-Jute - nach dem Trocknen zu Garn gesponnen und zu Seil verarbeitet - federn und sind so etwas wie ein natürliches Fußbett. Und keine Angst: Einen kurzen Sommerschauer und ein paar Spritzer Meerwasser halten Espandrilles schon aus. Man könnte vorausschauend ein paar besonders schöne Exemplare der fast unverwüstlichen Bast-Accessoires am Ende dieses Sommers ja in eine Gletscherspalte werfen: Bast wird sicherlich auch noch in den kommenden 5000 Jahren einmal wieder Thema sein.

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