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Kaschmir-Rolli von Iris von Arnim, karierter Rock aus Wolle von Lutz Huelle, Stühle S 43 von Mart Stam

In der Werkstatt

Von ALMUT VOGEL, Fotos JONAS UNGER
Kaschmir-Rolli von Iris von Arnim, karierter Rock aus Wolle von Lutz Huelle, Stühle S 43 von Mart Stam

12.11.2018 · Modernes Design hält lange. In der Thonet-Fabrik in Frankenberg. Und in der neuen deutschen Mode.

D a wäre zum Beispiel das Paillettenshirt von Ayzit Bostan. Die Pailletten sind sinnvoll für den Entwurf. Auf der einen Seite sind sie schwarz, auf der anderen weiß. Die Strichrichtung ist entscheidend. Ein Designer muss so ein Material erst mal finden, und er muss es zu würdigen wissen.

Paillettenshirt von Ayzit Bostan, Kreolen mit Diamanten von Ina Beissner, Fußhocker S 411 aus dem Jahr 1932, Beistelltisch B 9 d von Marcel Breuer und Stuhl S 34 N von Mart Stam.

Eigentlich könnte die Sache ja klar sein: kein Kleidungsstück ohne das Textil, den Stoff. Wenn man einen Stoff hat, dessen Materialität schon so viel mitbringt, dass sich aus ihm ein interessantes Kleidungsstück fertigen lässt, dann braucht es keine komplizierte Schnittführung mehr, weder Rüschen noch Ornamente. Ein hochwertiger Doubleface-Kaschmir oder dieser Paillettenstoff haben nicht mehr nötig als eine einfache Schnittführung und eine klare Formensprache. Alles andere wäre dem Material gegenüber geradezu respektlos.

Mode war am Bauhaus kein Thema, Mode galt damals nicht als Kunsthandwerk und schon gar nicht als Kunst.

Sonnenbrillen von Mykita
Armreifen von Uncommon Matters
Braune Ledertasche von PB0110

Aber die Lehren des Bauhaus sind bis heute in der Mode präsent. Da wäre der Funktionalismus, die Form, die der Funktion zu folgen hat. Mode kann natürlich auch ganz anders sein – High-Heels, in denen man nicht weiter als 100 Meter laufen kann, sind auch Mode, und zwar im ausschließlich dekorativen Sinne. Oder üppige Haute-Couture-Roben. Diese Art von Mode verliert trotzdem zunehmend an Bedeutung im Vergleich zu den vielen Turnschuhen, mit denen man sich jetzt auch auf Cocktail-Empfängen sehen lassen kann, im Vergleich also zum seriellen Charakter der Mode.

Pumps von Lutz Huelle

Wenn das Bauhaus die Industrialisierung von Fertigungsweisen vorangetrieben hat, dann hat es die Modebranche insofern auch geschafft, diese Errungenschaft bis zur Überbelastung für Umwelt und Mensch für sich zu nutzen. Bevor es Massenfertigung in Südostasien gab, bevor immer mehr Mode produziert wurde und diese immer schneller zu konsumieren war, stand mal die Grundidee der höheren Reichweite, an der gar nichts auszusetzen war. Auch die Entwürfe ordneten sich dem seriellen Charakter unter, es ging um die Funktion, und wenn man sich in Deutschland umschaut, wird deutlich, dass es vor allem um Kleidung geht, die unserem Leben und Alltag zu entsprechen hat. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Mode nicht nur am Bauhaus kein Thema war, sondern dass wir Deutschen Schönheit und Glanz noch immer nicht überbewerten wollen. Der funktionale Gedanke ist umso wichtiger, er gibt der Mode Berechtigung. Der Doubleface-Kaschmir-Mantel von René Storck beschützt erst einmal, aber indem er dann auch noch schön aussieht, zeigt sich, was gutes Design erreichen kann.

Oberteil und Hose von Gauchère, Loafer von Jil Sander, Kreolen von Margova Jewellery, Stuhl S 32 PV von Marcel Breuer
Dunkelblauer Doubleface-Kaschmir-Mantel von René Storck, Schuhe zum Schnüren von Ed. Meier, Strümpfe von Falke, Schreibtisch S 285 von Marcel Breuer und Kinderversion des Stuhls S 43 von Mart Stam
Anzug mit Armstulpen und Loafer von Jil Sander, goldene Kreolen von Margova Jewellery, Regal mit drei Böden B 22 a und Beistelltisch B 9 d von Marcel Breuer, Beistelltisch B 97 b aus dem Jahr 1933

Die Kleider, die wir hier zeigen, sind schön, weil sie getragen werden wollen, statt ihren Besitzer zu tragen. Auch das Jersey-Shirt von Gauchère ist funktional. Streng genommen ist es sogar multifunktional: Ärmel und Rollkragenelemente kann man wie gewohnt tragen. Oder sie so lösen, dass sie Oberarme und Rücken umspielen. Weil das Material es hergibt.

Seidenbluse und Rock mit Plissees von Nobi Talai

Fotograf: Jonas Unger
Styling: Almut Vogel
Model: Runa Neuwirth (AM Model Management)
Haare und Make-up: Ute Hildenbeutel
Casting: Simone Schofer
Stylingassistenz: Yves Tronnier
Fotoassistenz: Paul Lehr
Produktion: Bird Production Berlin
Fotografiert am 16.09.2018 in der Fabrik von Thonet in Frankenberg (Eder).
Alle Möbelstücke in dieser Fotostrecke wurden von Thonet produziert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 12.11.2018 12:48 Uhr