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Flaggen in der Mode : Das wird man wohl noch tragen dürfen

Tommy Hilfiger überträgt die amerikanische Flagge auch jetzt auf seine Kleider. Bild: AFP

In Zeiten, da nationalistische und protektionistische Stimmen lauter werden, stellt sich auch die Frage zu Flaggen auf dem Trikot oder auf dem Sweatshirt: Ist der Party-Patriotismus in Katerstimmung?

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          Natürlich sieht das Trikot, das die Spieler der deutschen Nationalmannschaft und somit auch Millionen von Fans in diesem Sommer zur Fußball-WM tragen werden, noch immer deutsch aus. Auch ohne Schwarz-Rot-Gold auf der Brust. Allein die klaren Linien, das nüchterne Schwarzweiß, diese halb technische Anmutung passen so gut zu einem Land, das weltweit zum Beispiel für seine effizienten Spülmaschinen geschätzt wird. Für sein Ingenieurwesen, jenseits von Dieselmotoren und Abgaswerten. Wer nicht weiß, dass dieses Design an das von 1990 erinnern soll, als Deutschland in Italien Weltmeister wurde, der wird den gewissen Retro-Charme im klaren, konsequenten Entwurf des Trikots vermutlich kaum erkennen. Die Anmutung mag, mit den Rauten damals, ähnlich gewesen sein – und doch ganz anders. 1990 dominierte ja Schwarz-Rot-Gold auf der Brust.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Geht das überhaupt noch in einer Zeit, da rechtspopulistische Parteien an Boden gewinnen? Nationalistische Strömungen zunehmen? Kann man Schwarz-Rot-Gold noch so unverkrampft auf dem Trikot tragen wie in den Jahren nach dem sogenannten Sommermärchen 2006? Oder die amerikanischen Stars and Stripes: Passen die noch auf das Sweatshirt, ohne damit gleich auf Donald Trumps „America first“ anzuspielen? Auf seine Art von Protektionismus, zu der auch die in der vergangenen Woche verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium gehören?

          Union-Jack-Tops als Verkaufsschlager

          Oder der britische Union Jack: Legendär der Auftritt von Geri Halliwell als Mitglied der Spice Girls, die das Muster 1997 bei den Brit Awards auf einem superknappen Kleid trug. Noch Jahrzehnte später profitierten Souvenir-Verkäufer davon, mit Kopien, mit Union-Jack-Tops und Unterhosen und Strümpfen an jeder Straßenecke im Stadtzentrum Londons. Spätestens seit dem Brexit-Referendum ist die Sache komplizierter: Im vergangenen Sommer, zur „Last Night of the Proms“, einem der größten alljährlichen Highlights im Londoner Kulturkalender, hielten einige Menschen, die zu diesem Anlass gekommen waren, keine Union-Jack-Flaggen in der Hand, sondern jene mit EU-Sternen. Die brexiteers schäumten. Einige remainers – jene Menschen, die nicht einverstanden mit dem Brexit sind – warfen andererseits vor einiger Zeit einem Mann Rassismus vor, weil er sich mit seinem Geschäft in Nordlondon ganz dem Union-Jack-Thema widmet, weil der Laden „Really British“ heißt – und das doch fast das Gleiche sei wie „Britain first“. Jene Worte, die der Mörder der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox damals bei dem Anschlag im Jahr 2016 gerufen hatte.

          Das waren noch Zeiten, als Geri Halliwell 1997 im Union-Jack-Kleid auftrat.

          In Sachen Party-Patriotismus, so scheint es, ist jetzt jedenfalls Katerstimmung angesagt. Kaum denkbar, dass Angela Merkel die sogenannte Schlandkette, die sie im Wahlkampf 2013 zum Fernseh-Duell gegen Peer Steinbrück getragen hat, noch mal vier Jahre später herausgeholt hätte. Dafür war die Deutschland-Flagge in den Monaten zuvor einfach zu präsent auf den Pegida-Demos gewesen. Angela Merkel trug dann stattdessen, zum Duell gegen Martin Schulz, etwas Schlichtes – simplen Silberschmuck. Dass diese Schlandkette damals eine neue Art war, mit Schwarz-Rot-Gold umzugehen, sagt auch die Sozialpsychologin Julia Becker von der Universität Osnabrück. Im Jahr 2017 hat sie zur Flagge eine erste kulturvergleichende Studie publiziert. „In vielen Ländern ist es so, dass die Flagge demokratische Werte und egalitäre Prinzipien aktiviert“, sagt Becker. In Deutschland sei das anders. „Hier wird vor allem Fußball mit der Flagge assoziiert.“ Flaggen, so die Ergebnisse damals, seien durchaus Ausdruck von Patriotismus. „Wir haben auch einen schwachen Zusammenhang mit Nationalismus gefunden. Der war nicht stark, aber trotzdem signifikant.“

          Vetements nimmt sich das Schweizer Kreuz vor.

          Auf dieser Grundlage hat die Sozialpsychologin nun weitergeforscht. In einer neuen Studie, deren Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen, hat sie untersucht, welche Rolle der Zusammenhang spielt, in dem Flaggen gezeigt werden. Studienteilnehmer sahen die Flagge in einem von vier Kontexten: im Fußballstadion, beim Militär, in der Politik oder auf einem Modeaccessoire. „Wir wollten untersuchen, ob unterschiedliche Dinge mit der Flagge assoziiert werden, je nachdem, in welchem Kontext man sie sieht, und je nachdem, ob es die deutsche Flagge oder die Italien-Flagge ist“, sagt Julia Becker. Für die Mode bekamen die Studienteilnehmer Bilder mit einer der zwei Flaggen auf Sonnenbrillen zu sehen. „Meine Annahme war, dass es auch ein bisschen um Patriotismus geht, aber dass die Flagge auf Modeaccessoires besonders die Wertigkeit eines Produktes suggerieren soll.“

          Diese bestätigte sich denn auch. Sowohl die Sonnenbrille mit deutscher als auch die mit italienischer Flagge brachten die Studienteilnehmer am stärksten mit Qualität und Kompetenz in Verbindung. „Das passt sehr gut, weil Flaggen auf Modeartikeln spielerischer sind, als wenn sie im Zusammenhang mit Politik oder dem Militär gezeigt werden“, sagt Becker. In mittlerer Ausprägung assoziierten die Studienteilnehmer außerdem Nationalismus und Patriotismus mit den Flaggen auf Modeaccessoires. „Allerdings ist der Mittelwert deutlich geringer im Vergleich zu Assoziationen mit der Flagge im Sport und beim Militär.“ Gewalt, preußische Sekundärtugenden, demokratische Werte oder Multikulturalismus hingegen würden, der Studie zufolge, bei Flaggen auf Modeartikeln auch jetzt nur eine untergeordnete Rolle spielen.

          Der „EUnify Hoodie“ ist ein echtes Statement

          Solche positiven Assoziationen werden auch der Grund dafür sein, dass etwa Tommy Hilfiger, dessen Mode typisch amerikanisch ist, natürlich weiterhin nicht nur im Logo auf die Farben Rot-Weiß-Blau setzt, sondern zum Beispiel zur Fashion Week in Mailand vor drei Wochen auch unbeirrt Anoraks mit Stars and Stripes gezeigt hat. So schnell ist die Symbolkraft einer Flagge nicht umzudeuten. „Auch mit dem Union Jack auf dem Pullover ist es wahrscheinlich, dass Menschen in Deutschland vor allem einen Retro-Style und keine nationalistische Einstellung assoziieren“, sagt Julia Becker.

          Das wird man also noch tragen dürfen. Das Kollektiv Vetements, das Mode ein bisschen weniger ernst nimmt als alle anderen Marken und sie eben mit dieser Einstellung verändert hat, schreibt sich das Patriotismus-Thema ohnehin von Anfang an auf die eigene Fahne. „Deutschland“, „Ich komm zum Glück aus Osnabrück“, stand schon auf den Teilen, die dann um die Welt gingen. Vor einem Jahr ist Vetements nach Zürich umgezogen, also gibt es jetzt auch Käppis mit Schweizer Flagge. Geradezu neutral! Ein echtes Statement-Sweatshirt ist dagegen das Teil der Berliner Galerie König, der „EUnify Hoodie“ in Europa-Blau. Darauf gelbe Sterne, nur dass einer der üblichen zwölf fehlt. Das Anti-Brexit-, Pro-Europa-Sweatshirt macht auch jetzt, ein Jahr nach Lancierung, noch ganz gut die Runde auf Facebook und Instagram. Dieses Thema bleibt ja aktuell.

          Schwarzweiß: Hummels im Trikot 2018

          Fehlt auf dem Trikot, in dem die deutsche Nationalmannschaft in diesem Sommer in Russland spielen wird, also ohne Schwarz-Rot-Gold etwas? „Ich glaube, dass das keine große Bedeutung haben sollte“, sagt die Sozialpsychologin Julia Becker. „Wenn man sich die Reaktionen anschaut, sieht man, dass es jene gibt, vor allem aus dem AfD-Spektrum, die sich durchaus davon bedroht fühlen.“ Von der Idee, dass ein Deutschland-Trikot jetzt ohne Deutschland-Flaggenfarben auskommt. „Und dann gibt es jene, denen es primär um den Spaß am Fußball geht und denen es egal ist, ob eine Flagge auf dem Trikot zu sehen ist oder nicht.“

          Obwohl Becker in ihrer Studie einen Zusammenhang gefunden hat zwischen Nationalismus und der Anzahl von Deutschland-Flaggen, mit denen sich Menschen während Fußballspielen schmücken, ist es nämlich so, dass Flaggen im Sport am wenigstens mit preußischen Sekundärtugenden und Gewalt assoziiert werden. Patriotismus und Nationalismus mögen in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema sein. Sie landeten in der Studie auf Platz zwei und drei. In erster Linie assoziierten die Teilnehmer sowohl mit der deutschen als auch mit der italienischen Flagge im Stadion aber: Sport.

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