https://www.faz.net/-hrx-9879u

Flaggen in der Mode : Das wird man wohl noch tragen dürfen

Tommy Hilfiger überträgt die amerikanische Flagge auch jetzt auf seine Kleider. Bild: AFP

In Zeiten, da nationalistische und protektionistische Stimmen lauter werden, stellt sich auch die Frage zu Flaggen auf dem Trikot oder auf dem Sweatshirt: Ist der Party-Patriotismus in Katerstimmung?

          Natürlich sieht das Trikot, das die Spieler der deutschen Nationalmannschaft und somit auch Millionen von Fans in diesem Sommer zur Fußball-WM tragen werden, noch immer deutsch aus. Auch ohne Schwarz-Rot-Gold auf der Brust. Allein die klaren Linien, das nüchterne Schwarzweiß, diese halb technische Anmutung passen so gut zu einem Land, das weltweit zum Beispiel für seine effizienten Spülmaschinen geschätzt wird. Für sein Ingenieurwesen, jenseits von Dieselmotoren und Abgaswerten. Wer nicht weiß, dass dieses Design an das von 1990 erinnern soll, als Deutschland in Italien Weltmeister wurde, der wird den gewissen Retro-Charme im klaren, konsequenten Entwurf des Trikots vermutlich kaum erkennen. Die Anmutung mag, mit den Rauten damals, ähnlich gewesen sein – und doch ganz anders. 1990 dominierte ja Schwarz-Rot-Gold auf der Brust.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Geht das überhaupt noch in einer Zeit, da rechtspopulistische Parteien an Boden gewinnen? Nationalistische Strömungen zunehmen? Kann man Schwarz-Rot-Gold noch so unverkrampft auf dem Trikot tragen wie in den Jahren nach dem sogenannten Sommermärchen 2006? Oder die amerikanischen Stars and Stripes: Passen die noch auf das Sweatshirt, ohne damit gleich auf Donald Trumps „America first“ anzuspielen? Auf seine Art von Protektionismus, zu der auch die in der vergangenen Woche verhängten Strafzölle auf Stahl und Aluminium gehören?

          Union-Jack-Tops als Verkaufsschlager

          Oder der britische Union Jack: Legendär der Auftritt von Geri Halliwell als Mitglied der Spice Girls, die das Muster 1997 bei den Brit Awards auf einem superknappen Kleid trug. Noch Jahrzehnte später profitierten Souvenir-Verkäufer davon, mit Kopien, mit Union-Jack-Tops und Unterhosen und Strümpfen an jeder Straßenecke im Stadtzentrum Londons. Spätestens seit dem Brexit-Referendum ist die Sache komplizierter: Im vergangenen Sommer, zur „Last Night of the Proms“, einem der größten alljährlichen Highlights im Londoner Kulturkalender, hielten einige Menschen, die zu diesem Anlass gekommen waren, keine Union-Jack-Flaggen in der Hand, sondern jene mit EU-Sternen. Die brexiteers schäumten. Einige remainers – jene Menschen, die nicht einverstanden mit dem Brexit sind – warfen andererseits vor einiger Zeit einem Mann Rassismus vor, weil er sich mit seinem Geschäft in Nordlondon ganz dem Union-Jack-Thema widmet, weil der Laden „Really British“ heißt – und das doch fast das Gleiche sei wie „Britain first“. Jene Worte, die der Mörder der britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox damals bei dem Anschlag im Jahr 2016 gerufen hatte.

          Das waren noch Zeiten, als Geri Halliwell 1997 im Union-Jack-Kleid auftrat.

          In Sachen Party-Patriotismus, so scheint es, ist jetzt jedenfalls Katerstimmung angesagt. Kaum denkbar, dass Angela Merkel die sogenannte Schlandkette, die sie im Wahlkampf 2013 zum Fernseh-Duell gegen Peer Steinbrück getragen hat, noch mal vier Jahre später herausgeholt hätte. Dafür war die Deutschland-Flagge in den Monaten zuvor einfach zu präsent auf den Pegida-Demos gewesen. Angela Merkel trug dann stattdessen, zum Duell gegen Martin Schulz, etwas Schlichtes – simplen Silberschmuck. Dass diese Schlandkette damals eine neue Art war, mit Schwarz-Rot-Gold umzugehen, sagt auch die Sozialpsychologin Julia Becker von der Universität Osnabrück. Im Jahr 2017 hat sie zur Flagge eine erste kulturvergleichende Studie publiziert. „In vielen Ländern ist es so, dass die Flagge demokratische Werte und egalitäre Prinzipien aktiviert“, sagt Becker. In Deutschland sei das anders. „Hier wird vor allem Fußball mit der Flagge assoziiert.“ Flaggen, so die Ergebnisse damals, seien durchaus Ausdruck von Patriotismus. „Wir haben auch einen schwachen Zusammenhang mit Nationalismus gefunden. Der war nicht stark, aber trotzdem signifikant.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klage vor Supreme Court : John Majors Verachtung für Boris Johnson

          Der frühere Premierminister John Major ging zu seiner Amtszeit nicht mit Samthandschuhen vor. Doch Boris Johnsons Mittel gehen ihm zu weit. Deswegen hat er sich der Klage gegen die Beurlaubung des Parlaments angeschlossen.
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          F.A.Z.-Sprinter : Plötzlich kleinlaut

          Trump, Netanjahu und Johnson kennt man großspurig. Doch plötzlich zögert Trump, kämpft Netanjahu um sein politisches Überleben und muss sich Johnson vor dem Supreme Court rechtfertigen. Alles Wichtige steht im F.A.Z.-Sprinter.
          Die Talkrunde zum Thema Klimapolitik bei Frank Plasberg

          TV-Kritik: Hart aber fair : Die Realität der Zwickmühle

          Die Klimapolitik ist so verzwickt, dass es den üblichen Verdächtigen kaum noch gelingt, Einsicht in das Notwendige oder gar Verhaltensänderungen zu erreichen. Tatsächlich sehen einige das Format der Talkshow als Pranger für üble Phantasien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.