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Flaggen in der Mode : Das wird man wohl noch tragen dürfen

Vetements nimmt sich das Schweizer Kreuz vor.

Auf dieser Grundlage hat die Sozialpsychologin nun weitergeforscht. In einer neuen Studie, deren Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen, hat sie untersucht, welche Rolle der Zusammenhang spielt, in dem Flaggen gezeigt werden. Studienteilnehmer sahen die Flagge in einem von vier Kontexten: im Fußballstadion, beim Militär, in der Politik oder auf einem Modeaccessoire. „Wir wollten untersuchen, ob unterschiedliche Dinge mit der Flagge assoziiert werden, je nachdem, in welchem Kontext man sie sieht, und je nachdem, ob es die deutsche Flagge oder die Italien-Flagge ist“, sagt Julia Becker. Für die Mode bekamen die Studienteilnehmer Bilder mit einer der zwei Flaggen auf Sonnenbrillen zu sehen. „Meine Annahme war, dass es auch ein bisschen um Patriotismus geht, aber dass die Flagge auf Modeaccessoires besonders die Wertigkeit eines Produktes suggerieren soll.“

Diese bestätigte sich denn auch. Sowohl die Sonnenbrille mit deutscher als auch die mit italienischer Flagge brachten die Studienteilnehmer am stärksten mit Qualität und Kompetenz in Verbindung. „Das passt sehr gut, weil Flaggen auf Modeartikeln spielerischer sind, als wenn sie im Zusammenhang mit Politik oder dem Militär gezeigt werden“, sagt Becker. In mittlerer Ausprägung assoziierten die Studienteilnehmer außerdem Nationalismus und Patriotismus mit den Flaggen auf Modeaccessoires. „Allerdings ist der Mittelwert deutlich geringer im Vergleich zu Assoziationen mit der Flagge im Sport und beim Militär.“ Gewalt, preußische Sekundärtugenden, demokratische Werte oder Multikulturalismus hingegen würden, der Studie zufolge, bei Flaggen auf Modeartikeln auch jetzt nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Der „EUnify Hoodie“ ist ein echtes Statement

Solche positiven Assoziationen werden auch der Grund dafür sein, dass etwa Tommy Hilfiger, dessen Mode typisch amerikanisch ist, natürlich weiterhin nicht nur im Logo auf die Farben Rot-Weiß-Blau setzt, sondern zum Beispiel zur Fashion Week in Mailand vor drei Wochen auch unbeirrt Anoraks mit Stars and Stripes gezeigt hat. So schnell ist die Symbolkraft einer Flagge nicht umzudeuten. „Auch mit dem Union Jack auf dem Pullover ist es wahrscheinlich, dass Menschen in Deutschland vor allem einen Retro-Style und keine nationalistische Einstellung assoziieren“, sagt Julia Becker.

Das wird man also noch tragen dürfen. Das Kollektiv Vetements, das Mode ein bisschen weniger ernst nimmt als alle anderen Marken und sie eben mit dieser Einstellung verändert hat, schreibt sich das Patriotismus-Thema ohnehin von Anfang an auf die eigene Fahne. „Deutschland“, „Ich komm zum Glück aus Osnabrück“, stand schon auf den Teilen, die dann um die Welt gingen. Vor einem Jahr ist Vetements nach Zürich umgezogen, also gibt es jetzt auch Käppis mit Schweizer Flagge. Geradezu neutral! Ein echtes Statement-Sweatshirt ist dagegen das Teil der Berliner Galerie König, der „EUnify Hoodie“ in Europa-Blau. Darauf gelbe Sterne, nur dass einer der üblichen zwölf fehlt. Das Anti-Brexit-, Pro-Europa-Sweatshirt macht auch jetzt, ein Jahr nach Lancierung, noch ganz gut die Runde auf Facebook und Instagram. Dieses Thema bleibt ja aktuell.

Schwarzweiß: Hummels im Trikot 2018

Fehlt auf dem Trikot, in dem die deutsche Nationalmannschaft in diesem Sommer in Russland spielen wird, also ohne Schwarz-Rot-Gold etwas? „Ich glaube, dass das keine große Bedeutung haben sollte“, sagt die Sozialpsychologin Julia Becker. „Wenn man sich die Reaktionen anschaut, sieht man, dass es jene gibt, vor allem aus dem AfD-Spektrum, die sich durchaus davon bedroht fühlen.“ Von der Idee, dass ein Deutschland-Trikot jetzt ohne Deutschland-Flaggenfarben auskommt. „Und dann gibt es jene, denen es primär um den Spaß am Fußball geht und denen es egal ist, ob eine Flagge auf dem Trikot zu sehen ist oder nicht.“

Obwohl Becker in ihrer Studie einen Zusammenhang gefunden hat zwischen Nationalismus und der Anzahl von Deutschland-Flaggen, mit denen sich Menschen während Fußballspielen schmücken, ist es nämlich so, dass Flaggen im Sport am wenigstens mit preußischen Sekundärtugenden und Gewalt assoziiert werden. Patriotismus und Nationalismus mögen in diesem Zusammenhang ein wichtiges Thema sein. Sie landeten in der Studie auf Platz zwei und drei. In erster Linie assoziierten die Teilnehmer sowohl mit der deutschen als auch mit der italienischen Flagge im Stadion aber: Sport.

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