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Mode in Zeiten des Kriegs : Wild am Sonntag

Als aus Kostümen Kleidung wurde: 1914 auf der Straße in Berlin Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Und elegant in Feldgrau: Eine Ausstellung in Berlin zeigt, wie die Mode sich trotz und wegen der Schrecken des Ersten Weltkriegs emanzipieren konnte.

          Wer denkt hier an Krieg? Die beiden Frauen auf dem Bild mit Chauffeur im Hintergrund wohl gewiss nicht. Gelassen stehen sie da im Berliner Tiergarten des Jahres 1914 und erinnern allenfalls an Ernst Ludwig Kirchners Großstadtekstasen dieser Zeit. Mag sein, dass die kühnen Federbüsche am ziemlich schrägen Hut und der weite Schwung des Capemantels eine angedeutete Reminiszenz ans Militär sein sollen, mit einer Prise frivoler Ironie. Die Frauen tragen Sonntagsstaat, aber die Rocklängen sind schon kürzer als bodenstreifend.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Bald wird man von „deutscher Mode“ lesen, wo vormals Nähe zur Pariser Haute Couture betont worden war. „Weg von Paris“ ist nun eine durchaus ernstgemeinte Kampagne mit patriotisch klirrenden Untertönen. Auch die Modefarben, die sich in diesen Jahren durchsetzen sollen, atmen den Zeitgeist: Feldgrau und Bombenbraun, viel Gedecktes, Zurückhaltendes, nichts Leuchtendes, Lautes. Nur die Farbe Schwarz kommt in dieser Zeit dazu. Erstmals ist sie Eleganz an sich und nicht mehr ausschließlich als Zeichen der Trauer gemeint. So düster die Mode der Zeit auch ist: Sie soll gute Stimmung machen. Wer träumt, hält leichter durch.

          Grautöne und Wollsocken

          In ihrem forschen Artikel „Der Krieg und die Mode“, erschienen im September 1914 in der „Eleganten Welt“, erklärt die Autorin Margarethe von Suttner das damalige aktuelle Jahr zum „Befreiungsjahr, in dem wir auf modischem Gebiete selbständig wurden“. Das ist nachzulesen im reich illustrierten vorzüglichen Katalog zur Berliner Ausstellung „Krieg und Kleider - Modegrafik zur Zeit des Ersten Weltkriegs“. 1914 und die folgenden Jahre, die man nach dem Jubiläumsrausch der vergangenen Monate vor allem mit Grautönen, selbstgestrickten Wollsocken für die Frontpäckchen und der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts verbindet, befreiten die modeinteressierten Frauen tatsächlich von allerlei Lasten und Tabus.

          Das ist die Botschaft dieser Berliner Schau. Schon anderthalb Jahre später, zum Ende des Jahres 1915 und zu Beginn von 1916, war die neue, wildere Richtung der Mode unübersehbar. Die Röcke waren kürzer geworden, merklich sogar, und schwingender, die Silhouetten hatten sich verändert, die Hüte wurden kleiner und verwegener. Endlich freie Bewegung für die nun viel beschäftigte Frau. Das Jahr 1914 war also, so gesehen, wirklich ein Befreiungsjahr für die Frau.

          1915 in Berlin: Die Röcke sind schon kürzer

          Die Kunsthistorikerin Adelheid Rasche hat sich mit ihrer Ausstellung an eine vermeintliche Leerstelle gewagt. Doch habe sie dabei „eine erstaunliche Vitalität und Modernität“ gefunden, schreibt sie im Katalog. Es sei viel über die Goldenen Zwanziger, den Jugendstil oder die Reformkleid-Bewegung geschrieben worden, aber kaum etwas zu 1914 bis 1918. Ihre These, dass alles, was im Krieg als „praktisch“ entwickelt und salonfähig wurde, sich in den zwanziger Jahren als Mode endgültig durchsetzt, ist bestechend klar und kann in dieser gut strukturierten Ausstellung demnächst in der Berliner Kunstbibliothek überprüft und im Katalog nachgelesen werden.

          Beweise sind, um nur Beispiele zu nennen: die selbstbewussten Straßenkostüme, die Kittel- und Mantelkleider, der Verzicht (zuerst aus Sparzwängen) auf plüschigen Zierrat, das nicht auftrumpfende elegante Schwarz. Die Stoffe wurden leichter, zuerst nur aus Mangel. Aber dann blieben sie der Mode erhalten, genauso wie die Seide oder der Seidensamt, die damals ihren Siegeszug als Alltagsstoff antraten, weil es sie im Unterschied zur fronttauglichen Wolle lange noch ohne Bezugsschein gab.

          In der Ausstellung kann man die Entwicklungen der drei großen Modemetropolen Paris, Berlin und Wien während der Kriegsjahre vergleichen und erkennt trotz aller Unterschiede einen internationalen Stil. Unübersehbar auch der Einfluss der modernen europäischen Kunst, mit dieser und jener Hommage an den asiatischen und orientalischen Stil auf die hier versammelte exzellente Modegrafik. Es sind Künstlermappen darunter, eigentlich unbezahlbar heute, weil sie selten in Museen zu finden sind und noch seltener auf dem Kunstmarkt.

          In der Kunstbibliothek sind erste Modefotografien ausgestellt und einige mattfarbene Blätter von Georges Lepape. Erstmals zu sehen auch die originellen Modeskizzen der Annie Offterdinger für das leider nur kurzlebige extravagante Berliner Modehaus Alfred-Marie. Es ist ein Schatz für sich, den die Künstlerin der Kunstbibliothek stiftete. Auch die Modegrafik wurde aus Kriegsgründen zunehmend zu einer Domäne der Frauen. Parallel zu den Schrecken und Verwüstungen in Europa hat sich also, das ist die Erkenntnis dieser Schau, die zivile Mode dieser Jahre erstaunlich emanzipiert.

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