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Mode in der Politik : Merkels grellste Waffe

8. Juni: Angela Merkel mit Barack Obama auf Schloss Elmau Bild: AP

Unter den Spitzenpolitikerinnen hat sich im Jahr 2015 der rote Blazer etabliert. Gedanken zu einer neuen optischen Waffe.

          4 Min.

          Das Jahr 2015 war kein leichtes. Im Leben eines Spitzenpolitikers zum Beispiel jagte 2015 ein Krisenfall den nächsten: der mögliche Grexit, der drohende Brexit und der schon jetzt reale IS-Terror. Die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, der Syrien-Einsatz, der zunehmende Rechtspopulismus mitten in Europa.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Darf man in diesem Zusammenhang über Mode sprechen? Oder zumindest über Bekleidung? Denn auch Spitzenpolitiker stehen eben zwischen der Nachtschicht zur Rettung Griechenlands in Brüssel und dem Frühtermin in Berlin vor dem Kleiderschrank oder dem geöffneten Koffer im Hotelzimmer und müssen beschließen, was sie anziehen. Und sofern sie bei ihren anschließenden Terminen mit Fotografen rechnen können, dürften solche Entscheidungen umsichtig getroffen werden.

          Unter Politikerinnen hat sich in dieser Hinsicht im Jahr 2015 eine neue optische Waffe etabliert. Die Waffe roter Blazer. Männer würden darin aussehen wie Paradiesvögel, noch nicht einmal Alexander Dobrindt ist wohl ein rotes Jackett zuzutrauen. Aber für Frauen - für Spitzenpolitikerinnen - ist das Pendant, der rote Blazer, 2015 zur echten Institution im Kleiderschrank geworden, und das unabhängig von der Parteizugehörigkeit.

          Klar, Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linken, trägt Rot wie andere Leute Grau und Grautöne wie andere Leute Rot, dicht gefolgt von der rheinland-pfälzischen und sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Andrea Nahles - trägt Rot. Aber auch Grünen-Chefin Katrin Göring-Eckardt ist auf Fotos mindestens so oft in roten Blazern zu sehen wie in grünen.

          „Die Parteizugehörigkeit ist in dem Fall kein Argument“

          Und selbst Ursula von der Leyen, modisch eigentlich die Dame für Creme-Töne, lässt sich gelegentlich zu Rot hinreißen. Ebenso CDU-Frauen wie Bildungsministerin Johanna Wanka, Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer oder Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Diese Frauen haben den Bildern zufolge im Jahr 2015 mindestens einen roten Blazer im Schrank hängen gehabt.

          „Die Parteizugehörigkeit ist in dem Fall kein Argument“, sagt auch Leatrice Eiseman, Direktorin des Pantone-Farbinstituts. Eiseman durchschaut von Berufs wegen die Bedeutung von Farben so gut wie Politiker hoffentlich Großkrisen. Sie weiß: „Rot steht auf unmissverständliche Weise für Macht, das versteht jeder so.“

          10. Dezember: Ganz in Rot – Malu Dreyer Bilderstrecke
          10. Dezember: Ganz in Rot – Malu Dreyer :

          Deshalb ist es auch kein Wunder, dass Angela Merkel, die, wenn es um ihren modischen Stil geht, oft die Pantone-Kanzlerin genannt wird, zwischen senfgelben, türkisblauen und schwarzen Blazerjacken häufig Rot wählt - also alle Nuancen zwischen dunklem Bordeaux und sattem Apricot.

          So erscheint sie zu gewöhnlichen Kabinettssitzungen oder wenn sie die Queen wie im Juni in Deutschland begrüßt oder auch die Staats- und Regierungschefs der G-7-Länder auf Schloss Elmau. Sie trägt auch Rot, wenn sie auf David Cameron und Alexis Tsipras in Brüssel trifft, auf Chinas Ministerpräsidenten Li Keqiang in Peking oder Horst Seehofer in Berlin. Rot ist eine gute Farbe, wenn man in den eigenen Reihen in die Kritik gerät.

          Hat der Blazer Schwesig ins Amt verholfen?

          So gesehen haben rote Blazer so viel Potential, dass sie natürlich nicht erst seit 2015 eine Rolle spielen können. Auch in Angela-Merkel-Bildergalerien aus vergangenen Jahren sieht man auffällig viele rote Blazer. Unter den Stücken, die Mitte Dezember dieses Jahres aus Margaret Thatchers Nachlass bei Christie’s in New York versteigert wurden, war ebenfalls ein weinrotes Kostüm von Aquascutum.

          Und wenn Familienministerin Manuela Schwesig irgendein Kleidungsstück 2013 auf den Posten verholfen haben sollte, dann ist es der rote Blazer. Sie trug ihn - oft zur roten Hose, als Hosenanzug - im Wahlkampf bei fast allen öffentlichen Auftritten. Schwesig wird wissen, weshalb sie Rot über diese Wochen hinaus, nachdem sie längst zur Familienministerin ernannt wurde, konsequenter als jede andere Frau im Bundeskabinett trägt.

          Gut, sie ist Sozialdemokratin, und vielleicht mag sie die Farbe Rot einfach. Aber sie ist auch die jüngste Ministerin. Sie dürfte es somit schwerer haben, ernst genommen zu werden als viele andere, die solche Posten seit Jahrzehnten bekleiden. Jedenfalls ist das überall sonst im Berufsleben so. Warum sollte die Politik eine Ausnahme sein.

          „Mit der Farbe Rot signalisiert derjenige, der sie trägt, dass er sehr viel Energie hat, dass er dynamisch ist und zugleich umsichtig und detailorientiert arbeitet“, erklärt Leatrice Eiseman von Pantone. Die „Traut mir was zu“-Botschaft passt somit bestens zu jemandem, der jung auf hohem Posten sitzt, und kehrt die möglichen Zweifel, die so eine Besetzung mit sich ziehen könnte, zumindest optisch in echte Chancen um. In Zeiten, da auf eine Krise die nächste folgt, schmückt sie aber auch jeden, der unter besonderem Handlungsdruck steht.

          Der rote Blazer steht für ein Vielfaches an Tatendrang und Energie

          Darüber hinaus macht sich ein roter Blazer auf Fotos gut. Er sorgt für einen frischeren Teint, egal, ob man ein dunkler oder ein hellerer Typ ist, ob man gerade ein langes, arbeitsfreies Wochenende hinter sich hat oder doch die ganze Nacht am Schreibtisch sitzen musste. „Wann immer ich Politikerinnen im roten Blazer sehe, denke ich mir, dass da jemand sehr gut beraten wurde“, meint Eiseman.

          „Als Politikerin möchte man doch in der Masse der dunkelblauen und dunkelgrauen Anzüge gesehen werden. Das funktioniert mit keiner Farbe so gut wie mit Rot.“ Somit steckt in dem roten Blazer auch die Botschaft: Achtung, jetzt rede ich. „Ein Mann kann höchstens eine rote Krawatte tragen. Wenn eine Frau hingegen einen roten Blazer trägt, dann steht das für ein Vielfaches an Tatendrang und Energie.“

          Und auch modisch schwingt auf den ersten Blick eine Form des Mutes mit, den man zum Beispiel bei den Ministerinnen Frankreichs beobachten kann. Nur sieht man im direkten Vergleich, was vielen roten Blazerjacken deutscher Spitzenpolitikerinnen eben doch fehlt: feine Stoffe, gute Schnitte, passende Accessoires wie Seidentücher, Broschen oder große Ohrstecker, die das rote Ausrufezeichen gebührend inszenieren und ihm einen Sinn geben.

          Ségolène Royal, Frankreichs Umweltministerin, trägt während dieses viel zu laschen Winters zum Beispiel einen roten Zweireiher-Mantel - nur ist der mehr als rot, er ist mit großen Knöpfen und übergroßen Taschen versehen. Kulturministerin Fleur Pellerin trägt zum roten Kleid dicke Ketten und Ohrringe, Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem zum roten Seidentop knallroten Lippenstift.

          Der Blazer-Look: Maskuliner Uniformcharakter

          Sonderlich viel Weiblichkeit schwingt dagegen bei den deutschen Politikerinnen und ihren Blazer-Looks nicht mit. Stattdessen haben die immer noch jenen maskulinen Uniformcharakter, der so oft bemängelt wird, wenn es um den Auftritt von deutschen Politikerinnen geht. Nur, dass deren Jacken jetzt eben rot sind.

          Bleibt die Frage offen, ob man sich für 2016 als Frau, die weder häufig die Flugstrecke Brüssel-Berlin nimmt, noch die Nächte im Kreise der Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Wirtschaftsnationen durcharbeitet, auch einen roten Blazer zulegen sollte. „Es kommt darauf an, wie sehr man auffallen möchte“, sagt Eiseman.

          Wer also unvorbereitet in das wöchentliche Meeting geht, trägt besser weiterhin gedeckte Farben. „Wenn man aber zum Beispiel ein Vorstellungsgespräch hat und von vorneherein weiß, dass fünfzig weitere Kandidaten für den Job vorsprechen, ist es keine schlechte Idee, Rot zu tragen“, erklärt die Farbexpertin. „Die Chancen stehen nicht schlecht, dass sich der zukünftige Chef eher an jemanden erinnert, der einen roten Blazer trägt. Aber“, so warnt Eiseman, „man darf nicht unterschätzen, dass man dann die Frau in Rot ist.“

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