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Atelier im Schloss : Modebewusste Molekularbiologin

Modenschau: Nicole und Axel Friedersdorf in ihrem Atelier auf Schloss Nidda Bild: Maximilian von Lachner

Das Schloss in Nidda hat neue Besitzer. Im früheren Gerichtssaal ist das Atelier von Nicole Friedersdorf. Sie schneidert Mode aus früheren Zeiten.

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          Niemand legt mehr im Saal des Niddaer Schlosses Geständnisse ab oder muss Fragen beantworten zu Handlungen, die nicht mit dem Gesetz in Einklang stehen. Wer heute hierherkommt, hat keinen Anwalt dabei, braucht keine Strafe zu befürchten. Vielmehr handelt es sich um Kunden, die sich mit Nicole Friedersdorf verabredet haben, um sich von ihr beraten zu lassen bezüglich des vorteilhaftesten Schnitts für ihr neues Outfit. Sie probieren an und lassen Änderungen vornehmen, bis alles perfekt sitzt.

          Wolfram Ahlers

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für Mittelhessen und die Wetterau.

          Nicole Friedersdorf hat den Saal des historischen Gebäudes, in dem früher Verhandlungen des Amtsgerichts Nidda stattfanden, in ein Atelier verwandelt. Dort fertigt sie Kleidung, wie sie kaum jemand herstellt und die in herkömmlichen Modehäusern nicht zu haben ist. Zuvor führte die Einundvierzigjährige ihr Atelier „Dark Dirndl“ in Büdingen, wo es ihr aber mehr und mehr an Platz fehlte und das Ambiente ihr auf Dauer nicht zusagte. Da passt ein altes Schloss besser, schließlich hat sie sich auf das Anfertigen historischer Kostüme spezialisiert.

          Leidenschaft fürs Kreieren

          Die promovierte Molekularbiologin, die früher in der Krebsforschung tätig war und pharmazeutische Unternehmen berät, hatte sich vor einigen Jahren ein weiteres berufliches Standbein geschaffen. Die Leidenschaft fürs Kreieren und Fertigen von Kleidungsstücken hatte sie schon als Kind entwickelt, stammt sie doch aus einer Familie von Schneidern, Tuch- und Hutmachern. So baute sie sich ein Atelier auf, mit dem es ihr im Laufe der Jahre gelungen ist, eine Nische in ihrem Gewerbe zu füllen. Sie fertigt etwa Rekonstruktionen historischer Gewänder, die für Museumspräsentationen und Ausstellungen gefragt sind.

          Zudem bieten mittlerweile viele Kommunen, Touristenorganisationen und Vereine Rundgänge mit Gästeführern in authentischer Kleidung vergangener Epochen an. Aufträge, die sie diesbezüglich bekommt, nehmen sie, wie sie sagt, oft mehrere Monate in Anspruch. Sie sucht dafür nach alten Gemälden und Zeichnungen, damit die Rekonstruktionen den Originalen so nahe wie möglich kommen. Die Nachbildungen werden dann in Detailarbeit nach dem Vorbild entworfen und aus speziellen Stoffen geschneidert.

          Modeschau im Schloss

          Aber auch sonst steht Kleidung vergangener Tage hoch im Kurs, wie Friedersdorf berichtet. Vor allem Stücke aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind begehrt. Auch dafür sind Recherchen nötig, wie das Sichten von Fotos und die Suche nach Vorlagen aus jener Zeit. Damit alles passt, ist es notwendig, wieder und wieder Maß zu nehmen. Weitere Aufträge betreffen Hochzeitskleider, aber auch Alltagsmode, die ihr Atelier nach individuellen Wünschen herstellt. Die Kunden kommen aus dem In- und Ausland.

          Modisches Schloss: Nicole Friedersdorf will hier künftig Modeschauen veranstalten.

          Auf der Suche nach einem angemessenen neuen Domizil stießen Nicole Friedersdorf und ihr Mann Axel schließlich in einem Immobilienportal auf das Schloss in Nidda. Dort hatte sich seit der Schließung des Amtsgerichts seit Jahren nichts getan. Zwar hatte ein Investor das Anwesen, zu dem neben dem Schloss das sogenannte Richterhaus und ein Gefängnisbau gehören, erworben mit dem Plan, dort Wohnungen, Büros und Gastronomie zu etablieren. Weil daraus nichts wurde, stand die Immobilie am Ende wieder zum Verkauf.

          Zu einem Preis allerdings, den das Ehepaar nicht aufbringen konnte. Schließlich einigte man sich auf einen für beide Seiten akzeptablen Betrag, wobei auch die Stadt vermittelte. Denn die war überzeugt, dass das Nutzungskonzept neue Leute nach Nidda locken und zur Belebung des alten Stadtkerns beitragen könne. Zumal das Paar das Anwesen auch für die Öffentlichkeit zugänglich machen will, etwa mit historischen Märkten und Modeschauen. Zudem verständigte man sich darauf, dass die Wege auf dem Gelände als Teil des Innenstadtrundgangs für jedermann zugänglich bleiben sollen.

          Bis die Friedersdorfs vor kurzem in ihr neues, geschichtsträchtiges Domizil einziehen konnten – sie nutzen eine Wohnung im Obergeschoss –, war viel Arbeit zu leisten. Zunächst galt es, Schäden zu beheben, die durch Zerstörungswut und aufgrund des Leerstands entstanden waren. Dutzende Fensterscheiben waren zu erneuern, wie Alex Friedersdorf sich erinnert. Das meiste hat der gelernte Zimmerer und Restaurator in Absprache mit der Denkmalpflege in eigener Regie erledigt – von der Renovierung der hölzernen Wendeltreppe im Turm über Deckenbalken bis zu den alten Fußböden, die er wieder herausputzte. Zu erneuern war die Dämmung des Gebäudes, wobei Axel Friedersdorf Materialien wie Lehm und Stroh verwendete, die sich schon in früheren Jahrhunderten als geeignet erwiesen hatten. Was nun noch folgen soll, ist die Renovierung der Fassade, an der an einigen Stellen der Putz bröckelt und die einen neuen Anstrich vertragen kann. Modernisiert unter Beibehaltung des Grundrisses wurde das ehemalige Richterhaus, in dem sich nun eine Wohnung sowie ein Yoga-Studio befinden. Das frühere Gefängnis wird ebenfalls für Wohnzwecke hergerichtet.

          Das Schloss zählt neben dem Johanniterturm und der ältesten protestantischen Saalkirche Hessens zu den bedeutendsten Baudenkmälern in Nidda. Der heutige Hauptbau stammt aus dem frühen 17.Jahrhundert, als Nidda in den Besitz der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt kam. Es befindet sich auf den Fundamenten einer Wasserburg in der Nähe des Flusses Nidda, die im 12.Jahrhundert begründet worden war. Landgraf Ludwig V. ließ die von einem Schutzgraben umgebene Burg nach 1604 zu einem Schloss umbauen, das seinen Amtsleuten als Residenz und Verwaltungssitz diente. Wobei der Graben zugeschüttet wurde. 1688 und 1693 fungierte das Schloss als Residenz von Landgraf Ernst Ludwig, als dieser während des Pfälzischen Erbfolgekrieges Darmstadt verlassen musste, weil ein Teil seines Territoriums von französischen Truppen besetzt war.

          Als die Ämter der Landgrafen in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts aufgelöst wurden, diente das Schloss fortan als Sitz des Landrats und des Landgerichtsbezirks Nidda. Das Anwesen blieb Administrationsstandort auch während mehrerer Verwaltungsreformen. Als die Regierung den Kreis Nidda 1874 schließlich auflöste, zog das Amtsgericht in das Schloss ein. Dafür wurde das Ensemble um das Wohnhaus des Amtsrichters und ein Gebäude mit Arrestzellen erweitert.

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