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Mode der Vielfalt : Bescheidene Kleidung, großes Ziel

  • -Aktualisiert am

Mehr als eine Glaubensfrage: Der Markt für Mode, die nicht zu viel Haut zeigt, wird auch abseits des islamisch geprägten Raums immer wichtiger. Mizaan geht es um diese Klienten. Bild: Selma Lebdiri

Von Mannheim aus wollen zwei Schwestern gemeinsam die Mode der Vielfalt unserer Gesellschaft anpassen. Ihre Entwürfe sollen Brücken bauen, statt neue Nischen zu schaffen.

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          Selma Lebdiri kommt ohne Umschweife zum Punkt: „Unsere Mode ist für alle Frauen da, ganz unabhängig von ihrem Background“, stellt die 24-Jährige klar, noch bevor das Gespräch im Mannheimer Atelier ihrer Schwester Meriem richtig begonnen hat. Mit ihrem 2012 gegründeten Label Mizaan erhalten die in Algerien geborenen und in der Pfalz aufgewachsenen Schwestern momentan mehr Aufmerksamkeit, als das bei jungen Labels für gewöhnlich üblich ist.

          Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass hier zwei junge Frauen am Werke sind, die Kopftuch tragen und Mode machen, die weniger Haut zeigt als das, was bei großen Ketten zu finden ist. Mit religiöser Motivation hat das allerdings weniger zu tun, als viele annehmen, betont auch Meriem Lebdiri, die bei Mizaan fürs Design zuständig ist: „Für ,Modest Fashion‘ interessieren sich so viele Frauen. Wie oft findet man eine tolle Bluse, die aber zu durchsichtige Ärmel fürs Büro hat, oder einen schönen Blazer, der viel zu kurz geschnitten ist? Diese Lücke schließen wir.“

          Längst kein Nischenmarkt mehr

          Unter dem Begriff „Modest Fashion“ ist Kleidung gemeint, die aktuelle Trends reflektiert, deren Designer aber zugleich mit Silhouetten spielen, auf tiefe Ausschnitte, zu viel Transparenz und kurze Säume verzichten und damit auch den Ansprüchen vieler Musliminnen, Jüdinnen und Christinnen an Mode entsprechen – längst kein Nischenmarkt mehr. Halima Aden gilt als das erste weltweit erfolgreiche Topmodel, das für Fotoshootings und auf dem Laufsteg Kopftuch trägt und damit bereits auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“ landete. Ihre Kollegin Gigi Hadi zeigte sich fotogen verhüllt auf der arabischen Ausgabe des Modemagazins. In den Vereinigten Staaten entstehen Labels jüdischer Designerinnen wie Mimu Maxi und Kosher Casual, Luxus-Onlineshops wie Farfetch bieten Tipps für Ramadan-Outfits und mit „The Modist“ ging 2017 eine ganz auf – zwar nicht preislich, aber zumindest optisch – bescheidene Designer-Mode spezialisierte Plattform online.

          Verzicht auf tiefe Ausschnitte oder Transparenz: „Modest Fashion“ zeigt weniger Haut und entspricht damit den Ansprüchen vieler Jüdinnen, Musliminnen oder Christinnen.

          Auch in Deutschland wächst das Interesse an Kleidung, die schön ist, aber den Körper ihrer Trägerin nicht zur Schau stellt. Das kann auch religiöse Gründe haben: Viele hier aufgewachsene Musliminnen leben ihre Begeisterung für Mode immer selbstverständlicher im Rahmen ihres Glaubens aus. Deutschsprachige Online-Magazine wie „Basma“ informieren über die Trends der mittlerweile weltweit stattfindenden „Modest Fashion Weeks“ und verraten, wie Looks von Prominenten nachgemacht werden können.

          Dass diese Mode-Vorbilder keineswegs nur aus islamisch geprägten Regionen kommen, deutet schon darauf hin, dass die Tendenz zu mehr Stoff keine reine Glaubensfrage ist. Midi- und Maxikleider erlebten erst in diesem Sommer jenseits aller religiösen Orientierungen ein großes Comeback. Deutsche Labels für bescheidene und zugleich zeitgemäße Mode sind noch rar gesät. Bei LIA-Fashion etwa gibt es neben langärmligen Maxikleidern auch Turbane; meist führt die Suche aber in Shops für explizit islamkonforme Mode.

          Auch Marken wie Dolce & Gabbana und Unternehmen wie Mango und H&M konzentrieren sich bei ihren Ausflügen in den Modest-Fashion-Bereich meist auf muslimische Zielgruppen und wollen diese für gewöhnlich mit Tüchern, Seidenschals und Abayas, locker sitzenden orientalischen Gewändern, in ihre Filialen und Onlineshops locken. Der Ansatz der Lebdiri-Schwestern ist ein ganz anderer: „Uns geht es um Inklusion und nicht darum, Unterschiede zu betonen. Mode verbindet. Wir alle lieben sie“, sagt Meriem Lebdiri. Nach einem kurzen Moment des Überlegens fügt die 31-Jährige lachend hinzu: „Mode ist wie Eis essen.“

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