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Fünf Männer im Stil-Check :  Just like a Rolling Stone

  • -Aktualisiert am

Eine Band, fünf Charaktere: Charlie Watts, Keith Richards, Mick Jagger, Ronnie Wood, Bill Wyman (von links nach rechts), hier im Mai 1978 in New York Bild: Getty Images/Unzipped/Edel Books

Nicht alle Mitglieder der Rolling Stones sind für ihre Kleidervorlieben berühmt geworden – teils zu Unrecht. Fünf Einzelkritiken.

          5 Min.

          Selbst die Karriere der Rolling Stones begann mit einem kleinen Fehler. Man sieht es auf einem Bild aus dem Frühjahr 1963, das den Moment vor der ersten britischen Tour festhält. Fünf junge Männer posieren in Hahnentrittjacketts, mit Krawatte und beinahe gleichen schwarzen Hosen für den Fotografen Philip Townsend. Die Jungs sehen identisch aus, selbst die Frisuren unterscheiden sich nur in Nuancen. Brave Briten. Das könnten auch die Beatles sein.

          Und dann ist dieser Moment bereits Geschichte. Manager Andrew Loog Oldham, dem für die junge Band eine ähnliche Stilstrategie wie für die von Brian Epstein gemanagten Pilzköpfe vorschwebte – alle in Anzügen –, sah schnell ein, dass die Idee seinen Schützlingen wenig nutzte. Uniformität half den Beatles, Individualität formte die Stones. „Einen Bruch mit der Form“, nennt Designer Tommy Hilfiger diesen damals wagemutigen Schritt in dem gerade erschienenen Bildband „Unzipped“. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Die Rolling Stones sind fünf Männer in der am längsten existierenden Rockband der Welt, fünf persönliche Vorlieben – und fünf ausdifferenzierte Stilvorbilder.

          Mick Jagger

          Kaum ein lebender Musiker hat die Welt der Mode dermaßen aufgesogen, geprägt und mitgestaltet wie Frontmann Mick Jagger. In den Sechzigerjahren gehörte er zum Swinging London wie Rüschenhemden und Samtmäntel. „Indem er Camp und Dreistigkeit miteinander vermischte, war Jaggers Ästhetik gleichsam kraftstrotzend wie feminin“, urteilte die BBC über den Sixties-Glamour des Sängers. Er trug offene Jacketts und Militärmäntel, schürzte die Lippen und kreiste mit den Hüften. Elvis Presley knöpfte sich zehn Jahre zuvor das Hemd ein wenig auf, Mick Jagger riss es sich gleich ganz vom Leib.

          Auflösung der Geschlechtergrenzen in den Sechzigern: Mick Jaggers bestickte Weste zum Seidenhemd, circa 1965
          Auflösung der Geschlechtergrenzen in den Sechzigern: Mick Jaggers bestickte Weste zum Seidenhemd, circa 1965 : Bild: Mr. Fish/Unzipped/Edel Books

          Jagger war der Dandy von Soho, die Carnaby Street sein modisches Zuhause. Was er trug, wurde in den Boutiquen zum Hit. Er scheute sich nicht, Schmuck zu tragen, Kostüme wie im Zirkus anzuziehen, und schockierte die Gesellschaft mit einem Hauch Bisexualität – auch wenn seine gut dokumentierten Frauengeschichten nie einen Zweifel an seinen Vorlieben ließen.

          In den Siebzigerjahren entwickelte sich der Dandy zum Bohemien weiter. Glamouröse Looks, enge Kragen, silberfarbene Klebestreifen an den Hosen. In der Süddeutschen Zeitung befand Jagger 2007 angesichts solcher Outfits: „Sagen wir es, wie es ist: Sie sind vielleicht sogar alle peinlich.“ Und meinte: Die Zeit bestimmte diesen Wagemut, aber sie war nicht immer gnädig auf lange Sicht.

          Mick Jagger arbeitete oft eng mit den wichtigsten Designern seiner Zeit zusammen. Er übernahm von Ossie Clark die mit Strass geschmückten Einteiler, als „Godfather of the skinny jean“ (BBC) liebte er Hedi Slimane für seine hautengen Hosen und später Rick Owens für die hauchdünnen T-Shirts dazu. Zuschauer hatten immer das Gefühl, die Kleidung musste auf seinen federnden Gang abgestimmt sein und durfte selten nach schwerem Ballast aussehen. Kein umständliches Schnallenschnappen und In-Hüllen-Einwickeln. Mick Jagger, das ist immer ein Sänger kurz vor dem Moment des Striptease.

          Footballtrikot zur hautengen Hose: Ein Outfit von Mick Jagger, circa 1981
          Footballtrikot zur hautengen Hose: Ein Outfit von Mick Jagger, circa 1981 : Bild: Unbekannter Designer, Rolling-Stones-Archiv/Unzipped/Edel Books

          Keith Richards

          Wenn Mick Jagger das Chamäleon der Band war, hat sich Gitarrist Keith Richards als stilistische Konstante eta­bliert: immer schräg. Richards hat seine Verspieltheit nie abgelegt, er trug Gürtel, Tücher und Hüte wie ein durchgeknallter Pfau. Der Kajalstift war sein ständiger Begleiter, so wie die Kippe im Mund. Als Johnny Depp sich seinen berühmten Piratenlook für „Der Fluch der Karibik“ zulegte, dachte er an den Stones-Musiker. Nur passend, dass Richards im Film dann auch dessen Vater spielen durfte – in Klamotten, die so aussahen wie jene, die er sonst auf der Bühne trug.

          Die Designerin Anna Sui erinnert sich in „Unzipped“ daran, wie sie vier oder fünf Möchtegern-Keiths an einem Tag durch New York stolzieren sah, als sie in den Siebzigerjahren nach Manhattan zog. Gleiche blonde Strähne im Haar, gleicher wiegender Schritt. Und dann sah sie das Original eines Abends in einem Club, er trug einen schwarz-weiß gestreiften Satin­anzug, „der Inbegriff des Outlaws“, befand sie. Wer sonst kann eine Art Gefängniskleidung tragen, ohne dabei wie ein Clown zu wirken?

          Richards ist ein Mann, der seine Wildheit mit Luxus kombinierte. Er trug Leoparden-Print-Hemden oder Schlangenleder-Boots, aber eben nicht mit der pornografischen Anmache eines Roberto Cavalli, sondern als integralen Teil seiner Garderobe – die, man muss es auch mal sagen, immer ein wenig den Anschein hatte, als sei sie erst mal über den dreckigen Teppich gezogen worden.

          Mehr noch als die Kleidung waren es seine Accessoires, die bei Richards in Erinnerung blieben. Je älter er wurde, umso öfter kultivierte er sein Image mit Bandana-Kopftüchern und Sonnenbrille. Die britische GQ schrieb 2019: „Es gibt wenige alte Rocker, die nicht wie Buchhalter oder Comicversionen ihres früheren Ich aussehen – und Keith Richards ist einer von ihnen.“

          Charlie Watts

          Als der Drummer kürzlich im Alter von 80 Jahren verstarb, durften sich die Fans mal wieder fragen: Hatte dieser asketisch aussehende Musiker heimlich den besten Geschmack von allen? Die britische Zeitschrift Tatler trauerte um „das am besten angezogene Mitglied der Band“. Watts besaß Klasse – und das hieß bei ihm vor allem: Anzüge von der Savile Row. Jagger trug manchmal Luxus-Sneakers, Watts hatte Prinzipien. „Alter Landadel, immer tadellos“, schreibt Anna Sui in „Unzipped“. Gedeckte Farben, traditionelle Schnitte, klare Kleiderordnung – aber eben auch keine Überraschungen.

          Angeblich durfte niemand seine Garderobe anfassen, so hat es einmal Ronnie Woods Ex-Frau erzählt. Watts führte ein Eigenleben, was seine Kleidungsvorlieben betraf. Er konnte sich immer entscheiden, was er anzog: Anzug, Krawatte, vielleicht mal einen Rollkragenpullover und Jackett. „Ich habe mich bei den Stones immer fehl am Platz gefühlt“, soll er einmal gesagt haben, als man ihn zum Stil der anderen Bandmitglieder befragte. Charlie Watts war der Feingeist hinten auf der Bühne, der modische Anker für den ganzen Irrsinn, der da vorne ablief.

          Bill Wyman

          Hat mal jemand etwas über Bill Wymans Stilbewusstsein geschrieben? Eben. Aber der Bassist hat sich gerächt und einen Song namens „A New Fashion“ geschrieben. Darin geht es um das Aufkommen einer neuen Mode, eines neuen Stils, bei der alle eine Weile aus dem Häuschen geraten und am Ende gelangweilt zurückbleiben. Erkenntnis dieses Lieds: „Ein Zoll in die richtige Richtung ist besser als eine Meile.“ Moderevolutionen verlaufen anders. Vielleicht ist Bill Wyman deshalb seit 1993 auch nicht mehr offizielles Mitglied der Stones.

          Ronnie Wood

          Der Gitarrist stieß erst Mitte der Siebzigerjahre zur Band und steht seitdem für „die überschwängliche Ausgelassenheit der Stones“, wie es Anna Sui beschreibt. Wer hat Angst vor Rot, Gelb, Blau? Nicht Ronnie Wood. Je greller, umso besser. Und hautenge Hosen mussten es sein. Selbst im hohen Alter scheinen sie ihm wie eine zweite Haut zu passen.

          Kein Angst vor Extravaganz: Ronnie Wood, hier 1978 im Studio
          Kein Angst vor Extravaganz: Ronnie Wood, hier 1978 im Studio : Bild: Helmut Newton, Rolling-Stones-Archiv/Unzipped/Edel Books

          Der amerikanische Modeschöpfer John Varvatos schreibt Wood sogar eine Kernkompetenz in der Stilgeschichte der Band zu: „Ronnie ist der Mann für die raffinierten Details, ein Naturtalent.“ Mit Juwelen, Schals oder Mustern setze er die richtigen Akzente. Trotzdem ist es dem Musiker bisher nicht gelungen, modisch aus dem Schatten von Jagger und Richards herauszutreten. Vielleicht reicht es nicht, mit seinen Klamotten laufend Alarm zu schlagen.

          Für seine Garderobe war lange Zeit seine zweite Ehefrau, Jo Woods, verantwortlich. Sie begleitete die Band regelmäßig auf Tour, wo sie ihre Scheinkompetenz auslebte. Als Jo Wood nach einem Bühnenoutfit für ihren Rocker-Mann gefragt wurde, antwortete sie dem Guardian: T-Shirt und Jeans. Was die Zeitung zu der Frage verleitete: Und dafür bekommt sie noch mal wie viel Geld?

          Ronnie Wood scheint der Einzige zu sein, der sich nebenbei noch für ein verkanntes Design-Genie hält. Vor zwölf Jahren entwarf er eine Herren- und Damenkollektion in Zusammenarbeit mit dem Londoner Kaufhaus Liberty. Auf den T-Shirts und Hemden waren Woods Malereien zu sehen. Kunst- und Modekritiker hielten sich mit Lob zurück. Ein paar Jahre darauf stand der Musiker mit Tommy Hilfiger in Gesprächen über eine gemeinsame Linie – bislang ohne Ergebnisse. „Ich bin ein visueller Künstler“, sagte Wood in einem CNN-Interview. Rückfrage: Schaut er dabei auch in den Spiegel?

          Zum Buch

          Der Bildband “Unzipped“ ist bei Edel Books erschienen, 288 Seiten, 39,95 Euro.

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