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Mode aus Island : Gestrickt aus der Krise

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Touristen kommen nicht der Mode wegen nach Island. Sie kaufen etwas Funktionskleidung und einen Lopapeysa vielleicht, den Islandpullover, den viele nur als Norwegerpullover kennen. Ja, der mit dem Zackenmuster. Auch der Lopapeysa ist schließlich äußerst funktional: Isländische Schafe liefern eine besondere Wolle, die von Natur aus wasserabweisend ist und hervorragend vor Kälte schützt. Island will aber mehr sein als dieser Pulli. Es gibt ein mehrtägiges Designfest, das auch dem Land als PR in eigener Sache dient. In der Harpa, dem hypermodernen Konferenzzentrum, das man eigentlich nur gebaut hat, um eines zu haben, findet ein Tag der Mode statt. Designfest und Modetag sind sehr beliebt im Land, übertragen auf deutsche Maßstäbe sogar beachtlich: Acht Millionen Menschen würden umgerechnet kommen, Joachim Gauck lüde zum Kaffee ein, und das Kunstgewerbemuseum würde in einer Ausstellung Mode von Angela Merkel zeigen.

Ein Netzwerk der Helfer trägt die Designer

Damit es mit der Mode im hohen Norden auch international bergauf geht, fehlt den Machern die Unterstützung der Regierung. Hohe Materialkosten und hohe Besteuerung bringen Modeschöpfer in eine missliche Lage. Sie können kaum hochwertige Stoffe beziehen, denn vieles muss auf dem Festland produziert werden, und Musterstücke würden vom Zoll grundsätzlich zerschnitten, klagt Guðmundur Jörundsson, der auch aus einer Fischerfamilie stammt und mit seinem Label Jör als erfolgreichster Jungdesigner gilt.

Mit seinem Mix aus Goth und Punk ist er so etwas wie der Riccardo Tisci des Polarkreises. Seine Marke ist kein Jahr alt, aber der Laden gleicht schon jetzt dem einer Traditionsmarke. Guðmundur war früher Mitarbeiter des Herren-Ausstatters Kormakur & Skjöldur, ehe er sich mit größtenteils monochromer Mode selbständig machte. „Mode ist noch sehr neu auf Island“, sagt er, „sie ist nicht vom Markt beeinflusst.“ Dennoch stünden die Designer vor der Herausforderung, langfristig global funktionierende Kollektionen zu schaffen, weil sie vom Export abhängig sind.

Jör produziert heute schon Teile in der Türkei, aber er schätzt das Netzwerk der Helfer, das sich in Island bietet: „Es ist ein Geschenk, hier aufgewachsen zu sein.“ Trotzdem möchte Guðmundur Jörundsson irgendwann wegziehen, aber nicht für lange, wie er sagt. In Island, wo sich alle kennen, haben junge Modemacher schnell einen Namen. Viele Labels versuchen deshalb, vor allem im Ausland Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie zeigen wie Sruli Recht auf der Pariser Modewoche oder wie Bergþóra Guðnadóttir in Kopenhagen. Ihr Label „Farmers Market“ verkauft sich auch bei Touristen gut, weil es alte Muster wahrt: Die Designerin nutzt Wolle, Baumwolle, Leinen und Seide, um klassische skandinavische Stücke zu gestalten.

„Ihnen fehlt die Größe, um international zu werden“

Gerade die jüngeren Designer gehen oft anderer Wege. Sie kommen vom Central Saint Martins in London oder von der mittlerweile recht renommierten isländischen Akademie der Künste, experimentieren mit Digitalprints, heißen Magnea oder REY, haben wie Sigga Maija schon für Sonia Rykiel gearbeitet oder wie Rakel Sölvadóttir beachtliche Abschlusskollektionen hingelegt, die Lady Gaga trägt. Designerin Hildur Yeoman war ursprünglich Illustratorin, machte dann Schmuck, von dessen Verkauf in Tokio, London und New York sie längst leben kann, und jetzt eben Mode. „Wir sollten uns nicht verstellen“, sagt sie. „Wir können nicht mit Paris oder Mailand mithalten. Die Leute kommen nach Island, um etwas anderes zu sehen.“

Guðmundur Hallgrímsson, der sich Mundi nennt und nach Berlin gezogen ist, will ohne das vermeintliche Island-Stigma erfolgreich werden. Seine Karriere begann er während des Grafik-Studiums mit einem selbstgestrickten Pullover, auf den er so häufig angesprochen wurde, bis KronKron ihn ins Sortiment aufnahm. „Zu viele Leute in Island versuchen, die Mode neu zu erfinden“, sagt Mundi. „Aber ihnen fehlt die Größe, um international zu werden.“ Auch Mundi strickt viel, aber der Drang nach Schönheit in der Branche stört ihn, und er nimmt kaum Anleihen an die Herrlichkeit der ihn umgebenden Natur. Ihn langweile das etwas, seine Stücke drehten sich deshalb um das Weltall oder die Unterwasserwelt. Aber ob er nun wolle oder nicht, auch er sei von der Natur inspiriert. „So ist das nun einmal“, sagt Mundi, „wenn man an einem der schönsten Orte der Welt aufwächst.“

„Nordic Fashion Biennale“ in Frankfurt

Die Ausstellung „The Weather Diaries“ im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt zeigt bis zum 21. September Mode von Steinunn, Mundi, Jör und anderen Designern und Künstlern aus Island, Grönland und von den Färöer-Inseln.

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