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Mode aus Island : Gestrickt aus der Krise

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In einer Branche, die auf Importe angewiesen ist, erweist sich das als besonders schwierig. „Das Erstarken der Währung hat besonders die Firmen getroffen, die im Ausland produzieren“, sagt Steinunn. „Nach dem Crash mussten wir das Doppelte zahlen.“ Steinunn produziert seit 15 Jahren in Hongkong und dem Baltikum, weil es in Island an den Maschinen für ihre Stücke fehlt. In der Krise brach ihr der Millionenumsatz weg, und die Rüschen, Borten und Details, die sie zuvor auf die Kleidung aufgenäht hatte, verkaufte sie nun einzeln dazu. „Ich wollte in der Krise meine Ästhetik nicht verlieren“, sagt sie. „Bis heute bleibt es mir ein Wunder, dass ich sie überstanden habe.“ Die „Kreppa“ brachte aber auch einen fruchtbaren Umschwung mit sich. „Plötzlich haben die Kreativen in Island zusammengearbeitet. Wir hatten ja nichts mehr zu verlieren.“

„Vielleicht ist das alles zu avantgarde“

Für manche war es die Chance zum Aufbruch. Helga Björnsson etwa kehrte nach vielen Jahren dem Couture-Haus Louis Féraud in Paris den Rücken, um in ihre alte Heimat zurückzukehren. Hier arbeitet sie nun als Designerin für den Kürschner Eggert Jóhannsson, auch er ein ehemaliger Fischer, der, nachdem er in Bremerhaven einen Pelzladen sah, 1977 sein Atelier in Reykjavík eröffnete. Heute beliefert Jóhannsson nicht nur seine Kunden in Island, sondern auch Maßschneider auf der Londoner Savile Row. Helga Björnsson soll seine Kollektionen auf Linie bringen, aktuell mit Wendemänteln, die außen naturfarben sind, innen warnfarben. Helga Björnsson verbindet den Pelz mit Naturstoffen, mit Leder und Fischhäuten - Mode immer als Zeichen des Widerstands gegen die Unbilden der Natur.

Für ein Land im hohen Norden, das weniger Einwohner hat als Bielefeld, ist die Dichte an kreativen Gemütern indes erstaunlich. Im Durchschnitt hat jeder Isländer schon ein Buch geschrieben, ist vielleicht Schauspieler, Bildhauer und Designer zugleich. Dennoch hat isländische Mode die Bekanntheit der skandinavischen Nachbarn nie erreicht. „Vielleicht ist das alles zu avantgarde“, sagt Steinunn, deren Namensvetterin eine Bestseller-Autorin ist. Vielleicht ist die Zeit auch noch nicht so weit. Skandinavischer Minimalismus und Purismus hat viele Namen: Acne, J. Lindeberg, Marimekko und Stine Goya. Von Island kennen viele nicht mehr als einen Vulkan mit unaussprechlichem Namen, der die Wirtschaft Europas für kurze Zeit aus den Fugen zu heben vermochte.

Designfest und Modetag sind nationale Ereignisse

Auch die meisten Isländer scheinen örtliche Designer nicht zu schätzen. Sie kaufen ein Drittel ihrer Kleidung im Ausland, denn es gibt kaum Billigmarken im Land, kein Zara, kein Bershka, kein Primark. Viele tragen auch H&M, dabei haben die Schweden in Island nicht einmal eine Filiale. Die großen Ketten hier heißen Geysir und 66° North mit einer Handvoll Filialen, sie bieten Funktionskleidung und traditionelle Strickwaren an. Von Kiosk über KronKron bis Spaksmannsspjarir gibt es dagegen viele Läden mit teurer Mode, die neben örtlichen Designern auch Namen wie Henrik Vibskov, Sonia Rykiel und Marc Jacobs führen: etwas Skandinavien, un peu de Paris, ein bisschen New York. Es gibt seit einigen Jahren mehr Souvenirshops als früher, und die Boutiquen ziehen sich von der Laugarvegur, dem Ku’damm des Landes, in die Nebenstraßen zurück, so wie es Steinunn an den alten Hafen zog.

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