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Mode auf dem Kopf : Friede den Hüten!

  • -Aktualisiert am

Nicht nur für Pferderennen geeignet: Eine Hut-Kreation von Jeonga Choi Bild: Martin Leuze

Die meisten Menschen tun sich heute schwer mit dem Tragen von Hüten. Warum eigentlich? Die junge Hutmacherin Jeonga Choi will uns die Scheu vorm Kopfputz nehmen.

          Berlin-Friedrichshain ist nicht die Gegend, in der man Menschen mit extravaganten Kopfbedeckungen auf der Straße trifft. Andererseits: wer trägt heutzutage überhaupt noch einen richtigen Hut? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, kann sich ein Ausflug in den Osten der Hauptstadt deshalb trotzdem als lohnenswert erweisen – denn dort befindet sich, beschaulich in einem Hinterhof gelegen, das Atelier der koreanischen Hutmacherin Jeonga Choi. Nur einen Steinwurf entfernt dröhnt der Lärm der vierspurigen Frankfurter Allee, grauer Putz bröckelt von beschmierten Hausfassaden, in den Ladenzeilen finden sich anstatt veganer Coffeeshops antiquierte Second-hand-Läden, die pinkfarbenen Neonlettern über dem Eingang zum örtlichen Einkaufscenter glimmen schwach wie ein Zigarettenstummel.

          Nein, besonders wohl fühle sie sich in dieser Gegend nicht, gibt Jeonga Choi zu und lässt den Blick aus dem Atelierfenster hinunter auf den grünbewachsenen Hof schweifen. Geboren und aufgewachsen ist die zierliche Südkoreanerin in Seoul, nach dem Pädagogik-Studium zog sie nach Sydney, um dort als Stylistin für Film- und Modeproduktionen zu arbeiten. Immer häufiger wurde sie von Freunden und Fremden auf ihre stets ausgefallenen selbstentworfenen Kopfbedeckungen angesprochen – bis sie 2011 nach Berlin ging und beschloss, aus der privaten Leidenschaft einen Beruf zu machen.

          Jeonga Chois Kreationen sollen straßentauglich sein

          Eine Norm des guten Benehmens

          Seitdem gibt es das Label Jeonga Choi Berlin. Die Designerin ist Autodidaktin, einzig einen dreiwöchigen Modisten-Kurs am London College of Fashion habe sie mal belegt, erzählt sie. Die Kreationen fertigt Choi allesamt selbst, in präziser Handarbeit entstehen sowohl Herrenhüte aus Kaninchenfilz in Bordeauxrot oder Beige als auch extravagante kleine Pillboxhütchen, Kappen mit überdimensionalem Haarpuschel aus australischer Schafswolle, die entfernt an die Bärenfellmützen der britischen Königsgarde erinnern, oder zierliche Fascinators mit Netz und in fruchtigen Sorbetfarben. Doch wer trägt solche kleinen Schmuckstücke fürs Haupt heutzutage überhaupt noch?

          „No need for Ascot!“ steht auf der Internetseite von Jeonga Choi in Anspielung darauf, dass man sich ruhig auch einmal abseits eleganter Veranstaltungen wie Pferderennen oder Hochzeiten an den Hut heranwagen dürfe. Die meisten Menschen aber tun sich heute schwer mit diesem Accessoire, das bis in die sechziger Jahre hinein noch als obligatorischer Bestandteil des Alltagsoutfits galt. „Das Tragen von Hüten war damals eine Norm des guten Benehmens und des bürgerlichen Anstands. Auch für Männer war der Hut Zeichen von bürgerlicher Distinktion, man unterschied sich damit von den Arbeitern und Bauern“, sagt Gertrud Lehnert, Dozentin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam und Autorin zahlreicher Publikationen über Mode- und Kulturgeschichte.

          Auch in Filmklassikern wie „Frühstück bei Tiffany“ ist dieses ungeschriebene Modegesetz deutlich erkennbar. Selbst der unwichtigste Statist tritt dort mit elegantem Hut auf, die Geliebte von Holly Golightlys Nachbar Fred erscheint jedes Mal mit einem anderen feinen Putz auf dem Kopf im Bild. Unvergessen bleibt Hollys überdimensionaler schwarzer Strohhut mit elegant herabhängendem Schleifenband, den sie nonchalant zum Besuch im Gefängnis Sing Sing aufsetzt, wobei ihr auch das eng gebundene Kopftuch à la Jackie O. ganz hervorragend steht.

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