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Südafrika : Mit der gelben Weste auf der Suche nach Arbeit

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach Arbeit: Träger einer Warnweste in Südafrika Bild: Lukas Korschan

Wer sich in Südafrika auf einem Parkplatz eine Warnweste anlegt, hat noch lange keinen offiziellen Job dort. Aber mit Hilfe des Kleidungsstücks lässt sich immerhin etwas Geld verdienen.

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          Sie ist federleicht, lässt sich über fast alles stülpen, sie fällt auf. Und in Kapstadt ist sie so allgegenwärtig, dass sie fast schon als Uniform der Stadt durchgehen könnte. An jeder Straßenecke sieht man die übergroßen Warnwesten aus blauem, orangefarbenem oder neongelbem Kunststoff mit den groben Nähten und den breiten Reflektorstreifen. Eigentlich sind sie ein Kennzeichen für eine offizielle Funktion, getragen von Bauarbeitern, Müllentsorgern und anderen, oft schlecht bezahlten, und doch systemrelevanten Arbeitern. Weil sie aber billig und überall verfügbar sind, haben auch vergeblich Arbeitssuchende angefangen, sich die Westen anzulegen, um sich mit ihnen informelle Arbeit zu beschaffen.

          Sie stellen sich vor Restaurants, Bahnhöfe und Flughäfen, und gegen ein paar Münzen passen sie etwa als Parkwächter auf Autos auf oder bieten Hilfe beim Tragen von Taschen an. Zu diesen Menschen gehört auch Melo, der auf einem Parkplatz neben der Cape Town Railway Station steht und gegen ein kleines Trinkgeld Autos bewacht. Niemand hat ihn dafür angestellt, er hat sich einfach auf den Platz gestellt, eine blaue Warnweste angelegt und seine eigene Stelle geschaffen. „Das Leben ist gut. Ich lerne noch. Die Weste, sie ist eine Formalität, damit ihr uns bemerkt. Viele, die sie anlegen, arbeiten. Manche von ihnen leben auf der Straße und für sie ist das ein Weg, um Geld zum Überleben zu verdienen“, sagt er.

          Mit den Reflektoren fällt sie auf: Ein Mann auf einem Parkplatz in Südafrika bietet an, Autos zu bewachen.
          Mit den Reflektoren fällt sie auf: Ein Mann auf einem Parkplatz in Südafrika bietet an, Autos zu bewachen. : Bild: Lukas Korschan

          In Europa ist die Warnweste durch die französische Gelbwestenbewegung seit 2018 zu einem Symbol der Arbeiterrevolte geworden. „Sie ist gelb, sie ist hässlich, sie passt zu nichts, aber sie kann Ihr Leben retten“, so bewarb der Modeschöpfer Karl Lagerfeld sie, als sie Jahre zuvor in Frankreich zum Pflichtinventar für Autos im Straßenverkehr wurde. Diese allgegenwärtige Verfügbarkeit war es, die sie zum Symbol der Arbeiterbewegung machte. Denn als der Franzose Ghislain Coutard in seinem Auto ein Video drehte, um gegen die Erhöhung der Treibstoffabgaben zu argumentieren, griff er zum naheliegendsten Objekt – der grellen, unübersehbaren Warnweste. Das bewegte Bild ging viral, andere Protestierende legten sich Gilets Jaunes an, die zum Ausdruck und Namensgeber der neuen Bewegung wurden. Ausgerechnet ein billiges Stück Plastik, überall verfügbar, hundertmillionenfach verkauft, wurde entfremdet und zu einem Zeichen des Protests umgedeutet. Kaum ein anderes Kleidungsstück hat es geschafft so zum Symbol zu werden.

          Fernab der europäischen Proteste hat die Aneignung der Warnweste in Südafrika eine viel subtilere Form der Subversion angenommen. Es ist kein geeinter, neongelber Block, keine Bewegung, die medienwirksam gesellschaftliches Umdenken fordert, sondern es sind einzelne, sonst übersehene Menschen, die sich etwas Präsenz verschaffen. Sie sind weit zerstreute Einzelgänger, die Teil des Stadtbilds sind und jeden Tag im Stillen ihren ganz eigenen Kampf um ihre Existenz austragen. In einem Land, in dem fast ein Drittel der Bevölkerung keine formelle Arbeit hat, ist es ein kleiner, schöpferischer Akt, durch ein so einfaches Mittel wie einer überall verfügbaren Weste ein bisschen Lebensunterhalt zu bestreiten. Diese Weste, ein Massenprodukt der Globalisierung, sie zeugt in Kapstadt von individuellem, lokalen Widerstand gegen die ökonomischen Widrigkeiten, von einer Selbstermächtigung im Kleinen. Und so spinnt sich der Faden ihrer Geschichte immer weiter.

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