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Misswahlen in Venezuela : Der Traum vom Ausweg aus der Misere

Gekrönt: Thalia Olvin aus dem Bundesstaat Delta Amacuro Bild: AP

Was für die Jungs in Venezuela der Traum von der Baseball-Karriere ist, ist für die Mädchen der Traum von der internationalen Modelkarriere. Was die jungen Bewerberinnen bereit sind dafür zu tun, ist kürzlich ans Tageslicht gekommen.

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          Freudentränen, Umarmungen, die Krönung – alles war wie gehabt an der Wahl der Miss Venezuela 2019 in dieser Woche. Doch die Krise im Land ließ sich nicht ganz verbergen. Die Zeremonie, die als nationales Ereignis gilt und in den vergangenen Jahren vor einer Kulisse von Tausenden Zuschauern abgehalten wurde, fand in eher bescheidenem Rahmen im Fernsehstudio mit 300 Gästen statt. Und auch das Publikum an den Bildschirmen dürfte etwas kleiner gewesen sein in diesem Jahr, aus dem einfachen Grund, weil es in etlichen Regionen des Landes praktisch täglich zu Stromrationierungen und Ausfällen kommt.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Eine Änderung gab es auch bei den Anforderungen: Erstmals wurden die Körpermaße der Kandidatinnen nicht mehr bekanntgegeben. Die Maße 90-60-90 waren keine Bedingung mehr. Schlank kamen trotzdem alle daher. Doch Gewichtsprobleme kennen heute ohnehin nur noch wenige Venezolaner. Der Mangel an Lebensmitteln hat das Durchschnittsgewicht der Venezolaner in den vergangenen Jahren massiv gesenkt. Sie nennen es in Anlehnung an ihren Staatschef die „Maduro-Diät“.

          Die Glückliche in diesem Jahr heißt Thalía Olvino, ist 19 Jahre alt und kommt aus dem Bundesstaat Delta Amacuro. Ihr stehen nun alle Türen für eine erfolgreiche Karriere offen. Das ist zumindest der Traum, der vielen Venezolanerinnen vorgehalten wird. In kaum einem anderen Land ist der Miss-Titel mit derart viel Prestige verbunden wie in Venezuela. Die venezolanischen Vertreterinnen gewannen bereits sieben Mal den Titel der Miss Universe und sechs Mal bei Miss World. Um die Schönheitswettbewerbe ist eine ganze Industrie entstanden. Bereits Kinder werden in Kurse geschickt, die monatlich mehrere Mindestlöhne kosten. Schönheitsoperationen sind gang und gäbe. Das Gesundheitssystem Venezuelas ist zwar am Boden. Es fehlt an Medikamenten und Ausrüstung. Dennoch gehört Venezuela weiterhin zu den zwanzig Ländern mit den meisten Schönheitsoperationen.

          Was für die Jungs der Traum von der Baseball-Karriere in den Vereinigten Staaten ist, ist für die Mädchen der Traum von der internationalen Modelkarriere. Im Zuge der Krise, in der sich Venezuela befindet, weckt dieser Traum immer größere Sehnsüchte und ist zu einem Ausweg aus der Misere und in ein besseres Leben geworden. Was die jungen Bewerberinnen bereit sind dafür zu tun, ist vor einiger Zeit ans Tageslicht gekommen. Frühere Bewerberinnen berichteten von Korruption und Prostitution im Umfeld der Misswahlen. Die Schönheitsoperationen, die Kleider, die Kurse kosten Geld. Sponsoren bieten sich an, die körperliche Gegenleistungen verlangen.

          Die eigene Karriere ist allerdings nicht mehr das Einzige, das zählt für die venezolanischen Missen. Soziales Engagement ist zunehmend wichtiger. Ein Beispiel ist Isabella Rodríguez, die Miss Venezuela 2018. Sie stammt aus dem Armenviertel Petare in der Peripherie der Hauptstadt Caracas und hat sich den Traum erfüllt. Zugleich setzt sie sich jedoch für ihre Gemeinschaft in Petare ein. Und sie ist sich auch nicht zu schade, die Probleme im Land beim Namen zu nennen. Anfang des Jahres ging Rodríguez im Protest gegen die Regierung auf die Straße. Nur weil sie eine Krone trage, lebe sie nicht in einer Luxus-Blase, sagte sie. „Wir alle wollen Chancen bekommen und unseren Traum leben.“

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