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Bademodemarke Mic Mac : Die luftige Idee von Gunter Sachs lebt weiter

Das war der bisherige Höhepunkt der deutsch-französischen Beziehungen: Gunter Sachs verliebte sich in Brigitte Bardot. Das Traumpaar – hier 1967 – war von 1966 bis 1969 verheiratet. Die beiden personifizierten Worte und Werte, die es gar nicht mehr gibt: Der Playboy und die Blondine führten ein Jet-Set-Leben. Dazu gehörte auch Mic-Mac-Mode. Bild: Getty

Tan Giudicelli arbeitete einst als Designer für Gunter Sachs. Heute, lange nach Sachs’ Ableben, macht Giudicelli aus dem Altenheim mit der Jugendbewegung weiter und belebt dessen Bademodemarke Mic Mac neu.

          3 Min.

          Wie viele Premieren hat diese Modewoche im März trotz Corona gesehen! Aber wer hat schon diese Premiere gesehen? Es ist still in dem Atelier in einem Pariser Hinterhof, klassische Musik im Hintergrund, in der Luft der Esprit des Neubeginns. Dieser Mann gehört nicht mehr zu den jüngsten Debütanten. Aber gerade wegen seiner langen Geschichte wirkt er frischer als viele Anfänger.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Denn Tan Giudicelli macht mit der Jugendbewegung weiter, die ihn einst in die Mode trug. Und die ihn zum Mitarbeiter von Gunter Sachs machte, dem Industriellenerben, Fotografen, Dokumentarfilmer, Kunstsammler, Astrologen. Für Sachs, den vielleicht einzigen Playboy, den Deutschland je hervorbrachte, entwarf Giudicelli dessen Modemarke Mic Mac. Micmac heißt so viel wie Wirrwarr, was wiederum gut zu der Zeit passte, als Sachs sich von der ehemaligen persischen Kaiserin Soraya entwöhnt und immer neu verliebt hatte, bis er mit Brigitte Bardot im Ehe-Hafen von Saint-Tropez festmachte.

          Vorweggenommene Jugendrevolte

          Tan Giudicelli war schon erfahren, als sie 1965 mit der Mic-Mac-Bademode begannen, die so luftig und leicht war wie die Stimmung in dem Fischerdörfchen an der Côte d'Azur, die plötzlich erotisch aufgeladen war. Giudicelli hatte bei Christian Dior gelernt und war dann noch ein Jahr in der Yves-Saint-Laurent-Zeit dort. Dann wechselte er ins Laboratorium der jungen Mode schlechthin: Chloé, in den Fünfzigern von Gaby Aghion gegründet, war die erste Marke in Paris, die nicht aus der Haute Couture hervorgegangen war, sondern sofort Prêt-à-Porter machte.

          Im Atelier in Paris: Tan Giudicelli, einst Designer für Gunter Sachs.
          Im Atelier in Paris: Tan Giudicelli, einst Designer für Gunter Sachs. : Bild: Helmut Fricke

          Und dafür engagierte Madame Aghion gleich mehrere junge Designer, denen die maßgeschneiderte Couture-Mode langsam démodé vorkam: Maxime de la Falaise, die Mutter der späteren Saint-Laurent-Muse Loulou de la Falaise, Michèle Rosier, die Tochter der „Elle“-Gründerin Hélène Gordon-Lazareff, und eben Tan Giudicelli, der als Sohn einer vietnamesischen Mutter und eines korsischen Vaters 1934 in Hanoi geboren worden war und mit 18 Jahren nach Paris kam.

          Der Designer, dessen mütterliche Vorfahren an der Seidenstraße in Hanoi einen Seidenhandel betrieben hatten, war von 1962 bis 1965 bei Chloé. „Ich kam aus der Couture. Daher konnte ich beurteilen, dass Gaby Aghion wirklich etwas Neues erfunden hatte. Wir waren eine ganze Generation, die nun die Couture überwinden wollte.“ Es war so etwas wie die vorweggenommene Jugendrevolte der sechziger Jahre in modischer Form. Immer neue Designer kamen zu Chloé, bald auch Karl Lagerfeld, den Giudicelli schon deswegen gut kennenlernte, weil der junge Deutsche vor Ehrgeiz barst, bald alle anderen Chloé-Designer überflüssig machte und von 1965 an allein das Kreative bestimmte, bis 1982, als er zu Chanel ging.

          Den Anruf von Gunter Sachs, ob er nicht Designer seiner Modelinie werden wolle, bekam Tan Giudicelli zur rechten Zeit. „Weil ich bei Chloé exklusiv hätte arbeiten müssen, also nicht nebenbei für andere entwerfen durfte, habe ich dann 1965 aufgehört.“ Gunter Sachs fragte ihn: „Was möchtest Du dafür haben?“ Er antwortete: „Ich rede nicht darüber. Ich mache die Kollektion. Und wenn's läuft, will ich viel haben.“ Für die erste Kollektion sah er keinen Franc. Dann lief es gut, auch weil Giudicelli die Einkäufer von Bloomingdale's noch aus Chloé-Zeiten kannte.

          „Er sah toll aus, aber er hatte Angst vor den Frauen“

          „Gunter war berühmt“, sagt Giudicelli über die Erfolgsformel. „Die Zeit war reif für unbeschwerte Sommermode. Man wollte etwas Neues, und unsere Kollektionen waren hübsch.“ Die ersten zehn Jahre blieb er, die Marke hielt bis 1990 durch. Als seine Erfindung rechnet sich Tan Giudicelli das T-Shirt-Abendkleid an. „Das war modern, das war leicht. Die Frauen konnten es tagsüber und am Abend tragen.“ Also zumindest in Saint-Tropez.

          Gunter Sachs kam dem Designer immer schüchtern vor. „Er sah toll aus, aber er hatte Angst vor den Frauen“, meint Giudicelli. Zumindest vor Mirja Larsson hatte er dann doch nicht so viel Angst: 1969 heiratete Sachs das schwedische Model. Sie blieben zusammen bis zu seinem bitteren Ende, dem Suizid im Jahr 2011.

          Heute wohnt Tan Giudicelli bescheiden in einem Altenheim in Paris. Als er seine Zeichnungen in einer Galerie ausstellte, las ein alter Freund einen Artikel im „Figaro“ darüber und wunderte sich: „Ach, der lebt ja noch!“ Sie hatten sich seit 60 Jahren nicht gesehen, aber der Freund rief ihn gleich an und erzählte ihm von seiner Idee mit Mic Mac: „Ohne Dich mache ich es nicht.“

          Und so sitzen jetzt zwei ältere Herren in einem lichtdurchfluteten Atelier in einem schönen Pariser Hinterhof und arbeiten weitsichtig an der kunterbunten Kollektion für den Sommer 2021 – Winterkollektionen bringen in diesem Genre nicht viel. „Nichts muss er mir dafür zahlen“, sagt Jungdesigner Giudicelli über seinen Freund. „Mir reicht es, wenn wir den Namen Mic Mac wieder zum Leben erwecken können. Das ist ein schönes nostalgisches Projekt.“ Und womöglich zukunftsweisend.

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