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Markenzeichen von Mercedes : Vom Zamak-Barren zum Mercedesstern

  • -Aktualisiert am

Glänzend und symbolträchtig: Der Mercedesstern Bild: Foto Thomas Geiger

Zwölf Einzelteile, zehn Handgriffe: So entsteht eines der berühmtesten Markenzeichen der Autobranche, der Mercedesstern.

          3 Min.

          Andere Leute gehen ins Planetarium oder benutzen ein Teleskop. Wenn Frank Kaborn richtig viele Sterne sehen will, muss er nur raus aus seinem Büro und rein in die Halle dahinter. Kaborn ist Leiter der Metallfertigung bei dem Zulieferer Witte Niederberg in Wülfrath. Er holt die Sterne nicht vom Himmel, sondern aus der Maschine – bis zu 30.000 Mal im Monat, 1000 Mal am Tag oder mehr als 100 Mal pro Stunde. Für Mercedes produziert sein Unternehmen seit 1948 als exklusiver Lieferant den Hauben-Stern – eines der berühmtesten Markenzeichen in Deutschland. Der Stern strahlt seit mehr als 100 Jahren über der Luxusmarke, er symbolisiert neben der Fortbewegung zu Lande, zu Wasser und in der Luft auch den Glanz, der von Mercedes ausgehen soll.

          Doch so erhebend seine Wirkung sein mag – die Produktion beginnt ganz profan: als Stangenware auf einer Holzpalette in einer zugigen Werkshalle . Zunächst sind da nur schmucklose Barren der Legierung Zamak, die aus Zink, Aluminium und Kupfer besteht. 76.000 Kilogramm pro Jahr werden davon bei 420 Grad geschmolzen und mit einem Druck von 800 Kilonewton oder 80 Tonnen und einer Geschwindigkeit von 200 Kilometern pro Stunde in eine der drei Formen gegossen, die im ständigen Wechsel im Einsatz sind. Binnen weniger Sekunden erkaltet, fallen die Sterne im schnellen Takt aus der Presse, landen in schmucklosen Gitterboxen und beginnen gleich ihre erste Reise. Vor der weiteren Montage müssen sie bei einem Produktionspartner entgratet, zum Schutz vor Wind und Wetter und für dauerhaften Glanz dick verchromt und anschließend mit der Politurbürste zum Strahlen gebracht werden.

          Stern ist nicht gleich Stern

          Wieder zurück in Wülfrath und jetzt auf Schaumstoff gelagert, gehen sie durch die Hände von vier Mitarbeitern, die zum Teil schon seit mehr als 30 Jahren nach den Sternen greifen. Zusammen mit Federn und Lagern montieren sie die Sterne auf einen Fuß und prüfen danach jeden einzelnen an einer Maschine, ob er sich wirklich mit minimalem Kraftaufwand im Dienste des Fußgängerschutzes umklappen lässt. So entsteht aus 29 Gramm Zamak-Legierung für den Stern und 52 Gramm Federstahl, Blech und Kunststoff für den Fuß, insgesamt zwölf Einzelteilen, ein international bekanntes Sinnbild für Luxus Made in Germany – nicht im heimischen Stuttgart, sondern in der rheinischen Provinz. De facto liege der Anteil des Sterns am Umsatz des Werks in Wülfrath nur bei zwei Prozent, sagt Frank Kaborn, und insgesamt benötige er für die zehn Handgriffe der Fertigung nur sieben der 430 Kollegen am Standort. Doch für den Stolz der Belegschaft und das Image der Firma sind die bislang gut 20 Millionen produzierten Sterne viel mehr wert als die Türgriffe, Schlösser und Verriegelungsteile, die Witte sonst noch im Portfolio hat.

          Kaborn steht vor einer Vitrine, in der er Dutzende Variationen des immergleichen Logos ausgestellt hat. Stern sei nicht gleich Stern, sagt er, je nach Modell und Generation war der Stern mal dicker oder dünner, mal größer oder kleiner – bis hin zu den riesigen Pullman-Modellen, bei denen der Stern passend zu den imposanten Dimensionen der Fahrzeuge anderthalb Mal so groß war wie heute. Inzwischen beträgt der Durchmesser exakt 7,6 Zentimeter. Noch mehr Unterschiede gibt es bei der Rosette, die um den Fuß des Sterns gelegt ist: mit Lorbeerkranz auf blauem Grund, mit Lorbeerkranz auf schwarzem Grund oder ohne Lorbeerkranz mit separater Plakette.

          In China darf der Stern sogar noch auf die C-Klasse

          Mittlerweile ist noch ein weiteres Markenzeichen dazugekommen. Seit Mercedes wieder einen Maybach baut, wird hier neben dem Stern auch das doppelte M gepresst. Und auch wenn die Luxusmodelle nur einen Bruchteil der Gesamtproduktion ausmachen, hat Kaborn eine Überschlagsrechnung parat: „In den letzten Jahren haben wir mehr Maybach-Logos hergestellt, als es sie im ersten Leben der Marke insgesamt gegeben hat.“ Das kann den Witte-Mann freilich nicht darüber hinwegtrösten, dass der Stern offenbar am Sinken ist. Auch wenn Mercedes immer wieder Absatzrekorde meldet, geht die Produktion in Wülfrath stetig zurück. Waren es in den Neunzigerjahren noch 600.000 Sterne im Jahr und zwischen 2008 und 2015 immerhin 400.000, liegt die Zahl jetzt bei nur noch 300.000. Und die Tendenz ist weiter rückläufig.

          „Immer mehr Neuwagen tragen den Stern im Kühler und nicht mehr auf der Haube“, sagt Kaborn. Dieses Geschäft muss er einem anderen Zulieferer überlassen. Betraf das bislang nur einzelne Ausstattungsvarianten, hat es mit der neuen C-Klasse jetzt erstmals eine ganze Baureihe getroffen. Doch wie viele andere Manager schaut der Werksleiter hoffnungsvoll nach China: Dort werden seine Sterne so wertgeschätzt, dass sie weiterhin auch noch auf der C-Klasse montiert werden.

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