https://www.faz.net/-hrx-ab6of

Menstruationstropfen-Ohrringe : Was der Körper kann, das schmückt ihn auch

  • -Aktualisiert am

Bis aufs Blut: Menstruationstropfen-Ohrring von Joanna Bacas Bild: Christina Hasenauer

Schmuck muss nicht ­abstrakt sein. In Zeiten, da der Körper unter ­besonderer Beobachtung steht, bilden Designer ­ab, was uns am nächsten ist. So entstehen zum Beispiel Menstruationstropfen-Ohrringe.

          3 Min.

          Mit dieser Kollektion hat der Designer Augen und Ohren überall: In Form von Clips stecken sie in den Haaren. Sie sitzen auf Handtaschen und Gürtelschnallen. Ein paar Nasen sind auch dazwischen. Aber es sind nicht nur Sinnesorgane. Da wären auch der gleißende Brustschutz und die Fingerspitzen mit überwuchernden Nägeln. Das alles hat der amerikanische Modemacher Daniel Roseberry für das französische Modehaus Schiaparelli aus Gold gefertigt und vor einigen Wochen als Teil seiner neuen Kollektion gezeigt.

          So sieht Schmuck heute aus. Die Pandemie führt vor Augen, wie empfindlich der Körper sein kann. In der Realität ist er dem Virus ausgeliefert. In der Mode bilden ihn die Designer aus Edelmetall als außergewöhnlich hart im Nehmen nach.

          Neu ist diese Darstellung natürlich nicht: Seit Jahrtausenden schmieden Künstler im Streben nach übermenschlicher Ewigkeit Formen des Körpers. So wurden in Gräbern, ob bei den Kelten, den Ägyptern, den Inkas oder den Chinesen, immer wieder Juwelen gefunden, die den toten Körper veredelten; Saphire und Rubine, die Augen und Mund ersetzten, oder Goldplatten, die Fingerkuppen und Knochen nachzeichneten.

          Der Körper ist das Vanitas-Symbol überhaupt. Im alten Rom stellte man Schmuckstücke in Körperformen auch öffentlich zur Schau. Zu sehen war dann sogar das, was so mancher vielleicht heute als anstößig empfinden würde – nämlich der erigierte Penis. Fascina, wie die Amulette und Ringe in Phallus-Form genannt wurden, sollten Babys, Kleinkinder und Soldaten als Glücksbringer gegen den bösen Blick schützen.

          Stolze Brust: Kette von Joanna Bacas
          Stolze Brust: Kette von Joanna Bacas : Bild: Christina Hasenauer

          Der Körperschmuck blieb über die Antike hinaus. Besonders kurios ist dabei die christlich-orthodoxe und katholische Reliquienverehrung. Betuchte Gläubige schmückten sich nicht nur selbst mit echten menschlichen Körperteilen. Vom Mittelalter bis in die Neuzeit bekamen Klöster und Pfarrkirchen im deutschsprachigen Raum Katakombenheilige vom Vatikan vermittelt, Skelette, die als christliche Märtyrer galten und als heilig zertifiziert waren. Als Zeichen der religiösen Verehrung wurden diese Skelette mit Edelsteinen besetzt und mit Ornamenten verziert.

          Mit Unterstützung von Salvador Dalí

          Es war dann Daniel Roseberrys Vorvorvorvorgängerin, die Gründerin des gleichnamigen Hauses, Elsa Schiaparelli, die zwischen den Weltkriegen damit begann, den Surrealismus in den dreißiger Jahren in die Mode zu übertragen. Unterstützung bekam sie damals von niemand Geringerem als dem Künstler Salvador Dalí.

          Die politische Instabilität und die Präsenz vom Krieg versehrter Körper dürften dabei nur zwei Aspekte gewesen sein, die Elsa Schiaparelli in ihrer Ästhetik prägten. Ein weiterer könnte die eigene italienische Familie gewesen sein, in der „Schiap“, wie sich die autodidaktische Modeschöpferin später nannte, aufwuchs. Darunter waren Orientalisten, Ägyptologen, Astronomen. Die Ornamente des Altertums und des Katholizismus waren ihr wohl bekannt und dürften Inspiration für ihr späteres Schaffen gewesen sein.

          Brustschutz: Entwurf von Daniel Roseberry für ­Schiaparelli
          Brustschutz: Entwurf von Daniel Roseberry für ­Schiaparelli : Bild: Schiaparelli

          Daniel Roseberry begann schon im vergangenen Jahr, kurz vor Ausbruch der Pandemie, an Schiaparellis Arbeit anzuknüpfen, mit Ohren, Nasen und Zähnen aus Gold. „Ich fand die Idee toll, sich mit sich selbst zu verzieren oder mit Dingen, die Teile des eigenen Körpers zeigen“, erzählte er der „New York Times“ im Februar.

          Sehnsucht nach Berührung

          In Zeiten der körperlichen Distanz haben seine Entwürfe umso mehr Gewicht bekommen. Vielleicht ist der Schmuck nicht nur als Rüstzeug zu betrachten, sondern auch als ein Zeichen nach außen gekehrter Sehnsucht nach Berührung.

          Die Darstellungen von Körperformen sind dabei ja längst Teil des Diskurses über das eigene Körperempfinden. Seit einigen Jahren nutzen junge Schmuckdesigner ihr Kunsthandwerk, um neue Perspektiven auf den eigenen Körper zu ergründen. Die Schmuckmacherin Sophie Buhai aus Los Angeles hat zum Beispiel jüngst eine Nase aus 18 Karat Gold als Brosche lanciert. Anissa Kermiche aus London ist bekannt für ihre Vasen, die wie weibliche Unterleiber aussehen, sie fertigt aber auch Ohrringe in der Form von Frauenbeinen und BHs. Die Arbeiten der Berliner Designerin Joanna Bacas, die Brüste mit betonten Brustwarzen und Vulven in Gold, Silber und Edelsteinen einfasst, gehören auch dazu: „Es geht darum, den weiblichen Körper und die weibliche Sexualität zu zelebrieren“, sagt sie. „Ich will Stigmatisierungen etwas entgegensetzen, indem ich Teile und Dinge an unserem Körper, denen noch immer Scham anhaftet, transformiere und zu etwas mache, das man nicht verstecken muss, sondern mit Stolz trägt.“ Ein Ohrring ist der Periode gewidmet, hier sind die Menstruationstropfen Granatsteine.

          Tragt Euren Körper!

          Die Botschaft dieser Entwürfe: Was der Körper ist und sein kann, das kann auch Schmuck sein, das kann man mit Stolz tragen. „Reclaim your body“, die feministische Forderung, dem Patriarchat die Deutungshoheit über den weiblichen Körper zu entziehen, wird so um eine Idee erweitert: „Wear your body“.

          Das ist auch mit dem männlichen Körper zu machen: Der Berliner Schmuckdesigner Nhat-Vu Dang beschäftigt sich mit ihm. Nachbildungen von Oberarmen legt er an die Kette. „Den Körper durch Schmuck zu betrachten, das bedeutet, neu auszuhandeln, was als schön gilt und was als vulgär.“ Nhat-Vu Dang befasste sich, so wie Daniel Roseberry, schon vor der Pandemie mit menschlichen Formen. „Aber das Verlangen nach Berührung ist viel immanenter geworden. Eine menschliche Berührung kann nicht ersetzt werden. Aber wenn man sich entscheidet, ein Schmuckstück zu tragen, hat es vielleicht eine ähnliche Erregung wie ein Händeschütteln, das erst einmal fremd ist und auf das man sich einlassen muss.“

          Ein Schmuckstück, das aussieht wie ein Sinnesorgan, eine Edelmetall-Hand, die in eine andere greift: Die Körperstücke bilden also nur konkret ab, wofür Schmuck ohnehin steht. Der Fremdkörper am eigenen Körper ist eine intime Begegnung mit der eigenen Vorstellungskraft.

          Weitere Themen

          Wir sehen rot, gelb, grün

          Bunte Regenjacken : Wir sehen rot, gelb, grün

          Durch sie wird selbst ein grauer Regentag bunter: Eine vernünftige Regenjacke darf zur Zeit in keinem Kleiderschrank fehlen – gerade weil man sich bei plötzlichem Regen nicht mehr ins Café retten kann.

          Topmeldungen

          Die Zahl der Internet-Attacken nimmt zu.

          Cyber-Kriminalität : Im Netz der kaltblütigen Erpresser

          Hacker dringen mit ihren Angriffen in immer sensiblere Bereiche vor. Sie nehmen Daten als Geisel und Tote in Kauf. Treffen kann es jeden.
          Ministerpräsident Netanjahu am Donnerstag mit israelischen Grenzpolizisten in Lod

          Profiteur der Gaza-Eskalation : Netanjahus politische Rückkehr

          Netanjahu war wegen des Korruptionsprozesses und mehrfach gescheiterter Koalitionsbildungen politisch in Bedrängnis. Dass der Gaza-Konflikt jetzt wieder eskaliert ist, kommt dem israelischen Ministerpräsidenten zugute.

          Aufflammender Antisemitismus : Wer jetzt schweigt

          Gerade bezeugen wir wieder, dass viele „Israel-Kritiker“ den Nahostkonflikt nicht verstehen. Sie wollen nicht sehen, was die Hamas anrichtet. Und auf der Straße zeigt der Antisemitismus sein Gesicht.
          Impflinge haben nach ihrer Impfung gegen Corona ein Pflaster auf dem Oberarm.

          Inzidenz und Impfrekord : Ist das der Anfang vom Ende der Pandemie?

          Die Inzidenz sinkt bundesweit unter 100, die Zahl der Impfungen erreicht einen Rekordwert. Das stimmt selbst den Gesundheitsminister optimistisch. Doch Fachleute blicken schon auf eine weitere Variante des Virus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.