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Medizinische Bekleidung : „Mit Joop kamen wir ganz groß raus“

„Ich frage mich heute auch, warum habe ich die nicht vorher angehabt?“ - Wolfgang Joop über Stützstrümpfe Bild: dpa

Medizin trifft Mode – Medi setzt auf neue Märkte und ein traditionsreiches Produkt: Kompressionsstrümpfe.

          Der Triathlon in Frankfurt war der Durchbruch: Timo Bracht hatte dort im Juli 2007 das Rennen für sich entschieden, im Wasser, zu Lande und immer von Fernsehkameras begleitet. Nach 8 Stunden und 9 Minuten war es vorbei, der Triathlet aus dem Odenwald hatte alle überrascht. Er war an den Konkurrenten vorbeigezogen, hatte die großen Stars des Sports hinter sich gelassen und die Ziellinie als Erster überquert. Ein Ironman im schwarz-gelben Laufdress, ein eisenharter Athlet mit weißen kniehohen Strümpfen. Ein Geheimnis, das alle sehen konnten, und jeder stellte sich die Frage: Was hat er da bloß an?

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Kompressionsstrümpfe“, wird Bracht später sagen. Sie stützten, kühlten und entspannten die Muskeln in seinen Waden. Die Arterien wurden geweitet, das Blut floss leichter, der Sauerstoff zirkulierte rascher durch den Körper. Das ließ ihn locker laufen. Socken, die den Sieg bedeuten. Stefan Weihermüller lacht dazu. Sieben Jahre später steht er mit seinem Bruder Michael in der Produktionshalle am Rande von Bayreuth. Ein Gewerbepark gleich hinter der Stadt. Vor dem fünfstöckigen Zweckbau steht ein großes rotes Schild: Medi GmbH & Co. KG. Ein Weltmarktführer aus der Provinz und die Auflösung von Brachts Geheimnis.

          „Für Stützstrümpfe gibt es da feste Vorgaben“

          Die Strickanlagen rattern im Takt ihrer Programme. Masche für Masche, Spitze, Ballen, Ferse, Schaft. Drei-Schicht-System, sechs Tage die Woche, 1300 Mitarbeiter arbeiten am Standort. Durch den Takt der Arbeit erklärt Weihermüller den Betrieb und das Fabriksystem, den Markt, die Arbeit und die Maschinen. Glänzende Zylinder, kreisrund aufgesteckte Nadeln mit verschließbaren Öhren, die Zufuhr der Garne - hauchdünne Fäden aus Polyamid und Elastan. Mit einem komplizierten, hauseigenen Verfahren sind ein halbes Dutzend verschiedener Garne faktisch um sich selbst gestrickt.

          Jeder Strumpf erhält durch einen spiralförmig eingezogenen Faden seine ganz eigene Spannung. Es ist eine Wissenschaft für sich. Weihermüller spricht von Kraft- und Dehnungsverhältnis, von Fadenführung, Beinbreiten und mehr als 80 Spannungs-, Mess- und Druckpunkten, von Knie- Halb- und Oberschenkellängen, von Zehenöffnungen, Haftbändern und Kompressionsklassen. „Für Stützstrümpfe gibt es da feste Vorgaben“, sagt er. „Quasi ein Reinheitsgebot der Branche.“ Gearbeitet werde auf Bestellung und auf Sonderwünsche. Jedes Bein sei anders, jeder Strumpf habe seine eigene Größe, sagt Michael Weihermüller.

          Vom kleinen Betrieb zum Branchenführer

          Medi bietet eine Viertelmillion verschiedener Serienartikel an. Eine Herausforderung für jede Produktion und das Maß der Dinge in der gesamten Branche. Das Unternehmen ist seit Jahren die Nummer eins auf seinen Märkten. Medi erlöst einen ordentlichen dreistelligen Millionenbetrag, arbeitet mit Gewinn und hat noch einiges vor. Die Weihermüllers wollen Medi zur Marke machen. Druck tut gut, und Kompression ist ein lohnendes Geschäft. Sie haben binnen dreißig Jahren aus dem kleinen alten Stützstrumpfbetrieb ihrer Familie einen Branchenführer gemacht.

          Der Großvater hatte das Geschäft mit einem Partner Anfang der zwanziger Jahren in Pausa gegründet, ein Städtchen im Vogtland, das einst das Zentrum der deutschen Strumpfhersteller war und durch das heute noch die gut geschmierte Erdachse verläuft. Nach dem Krieg hatte der Vater die Unternehmung nach Bayreuth verlagert, wieder aufgebaut und fest im Markt für Medizintechnik verankert. Mitte der sechziger Jahre kam der erste nahtlose Kompressionsstrumpf auf den Markt.

          Asics als Vorbild

          Ein Erfolg, die Basis war gelegt. Ein Ende der Entwicklung kam nicht in Sicht. Die beiden Söhne brachten Farbe ins Spiel und machten die einstmals blütenweißen Stützstrümpfe bunt; sie stellten neben die Strumpf- noch eine Orthopädiesparte und wollten dann noch mehr. Deutscher Mittelstand in der dritten Generation, ordentlich kapitalisiert, gut kalkuliert, mit großen Plänen, viel Mut und noch mehr Ideen. Auf dem 1 Milliarde Euro großen Strumpfmarkt Deutschlands ist Medi am oberen Ende der Spezialanbieter für Medizin- und Sanitätshäuser, für Ärzte, Kliniken und Krankenhäuser.

          Es ist ein Kampf gegen Thrombose, gegen Gelenk-, Venen- und Muskelschmerzen. „Wir wussten, was wir konnten, und haben dann einfach mal was Neues ausprobiert“, sagt Michael Weihermüller. „Eine Firma wie die japanische Asics“, fügt der Unternehmer hinzu, „ist unser Vorbild.“ Denen seien die großen Konkurrenten wie Adidas und Nike seit Jahren auf der Spur, ohne ihnen den Rang abzulaufen.

          Drei Säulen: Medizin, Sport und Mode

          Die Sportgiganten kleben nun auch an den Fersen von Medi. Nach Brachts Frankfurter Triathlon-Erfolg waren die Weihermüllers in den Sport- und Freizeitmarkt eingestiegen, dann kamen noch Trends und Mode dazu. Das brauchte Geld und große Entscheidungen. „Wir wollen selbständig bleiben, unser eigenes Geld verdienen und auch investieren“, sagt Michael Weihermüller. „Bayreuth ist unser Zuhause“, erklärt sein Bruder Stefan. Verlagerungen oder Outsourcing kämen nicht in Frage. „Wir brauchen die Kontrolle und die Flexibilität. Vor allem brauchen wir das Made-in-Germany.“ Dafür haben sie beide haftenden Familienstämme an ihrer Seite und einen Markt in 90 Ländern.

          Heute steht Medi auf drei Säulen: Medizin, Sport und Mode. Jede Sparte hat ihre Marke und eine eigene Geschichte. „Als Wolfgang Joop vor fünf Jahren nach einer Operation unsere Strümpfe tragen musste, schrieben wir ihm einen Brief und erklärten kurz, wer wir sind und was wir machen. Das kam gut an“, sagt Stefan Weihermüller. Sein Telefon klingelte. Am anderen Ende war der Modezar. Joop sagte zu, für Medi zu werben, ging vor die Kameras und auf die Bühnen. Das Wunderkind der deutschen Modeindustrie redete plötzlich mehr von Phlebologie und Thromboseprophylaxe als von Doubleface und Seidenchiffons. „Damit kamen wir ganz groß raus“, sagt Weihermüller. Ein zweiter PR-Coup war gelungen.

          Hightech für Stützstrümpfe

          Joop räumte damals öffentlich ein, Kompressionsstrümpfe hätten zuvor für ihn immer etwas „Altes“, etwas „Großmütterliches“ und einen Hauch von „zweiter Lebenshälfte“. Ein Fehler, wie er eingestand. „Ich frage mich heute auch, warum habe ich die nicht vorher angehabt?“, sagte er auf einem Symposium. Stützstrümpfe waren in aller Munde, und Medi stand dick in den Schlagzeilen. In Bayreuth fuhren sie die Produktion nach oben. Das Unternehmen lief im Hochbetrieb und Drei-Schicht-System. Die Weihermüllers investierten vorsichtig, schöpften das Geld aus dem eigenen Mittelzufluss, dachten Schritt für Schritt ein wenig größer und bauten an.

          Eine neue Produktionshalle, Hunderte neue Maschinen zum Stückpreis eines Sportwagens, ein vollautomatisches und komplett digitalisiertes Lager. Hightech in Bayreuth. Vollgepackte Regale bis zur Decke und so groß wie ein Hochhaus. Durch die Reihen gleiten fahrerlose Gabelstapler. Ohne Barcodes und Computer läuft hier nichts. Binnen Stunden kann eine Bestellung in jeden Teil des Landes geliefert werden. Zu Wasser, zu Lande und wenn es sein muss, auch in der Luft.

          Das Unternehmen

          Anfang der zwanziger Jahre gründete Albert Weihermüller in Pausa im Vogtland einen Betrieb für die Herstellung von Stützstrümpfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich die Familie Weihermüller in Bayreuth nieder, baute das Unternehmen wieder auf. Heute ist die Medi GmbH & Co. KG der größte Hersteller von Kompressionsstrümpfen der Welt. Rund 1300 Mitarbeiter erwirtschaften einen Umsatz in mittlerer dreistelliger Millionenhöhe. In der dritten Generation hat die Familie aus eigner Kraft neue Wege eingeschlagen. Michael Weihermüller (links im Bild) und sein Bruder Stefan Weihermüller sind Kopf und Seele des Unternehmens. Stefan hat Textilingenieur gelernt, Michael ist Kaufmann. Mitte der achtziger Jahre haben sie die Führung, des väterlichen Betriebs übernommen. Seitdem vertreten sie die beiden Familienstämme. Stefan ist für die Produktion verantwortlich; Michael für die Zahlen, die Werbung und das Marketing. Darüber hinaus sind die beiden einstigen Dressurreiter Großsponsoren der Kultur und des Sports.

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