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Maßschneider Purwin & Radczun : Drei Mann, ein Anzug

Diskretion bitte: Boris Radczun, Martin Purwin und James Whitfield schneidern leisen Luxus Bild: Fricke, Helmut

Die Marke Purwin & Radczun will die Deutschen wieder für die Maßschneiderei begeistern. Dafür touren die Anzüge nun auch durch die Republik. Kann das Konzept aufgehen?

          4 Min.

          Die drei stehen vor der Treppe und verschränken die Arme. Sie tragen dunkelblaue Anzüge und Einstecktücher. Wenn man sich das Bild als Schwarz-Weiß-Fotografie vorstellen würde, könnte man denken, sie seien aus einem Ufa-Film entsprungen, mit Willy Fritsch in der Hauptrolle, und irgendwann taucht Lilian Harvey auf. In gewisser Weise sind Martin Purwin, Boris Radczun und James Whitfield aus der Zeit gefallen. Sie haben etwas aufleben lassen, was in Deutschland vom Aussterben bedroht ist.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein Mann, ein Anzug - eine Liaison, die von Pragmatismus geprägt ist. Drei Anzüge hat ein Mann durchschnittlich im Schrank hängen, fast alle kauft er von der Stange. Die meisten Männer tragen sie, weil sie müssen, aus beruflichen Gründen, weil sie auf eine Hochzeit eingeladen sind, zur Beerdigung müssen. Die wenigsten Männer bauen eine emotionale Beziehung auf. Aber genau dazu muss man bereit sein, wenn man sich entscheidet, Kunde von Purwin & Radczun zu werden.

          Das Projekt begann vor gut drei Jahren, als Purwin und Radczun auf die Idee kamen, ein Atelier für Maßschneiderei zu gründen. Keiner von beiden ist selbst Schneider, aber beide sind Kenner der Materie. Der eine, weil er in der Branche als Textilkaufmann arbeitete, der andere als Kunde, der regelmäßig nach London und Neapel reiste, um sich seine Anzüge fertigen zu lassen. Purwin war als Textilkaufmann bei verschiedenen Modemarken wie Kiton und Armani im Vertrieb tätig. Radczun gilt als Berliner Szenegröße, seit er mit dem „Grill Royal“ eines der bekanntesten Restaurants der Republik etablierte, in dem schon George Clooney und andere Hollywood-Stars zu Gast waren. Beide kennen sich seit 25 Jahren, aus Düsseldorf, als Radczun das Catering für Modefirmen machte, in denen Purwin arbeitete. Sie verloren sich nicht aus den Augen - und über Jahre gärte die Idee in ihnen, die Anzüge, die sie von den italienischen und englischen Maßschneidern kannten, auch in Deutschland anzubieten.

          „Der Maßschneider lebt vom Stammkunden“

          Natürlich gibt es ihn noch, den Beruf des Maßschneiders, der auf das Fertigen von Anzügen spezialisiert ist. Aber die Tradition, wie sie an der Londoner Savile Row und in Neapel mit vielen namhaften Ateliers gepflegt wird, existiert in Deutschland nicht. Neben der Konfektion kennen viele die Maßkonfektion, in der einzelne Teile des Anzugs mit Hand gefertigt werden, der Rest industriell. Die Anzüge von Purwin & Radczun aber, die sich mit dem Namen an das Prinzip der Savile-Row-Schneider wie Anderson & Sheppard und Gieves & Hawkes anlehnen, sind zu 100 Prozent von Hand gearbeitet.

          Toskanische Wolle, von Hand genäht
          Toskanische Wolle, von Hand genäht : Bild: Purwin & Radczun

          An diesem Oktobervormittag präsentieren sich die Macher nicht in ihrem Berliner Atelier, das in einem sanierungsbedürftigen Haus am Tempelhofer Ufer untergebracht ist, sondern in der Frankfurter Galerie Philipp Pflug Contemporary, um auch Kunden aus Frankfurt auf sich aufmerksam zu machen. „Maßschneider machen die Hälfte des Umsatzes auf Reisen“, erklärt Purwin. Ziel sei es, Männer zu finden, die einen außergewöhnlichen Anzug suchen und auch das Geld dafür ausgeben wollen. Wer einmal einen Anzug habe fertigen lassen, komme meistens wieder. „Der Maßschneider lebt vom Stammkunden“, sagt Purwin. „Hier kann man sich Stoff aussuchen, die Form der Taschen, das Revers. Wir nehmen Maß. Gefertigt wird er dann in Berlin.“

          60 Stunden dauert die Fertigung eines Anzugs

          Whitfield ist der Dritte im Bunde von Purwin & Radczun. Meistens blickt er ernst, aber wenn er lacht, tönt sein tiefer Bass wie ein Donnergrollen durch den Raum. Man könnte ihn mit seinem Bart für einen Berliner Hipster halten, Variante: Dandy. Branche: Film oder Musik. Doch Whitfield verbringt die meiste Zeit im stillen Atelier. Er nimmt Maß, er schneidet zu, er heftet aneinander, er passt an. Er ist Zuschneider und Ateliermeister, wenn man so will: der Motor des Projekts. Bis vor drei Jahren hat er bei Anderson & Sheppard gearbeitet. Allein das steht für die Qualität seiner Anzüge, denn zu den bekanntesten Kunden des Schneiderateliers an der Savile Row zählt Prinz Charles, der zwar mit seinen Zweireihern nicht zu den modernsten Anzugträgern gehört, aber zu denen, die höchste Ansprüche stellen.

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