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Markenklamotten für die Kleinen : Leben im Luxuskinderland

Durchgestylt: Lea trägt Seidenbluse mit Spitzenkragen und eine Samthose von Dolce und Gabbana Bild: Biancotto/Madame Figaro/laif

Warum staffieren wir unsere Kinder aus wie kleine Prinzen und Prinzessinnen? Müssen sie im Kindergarten so aussehen, als hätten sie gleich einen Termin mit dem Hoffotografen? Und: wer kann sich das eigentlich leisten? Gedanken einer verunsicherten Mutter.

          5 Min.

          Heute Morgen habe ich meiner zwei Jahre alten Tochter eine lilafarbene Hose, Marke Jakoo, angezogen. Dazu ein verwaschenes T-Shirt, von einer Freundin geerbt, Marke unbekannt. Dass es sich um ein eher trostloses Outfit handelt, fiel mir erst auf, als ich im Park einer Mutter begegnete, deren Tochter zur cremefarbenen Hose ein weißes Blüschen trug, dazu einen kurzen Kaschmircardigan in Altrosa und gleichfarbige Riemchensandalen. Sah niedlich aus. Ich fühlte mich schlecht. Dann dachte ich mir wieder: Muss ein Kind im Kindergarten aussehen wie eine Kronprinzessin, die einen Termin mit dem Hoffotografen hat? Und: Wer kann sich das eigentlich leisten?

          Anke Schipp
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum Vergleich: Das Outfit meiner Tochter hat mich mit Hose (19,90 Euro), T-Shirt (umsonst) und Sandalen (10 Euro vom Kinderflohmarkt) zusammen 29,90 Euro gekostet. Das Prinzessinnen-Outfit des Mädchens im Park dürfte sich, konservativ geschätzt, so zusammengesetzt haben: 89 Euro für die Schuhe, 49 Euro für die Hose, 39 Euro für die Bluse und 110 Euro für das Kaschmirjäckchen. Das macht am Ende 187 Euro für eine Garderobe mit der Halbwertszeit von maximal sechs Monaten - denn spätestens nach dieser Zeit ist die kleine Prinzessin aus ihrem Luxus-Outfit herausgewachsen.

          Kleider machen Kinder. Vielmehr: Die Kleider, die wir kaufen, machen unsere Kinder. In den ersten Jahren ihres Lebens drücken wir den willenlosen Wesen unseren Stempel auf. Weil wir sie als Spiegel unserer selbst sehen, wollen wir zunehmend den perfekten Auftritt. Das Thema Kindergarderobe hat zuweilen jeglichen funktionalen Aspekt verloren. Und längst ist in den gentrifizierten Vierteln der Großstädte der Spielplatz zum Runway geworden, in dem gestylte Mütter ihre lebenden Accessoires an der Hand spazieren führen.

          Zwischen Vernunft und Versuchung

          Auch ich mag es, wenn die Kinder hübsch aussehen und keine Billigmarken tragen, die unter unwürdigen Umständen produziert worden sind. Wenn die Farben des Sommermützchens mit denen des T-Shirts korrespondieren oder meine Tochter einen blau-weiß geringelten Body von Petit Bateau trägt, der am Ausschnitt mit kleinen Röschen verziert ist. Aber ich sehe nicht ein, dafür mein halbes Gehalt zu opfern. Meistens jedenfalls. Denn bei Kleidern für die Kleinen schlingere ich ziemlich unkontrolliert zwischen Vernunft und Versuchung.

          Die Markenerziehung beginnt schon früh. Und ich habe früh versagt. Vor acht Jahren, als mein erstes Kind auf die Welt kam, dachte ich noch, das Aussehen eines Kinderwagens spiele keine Rolle, schließlich schläft das Baby ja fast die ganze Zeit. Und kann es überhaupt schon Farben erkennen? Ich entschied mich für ein stabiles Modell der Marke Teutonia. Dunkelblau, deutsch, solide. Dann erst merkte ich, dass fast alle anderen im Park einen Wagen der Marke Bugaboo fuhren - klein, wendig, stylish.

          Als fünf Jahre später meine zweite Tochter auf die Welt kam, war ich heimlich froh, dass die Mäuse im Keller den Kinderwagenstoff zerfressen hatten. Der Teutonia musste also entsorgt werden. Über Ebay kaufte ich einen gebrauchten Bugaboo und redete mir ein, dass es der einzig stadttaugliche Kinderwagen sei und das Aussehen wirklich, also jetzt echt keine Rolle bei der Kaufentscheidung gespielt habe. Um dann festzustellen, dass ich der Entwicklung doch wieder nur hinterherhinke: Hollywood fährt jetzt den „Orbit Baby G3“. Der sieht zwar aus wie ein Rollator mit montierter Babyschale, aber er soll noch leichter, noch wendiger, noch zusammenklappbarer, noch einzigartiger und natürlich noch tausendmal hipper sein. Pech für mich, ein drittes Kind ist jetzt nicht mehr drin.

          Kindertaschen für 240 Euro

          Aber bei Kleidern, Schuhen, Jacken, Accessoires bleibe ich gefährlich empfänglich und ertappe mich dabei, wie ich stundenlang Kinderkataloge blättere oder beim Surfen in Online-Shops mir einrede, dass das Seidenkleidchen mit den hübschen Volants für 79,90 Euro doch notwendig wäre, weil wir ja schließlich demnächst zu einer Hochzeit eingeladen sind und das Baumwollkleid, das ich letztens für 19,90 Euro gekauft habe, viel zu sportlich für den Anlass ist. Und schließlich: Andere halten 79,90 Euro für ein Schnäppchen.

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