https://www.faz.net/-hrx-97zz9

Duftlabel Atelier Oblique : Duftmalerisch

  • -Aktualisiert am

Gleich vier auf einmal: Mario Lombardo riecht den wachsenden Trend zu Nischendüften. Bild: Mario Lombardo

In seinem Leben nahmen Gerüche viel Raum ein. Mit seinem Duftlabel Atelier Oblique bringt der Berliner Grafikdesigner Mario Lombardo nun auch Parfums heraus.

          Komm näher, sodass ich dich erfühlen kann, könnte er diesem Duft zugeraunt haben, damals in Grasse, als er es zum ersten Mal erschnuppert hatte, das magische Oud, das seltene ätherische Öl. „Nähe kann man riechen“, meint Mario Lombardo, und dieses Erlebnis war der Beweis. Also füllt er es nun in Flakons ab, nur nicht ganz so sinnesbenebelnd, also mit etwas Zitrone und Grapefruit dazu, für einen frischen Kopf, Rose und Veilchen fürs Gefühl und schließlich etwas Leder.

          Herausgekommen ist Closer, einer von vier Düften, die Lombardo entworfen hat. In diesem Monat kommen sie offiziell heraus. Auch die anderen drei haben duftmalerische Titel wie White Light, Marble Sea und Saint und riechen - Achtung, Poesie! - wie wirbelnde Staubkörner in mediterraner Morgensonne (Bergamotte, Mandarine, Ylang Ylang), wie eine salzige Meeresbrise am kreidefelsigen Strand (Minze, Jasmin, Moschus) oder wie in Flammen lodernde Seelen (Zedernholz, Vanille, Tabak). Was für Assoziationen!

          Das olfaktorische Quartett ist Mario Lombardos Parfumpremiere. Eigentlich ist er Grafikdesigner. Zu seinen Kunden zählen Modemagazine, Marken wie Louis Vuitton oder auch das KaDeWe. Mit Düften passt das nur auf den ersten Blick nicht zusammen: „Auch als Grafikdesigner gebe ich allen Arbeiten ein Gefühl mit, das nicht visuell ist“, sagt Lombardo. „Das gelingt mir über das kollektive Gedächtnis. Zeigt man zum Beispiel das Bild eines Mercedes mit Einschusslöchern, denken hier alle an den Deutschen Herbst 1977. Da werden direkt Emotionen abgespielt, mit denen ich arbeite.“ Auch ein Duft kann Erinnerungen hervorrufen. „Zur kollektiven Wahrnehmung kommt ein persönliches Gefühl. Zum Beispiel liebe ich den Geruch von Teer und auch Benzin, das erinnert mich an den alten Käfer, den meine Eltern in den Achtzigern gefahren sind.“ Wobei er mit dieser olfaktorischen Erinnerung wohl ziemlich allein dasteht.

          Berliner Argentinier: Mario Lombardo

          In seinem Leben nehmen Gerüche viel Raum ein. Als Kind floh er mit seiner Familie vor dem argentinischen Militärregime nach Deutschland und wuchs in Aachen auf. „Nach meinem Abitur sind wir das erste Mal wieder nach Argentinien geflogen. Ich dachte, das würde ein Urlaub.“ Aber obwohl in Buenos Aires alles ganz anders aussieht, als er es sich anhand verstaubter Erinnerungen und verblichener Fotografien vorgestellt hatte, überkam ihn ein intensives Gefühl von Heimat. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Gerüche diese Verbundenheit hervorrufen.“

          Seitdem ist er ein Kartograph der Düfte. Berlin? Ein Hauch von Linde im Sommer. Buenos Aires? Smog und ein kulinarisches Potpourri Europas. Aachen? Zuckersüße Duftschwaden belgischer Patisserie. Irgendwann kam die Idee, aus den losen Schwaden etwas Greifbares zu machen. 2016 gründete er Atelier Oblique, ein Nischenlabel für Boutique-Düfte. „Oblique“ ist übrigens ein kleiner Gruß an Typo-Nerds: Das französische Wort für schräg gestellte Lettern fand er passend.

          In Grasse, der Wiege des Wohlgeruchs, fand er in den Parfumeuren des Traditionshauses Robertet die richtigen Partner. Zunächst begann er mit einer Kollektion aus 27 Duftkerzen: das Alphabet plus Sonderzeichen. Schrift lässt ihn eben nicht los. „Für jeden neuen Kunden entwerfe ich erstmal eine eigene Schrift. Das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen. Ich bin da wie ein Handwerker, der mit Versalien und Zeichen arbeitet.“ Auch die Kerzen sind, abgesehen vom französischen Aroma, vom Etikett bis zur Verpackung von ihm gestaltet und in Deutschland produziert.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Jeder Buchstabe aus seiner Kerzenkollektion erzählt eine Geschichte. Einige davon hat er engen Freunden und der Familie gewidmet. Das „M“ teilt er sich beispielsweise mit seiner Tochter. Sie mag Amber, er Tabak, auch Vanille ist darin, für das süße Gleichgewicht. Wenn man sich alle 27 Kerzen gleichzeitig unter die Nase hält, bekäme man vielleicht eine Idee davon, wie die Welt von Mario Lombardo riecht. Oder Kopfschmerzen. Wobei: Die Kerzen, sagt er, seien mit Kopf-, Herz- und Basisnote so komplex aufgebaut wie ein echtes Eau de Parfum.

          Diese Kerzen erleuchten seit zwei Jahren eine Zeit, in der es sich die Großstädter in ihren Wohnzimmern zunehmend hyggelig machen und sich dazu gerne mit dem passenden Raumaroma in Stimmung bringen. Vielleicht erinnert sich das kollektive Gedächtnis sogar noch an vergangene Zeiten, als man durch das Anzünden von trockenen Kräutern oder Harzen böse Geister ausräucherte.

          Auch bei der Lancierung der ersten vier Düfte kommt ihm jetzt der Zeitgeist entgegen, denn das Segment der Nischendüfte wächst. „Es hat viel mit Individualität zu tun“, sagt Lombardo. Er habe nie verstanden, warum man sich mit einem Duft einsprüht, auf dem der Name eines Prominenten steht. „Kunden suchen heute nach besonderen Produkten, die sich vom Mainstream abheben.“ Immerhin hat ein Parfum identitätsstiftende Wirkung, wie ein Kleidungsstück. Für ihn stand es deshalb auch gar nicht zur Debatte, keine Unisex-Düfte zu entwerfen. „Jeder soll tragen, was ihm gefällt. Aber natürlich haben wir die Wirkung der vier Parfums immer wieder getestet. Einige empfinden Marble Sea beispielsweise als feminin, aber ich trage den Duft sehr gern.“

          Bei Kerzen und Parfums soll es nicht bleiben. Zur Zeit interessiert ihn vor allem die Architektur: „Ich werkle an einer Leuchte, die Düfte visualisieren kann.“ Was das bedeutet, möchte er noch nicht verraten. Aber über Typographie könnte man noch stundenlang mit ihm reden.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Ein Zusammenprall der Kulturen?

          Vor 30 Jahren : Ein Zusammenprall der Kulturen?

          Vor 30 Jahren rief der iranische Revolutionsführer Ajatollah Chomeini zum Mord an dem Schriftsteller Salman Rushdie und seinen Unterstützern auf. Leben wir seither in einem neuen Zeitalter der Blasphemie?

          Topmeldungen

          Das Duo „S!sters“ gewinnt den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest.

          Vorentscheid zum ESC : Zusammengecastet für Tel Aviv

          Mit „S!sters“ gewinnt ein Duo den deutschen Vorentscheid für den ESC, das weder sich selbst noch seine Musik gut kennt. Ob die Sängerinnen mit ihrem eher gewöhnlichen Song beim Finale in Israel punkten werden, ist fraglich.

          Resolution gegen Notstand : Trump droht mit Veto

          Vor einer Woche hatte Präsident Trump den Notstand ausgerufen, um die von ihm versprochene Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen zu können. Die Demokraten wollen die Maßnahme nun im Kongress kippen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.