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Mailänder Modewoche : Neue Hoffnungen in XXL

Ein Vertriebsleiter erzählt derweil von ganzen Flügeln in neugebauten chinesischen Einkaufszentren, in denen ausschließlich Produkte mit dem Etikett „Made in Italy“ verkauft werden. Auch das Jackenlabel Herno näht nun einen passenden Hinweis mit Tricolore-Muster in seine Jacken, der, sofern die Teile offen getragen werden, für alle Welt sichtbar ist. Und selbst Marken, die längst nicht mehr ausschließlich in Italien produzieren, besinnen sich auf ihre Wurzeln. Eine beliebte Mailänder Immobilienlage für den Einzelhandel ist plötzlich die traditionelle Galleria Vittorio Emanuele direkt am Dom. Nach zwei Prada-Shops, die dort im vergangenen Jahr eröffneten, zieht es jetzt auch Giorgio Armanis Accessoire-Geschäft in die traditionsreiche Einkaufspassage.

Londoner Verhältnisse in Mailand

Für die jungen Designer, die vor wenigen Saisons von keinem Quadratzentimeter in Mailand träumen konnten, wäre das natürlich nichts. Aber die Zahl an Italienern, die sich gerade mit eigenen Labels erfolgreich etabliert, erinnert schon an Londoner Verhältnisse. MSGM etwa hat seit einem halben Jahr einen festen Standort im angesagten Brera-Viertel. Giambattista Valli eröffnet am Mittwoch seinen ersten Mailänder Laden in einem Hinterhaus an der Via Sant’Andrea. „Privatsphäre ist der neue Luxus“, sagt der Designer lachend, nachdem er die Damen der amerikanischen „Vogue“ durch die Räume geführt hat. Ein paar Häuser weiter hat sich die Porzellanmanufaktur Meissen eingerichtet – und verkauft dort die Entwürfe ihrer neuen Kreativ-Chefin, der Berliner Modemacherin Frida Weyer. Und der Designer Fausto Puglisi scheint es noch gar nicht fassen zu können, welcher Erfolg ihn in Mailand ereilt hat. Vor vollbesetztem Schauentheater am Corso Venezia verarbeitet er die Lebenschance passenderweise mit einem Druck der Freiheitsstatue – das sei seine Version des amerikanischen Traums.

Leider arbeitet niemand der Jungen minimalistisch – denn ein fähiger neuer Kopf im Haus Jil Sander wird dringend gesucht. Die aktuelle Kollektion wurde, nachdem die Gründerin im Oktober gegangen ist, vom Designteam entworfen. Das konzentriert sich auf kuschelweiche Jerseystoffe in Farben von Wollweiß über Hellgrau, Violet und Türkisgrün bis Himbeerpink. Die Anzüge, so formell wie bequem, die Kleider mit Faltenwürfen und Mäntel mit hohen Kragen wären gut für die Zweitlinie Jil Sander Navy. Für die Muttermarke sind sie zu flach.

„Colour blocking“: Grau gegen Tomatenrot

Wer ist eigentlich Chefdesigner bei Sportmax? Die kleine Schwester von Max Mara zeigt nämlich eine bis in die Ärmel der Oberteile luxuriöse Kollektion. Die sind aus Schlangenleder gefertigt, setzen sich also von den Flanellteilen ab und passen somit zum material blocking, das auf das colour blocking folgt, was ebenfalls mit Grau gegen Tomatenrot in die Kollektion fließt. Da weder Grau noch Tomatenrot echte Trendfarben sind, könnte man in den Stücken alt werden. Den Anspruch hat sich auch Veronica Etro mit ihrer Nomadenkollektion gesetzt. „Der Ausgangspunkt waren zeitlose Stücke, die man noch in zehn Jahren tragen möchte“, sagt sie nach der Schau. Was man dann hoffentlich nicht mehr sehen muss: Klimperkleider wie bei Pucci, billig wie Modeschmuck. Um dieses Haus neu zu ordnen, müsste man schon Chefdesigner Peter Dundas feuern.

Viele andere Modemacher beschäftigen sich mit Beständigkeit. Die maskulinen Elemente sind, neben dem allgegenwärtigen Pelz, auf den Laufstegen und in den Showrooms unübersehbar. Bei Brunello Cucinelli stehen die Models in hochgekrempelten knabenhaft engen Hosen zu Sneakers und weiten Blazern. Bei Emporio Armani stecken gleich an die 25 Beinpaare in XXL-Hosen. Die Schuhmarke Fratelli Rossetti setzt auf die für Herren typischen Monk-Schuhe – aber für Damen.

Die wollen natürlich nicht so aussehen wie Männer, nicht so leben wie Männer. Sie haben aber Gefallen gefunden am Uniformcharakter der Männermode, die für einen vollen Kleiderschrank steht – in dem man auch wirklich über Jahre etwas zum Anziehen findet. „Frauen verlieren sich selbst oft in der Mode“, sagt Dree Hemingway, Urenkelin von Ernest Hemingway und Model der neuen Kampagne von Agnona. Die Damenlinie des Herrenmodehauses Ermenegildo Zegna ist so voluminös geschnitten, dass man sich darin verkriechen könnte. Aber zwischen die übergroßen Mäntel, Kleider und Röcke aus Kaschmir hat Designer Stefano Pilati in seiner zweiten Kollektion für das Haus dann doch ein buntes Wellenmuster gesetzt. Das soll nicht für Rückzug, sondern für Bewegung, für Fortkommen stehen, für die Mailänder Mode von heute.

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