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Mailänder Modewoche : Kindchenschema als Markentherapie

Reich an Brokat: Prada Bild: Getty

So knapp, so süß: Die Mailänder Designer machen Mädchenmode. Das wird den Markt in Asien freuen – große Würfe und Entwürfe sieht man allerdings selten.

          Vor der Schau des Jungdesigners Fausto Puglisi am Corso Venezia. Zwischen den Horden von Street-Style-Fotografen steht ein Dutzend asiatische Kinder, zwischen zehn und zwölf Jahre alt, Smartphones, Notizblöcke und Stifte fest im Griff. Das gleiche Bild am Freitagabend im Durcheinander nach der Schau von Tod’s an der Via Palestro. Jetzt sind es doppelt so viele. Weshalb sind die hier? „Na, wegen der chinesischen Schauspielerin“, ruft ein Mädchen, bevor es zwischen Fotografen, Schauenbesucherinnen auf High Heels und Hunderten wartenden Limousinen auf die Hauptstraße springt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Modewochen sind nichts für Kinder, zu gefährlich, zu laut, zu langweilig. Modewochen sind, bei allem Blitzlicht und Küsschen-Küsschen, immer noch Fachveranstaltungen. Aber an den Entwürfen für das nächste Frühjahr, die sechs Tage lang auf der am Montag zu Ende gegangenen „Milano Moda Donna“ präsentiert wurden, hätten aus europäischer Sicht selbst Kinder Spaß. Oder sagen wir junge Erwachsene. Die Designer scheinen sich an Mädchen zwischen 15 und 25 zu wenden. Und das ausgerechnet hier, in der Stadt mit den etablierten Modehäusern, die, oft in Familienhand, noch den Prinzipien folgen, die schon die Vorfahren vorgaben. Oder die Kundschaft jenseits der Dreißig haben.

          Geht es noch lockerer?

          Man sieht es zum Beispiel bei Tod’s. Draußen warten die asiatischen Kinder auf ihren Star, drinnen ist die Signora im Vergleich zu den zwei vergangenen Saisons um gut zehn Jahre verjüngt. Designerin Alessandra Facchinetti arbeitet zwar weiterhin mit Leder, dieses Mal ist es hauchdünn, und sie bedruckt es mit Blütenmuster, bestickt es mit kreisrunden Spiegeln und arbeitet mit einem Palmendruck. „Easy, but rich“, sagt sie nach der Schau. Es stimmt, solche Tank-Kleider und gemusterte Jacken tragen auch elegante ältere Frauen. Wie jung die Mailänder Mode sein will, sieht man selbst bei Giorgio Armani, der seine typischen Blazer zu kurzen Shorts kombiniert. Dazu tragen die Models Schnürschuhe, wie Mädchen auf der Straße. Geht es noch lockerer?

          Jung wie nie: MSGM

          „Hi, ich bin Arthur“, ruft jemand am Mittwochabend im Palazzo Morando beim Cocktail von Kering und der italienischen „Vogue“. Es ist Jungdesigner Arthur Arbesser, der am Sonntag in einer heruntergekommenen Garage seine Primärfarben-Kollektion zeigt. Es ist die vierte des jungen Österreichers, der am Central Saint Martins College in London studierte und jetzt Mailand seine kreative Heimat nennt. Vor fünf Jahren hätte so ein Werdegang keinen Sinn gehabt. Erfolgreiche Jungdesigner waren an einer Hand abzuzählen, jetzt werden ganze Zeitungsseiten über sie vollgeschrieben. Fausto Puglisi und Stella Jean sind nur zwei leuchtende Beispiele, die gerade zu echten „power houses“ werden. Sie nehmen sich das ebenfalls noch junge Label MSGM als Vorbild, dessen Logo-Pullover zum Lehrstück der Markenbildung geworden sind. Am Sonntag hängen auch in Arbessers Garage Namen-Oberteile auf der Brust. Fausto Puglisi spielt mit dem eigenen Logo, einer Art Sonne, und auf den weiten T-Shirts von Stella Jean steht jetzt „Port-au-Prince“ – sie ist zur Hälfte Haitianerin.

          Der Erfolg dieser Jungdesigner könnte symptomatisch für ein Mailand sein, dass sich langsam von Traditionen löst. Das ist nicht nur in der Mode zu beobachten, sondern etwa auch in der Gastronomie. Neben den alteingesessenen panifici eröffnen in der ganzen Stadt hellere, neuere Bäckereien: Princi hat schon fünf Filialen.

          Bunt und kindlich für das Geschäft in Asien

          Wenigstens in der Mode scheinen da selbst Etablierte vom Spaß-Faktor der Jungen inspiriert zu sein. Missoni legt jedenfalls schon mal kunterbunte Lollies auf den Sitzplätzen der Gäste bereit. Wer sich damit noch nicht zurück in die späte Kindheit versetzt fühlt, versucht es am besten mit einem der bauchfreien Bustier-Tops, die in den neunziger Jahren alle 13 Jahre alten Mädchen auf Partys in den Kellern ihrer Eltern trugen. In Marnis zwanzigjähriger Jubiläumskollektion sind sie wie Bikinis am Rücken geknotet, bei Dolce & Gabbana sehen sie aus wie aus der Wäscheschublade, bei No. 21 fallen den Models beim Laufen die Brüste heraus.

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