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Mailänder Modewoche : Dem Luxus ging es schon besser

Das Supermodel der Neunziger, Naomi Campbell, mischt sich bei Versace unter ihre Nachfolgerinnen Bild: Reuters

Viele Modeschöpfer zelebrieren auf der Milano Moda Donna das Mehr-ist-mehr-Prinzip, Gucci zeigt das Maximum an Maximalismus. Doch Karl Lagerfeld verweigert sich der neuen Opulenz. Er ist nicht der einzige.

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          Wenn es ein Italiener versteht, in schwierigen Zeiten für Stimmung zu sorgen, dann ist es Matteo Renzi: Im Dezember muss er das Referendum über die Verfassungsreform gewinnen, um die italienische Wirtschaft ist es weiterhin schlecht bestellt, am Mittwoch, zu Beginn der Mailänder Modewoche, spricht er trotzdem vor ein paar Dutzend wichtigen Modeleuten beim Lunch. Es gibt Garnelen, dann Risotto, dann redet Renzi: „Die Mode ist ein Stück italienische Kreativität.“ Und: „Sie verdient die Aufmerksamkeit der Politiker.“ Und: „Das Made in Italy, das wir brauchen, steht für die Kultur des Handwerks.“ Renzi ist der passende Mann für die Mode dieser Tage.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Italien und die Mode, die zwei gehören unweigerlich zusammen. Die Mode, sie war lange Zeit die große Hoffnung für Italien. Dem Hunger nach Luxus in den neuen Märkten sei Dank. Im vergangenen, schon schwierigen Jahr 2015 rechnete die italienische Modekammer noch mit einem Wachstum von fünf Prozent. Insgesamt 64 Milliarden Euro sollte die Mode im vergangenen Jahr umsetzen. Für 2016 kann wohl höchstens ein Wachstum von 1,4Prozent erzielt werden.

          Dem Luxus ging es schon besser

          Irgendetwas ist überall: Die schwächelnde chinesische Wirtschaft zwingt einige italienische Marken dazu, ihre dort gerade erst eröffneten Läden schon wieder zu schließen. Der schwache Rubel macht ihre Produkte in Russland unerschwinglich. Selbst der Shopping-Tourismus in Europa hat infolge der Anschläge nachgelassen. Dem Luxus ging es jedenfalls mal besser.

          Man sieht es auch auf der gestern zu Ende gegangenen Modewoche. Nicht dass es dort traurig zugegangen wäre, ganz im Gegenteil. Renzi, der es versteht, in schwierigen Zeiten für Stimmung zu sorgen, ist nicht umsonst der richtige Mann für die Mode.

          Die Methode Renzi macht vielmehr in dieser Woche unter den Mailänder Designern Schule, bestenfalls in Kombination mit der Methode Michele. Es ist, als ob Alessandro Michele, Kreativdirektor von Gucci, der seit drei Saisons ein Feuerwerk des Mehr-ist-mehr für das Haus abflammt und es damit zurück an die kreative Spitze geholt hat, mit seiner Arbeit auch die Büchse der Pandora geöffnet hätte.

          Mehr ist mehr

          Plötzlich wollen alle so auffallen wie Gucci – also um jeden Preis. Dolce & Gabbana beginnt seine Schau am Sonntag mit einem Italo-Flashmob, irgendwie muss man ja möglichst viele Posts in den sozialen Medien generieren. Bei der Mode bleibt anschließend kaum ein Zentimeter unbestickt mit Kristallsteinen, Epauletten, Perlen, was auch immer sich gerade in der Deko-Kiste findet. Wenn die leer ist, tun es auch Prints.

          Die Frage ist: Soll es fürs nächste Frühjahr das Pasta-Kleid oder die Gelato-Pyjamahose sein? Oder die Aperol-Bluse? Aber Dolce & Gabbana setzt noch eins drauf, mit Leucht-Kronen. Jahrmarktstimmung auf dem Laufsteg. Die Influencer lieben die Mordsgaudi natürlich, während jene Modeleute, die schon ein paar Jahre länger dabei sind, dem Spektakel mit nicht ganz so begeistertem Blick folgen.

          Das aktuelle Mehr-ist-mehr, es teilt auch in zwei Lager, und oft genug verläuft die Grenze zwischen den Repräsentanten von etablierten Institutionen und den selbständigen Kolibris von heute. Auch Giorgio Armani wittert die junge Klientel, versucht mit Fransen und Kristallen mitzuhalten und scheitert. Jil Sander schafft es bedingt mit einer betont markanten Schulter, Vetements lässt grüßen. Selbst Brunello Cucinelli experimentiert jetzt mit Farbe, mit Erdbeerrot.

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