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Ein „Women’s March“ der Mode

Von JENNIFER WIEBKING

1. März 2017 · Ausgerechnet in Italien, wo oft noch die Chauvinisten an der Spitze das Frauenbild bestimmen, feiert die Modebranche ein Fest des Frauseins, das zeigt, was modernen Feminismus ausmacht.

Das Zick-Zack-Muster ihrer Strickjacke passt zum Muster des Pussy-Hats. Rosita Missoni, die einst mit ihrem Mann Ottavio das Strickhaus gründete und immer noch arbeitet, ist eine Feministin von heute. Eben noch saß die Fünfundachtzigjährige zwischen ihren Enkelinnen Teresa und Margherita in der ersten Reihe. Jetzt stellt sie sich auf den Laufsteg, neben ihre Tochter Angela Missoni, die Designerin, die ein paar Worte zu sagen hat: „In fünf Minuten sind wir alle schon wieder an unterschiedlichen Orten, also kommt jetzt hier auf dem Laufsteg zusammen, um zu zeigen, dass die Mode stark und vereint ist.“

Es ist ein „Women’s March“ der Mode: Hunderte Pussy-Hats mit Zick-Zack-Muster hatte man vorher stricken lassen. Angela Missoni herzt die Gäste, Rosita Missoni schaut ihr zu. Sie trägt zum Pussy-Hat eine Strickjacke im Zick-Zack-Muster ihrer Marke, riesige Marienkäfer-Ohrringe, an der linken Hand einen großen Ring mit gelber Blume, rechts einen mit roter Blume, um den Hals eine Kette mit dicken bunten Anhängern.

Mit dem Look ist sie so etwas wie die Ikone der am Montag zu Ende gegangenen Fashion Week, die man in Milan Feminism Week umtaufen könnte. Ihr Auftritt erzählt vom Fest des Frauseins, das den Feminismus heute ausmacht. Ausgerechnet hier, in Italien, ist er präsent. Wo oft noch die Chauvinisten an der Spitze das Frauenbild bestimmen und wo Silvio Berlusconis Vorstellung von Bunga-Bunga-Mädchen noch allzu präsent ist.

© AFP Mit Pussy-Hat: Missoni

Nun hält man mit eigenen Botschaften dagegen. Veronica Etro redet nach der Schau von „furchtlosen Frauen“ und meint damit jene, die ihre „Kollision von Farben und Mustern“ tragen, den Mix der Referenzen aus asiatischen, indianischen, Animal-Print- und Grunge-Karo-Mustern. Donatella Versace lässt das Wort „equality“ in Endlosschleife aus den Lautsprechern dröhnen und „loyalty“, „courage“, „unity“, „power“ und „love“ auf Fan-Schals und schillernde Kleider drucken. Tod’s zeigt neben Accessoires und Kleidern eine überzeugende Jacken-Serie mit der Betonung auf „survival“ und neuem starken T-Logo auf der Schulter. Karl Lagerfeld setzt bei Fendi die Signora nach oben auf die Prioriäten-Liste (höher als die Millennials), mit Pelzen in Tiefbraun und Anzügen mit Prince-of-Wales-Karo. Und Pomellato stellt die Bilder zehn spannender Frauen unter dem Motto „#fearless“ aus. Eine von ihnen, die Künstlerin Anh Duong, steht in der Menge. Alle zehn Jahre kämen sie und Fotograf Peter Lindbergh zusammen, erzählt sie, jetzt sei es wieder so weit. „Seine Porträts von mir stehen alle in meiner New Yorker Wohnung.“

Die Botschaften sind nötig in einer Zeit, die vor allem ein Fall für Miuccia Prada ist. In den Siebzigern war sie selbst eine Verfechterin der Frauenrechte, seit den Achtzigern stattet sie Frauen mit Intelligenz und Stilbewusstsein aus. „Eigentlich will ich nicht politisch sein in meinem Job“, sagt sie nach der Schau. „Aber nach allem, was passiert ist, mussten wir uns einfach darum kümmern.“ Auch sie vermeidet es, Donald Trump beim Namen zu nennen, aber ihre Debatte auf dem Laufsteg zum Thema Verführung hat auch so genug Stoff: Cocktailkleider mit Ausschnitten, die so tief wie sexy sind, sowie das Gegenteil von verführerischen Kleidern: Mohair-Twinsets, Yeti-Stiefel, dicke Helme aus Fell, braune Cord-Anzüge. So einen trägt sie selbst backstage zu dicken Schuhen mit offenen Schnallen. „Wir nutzen noch immer dieselben Instrumente zur Verführung wie vor 50 Jahren.“ Die alte Frage: Geht das, Sex-Appeal und Würde zugleich?

© AFP Die Missoni-Schau ist ein Fest des Frauseins. Ausgerechnet hier, in Italien, wo oft noch die Chauvinisten an der Spitze das Frauenbild bestimmen.

Da ist man sich selbst im Jahr 2017 nicht so sicher, zum Beispiel bei einem Blick auf den Leoparden-Laufsteg von Dolce & Gabbana. Dort laufen ohne Zweifel lauter Frauen, die es beruflich geschafft haben: Die britische Schuh-Königin Charlotte Dellal trägt die Sicily-Bag des Hauses zum engen schwarzen Kleid und eine Blume im Haar, die deutsche Instagram-Prinzessin Caro Daur trägt Korsage mit floralem Muster und Krone. Man könnte die Aufzählung um gut 130großartige Frauen ergänzen. Irritierend aber: wie ihnen dabei Austin Mahone, mehr Showmaster als Sänger, einheizt. Passt das in die Zeit? Ein Mann im Mittelpunkt und Frauen, die Mode vorzeigen? Oder ist es erfrischend, weil die Frauen – dicke, dünne, kleine, große – tanzen und nicht so streng wie Models paradieren?

Was man von dieser Welt zu halten hat, ist eben auch über das Teatro Dolce & Gabbana hinaus nicht so klar. Da hilft es auch nicht, dass die Mode, die sich feministisch gibt, so unberechenbar ist, dass ihre Mitarbeiter so gut wie keine Pause haben. Consuelo Castiglioni, 22Jahre lang der kreative Kopf von Marni, hat sich im Oktober mit ihrer Familie aus dem Unternehmen zurückgezogen. Ihr Nachfolger, Francesco Risso, zeigt mit seinem Debüt, dass er noch nicht auf dem Niveau dieser großartigen Frau angekommen ist. Dazu sind die Kostüme aus faltigen Stoffen und die Fussel-Hosen zu lieblos, und die Sohlen der Sandalen blitzen wie schmale Zungen unter den Zehen hervor. Castiglionis Mode war seltsam schön, Rissos Mode ist schlicht seltsam.

Eine Modefrau erzählt davon, wie sie ihrem Arzt von ihrer anstehenden Reiseplanung einmal um die ganze Welt und zwischendurch mehrmals zurück nach Mailand berichtete. Seine Antwort: „Sie sind verrückt.“ Und der Doktor von Giuseppe Santoni riet dem Schuh-Unternehmer, seine erkrankte Schulter mal eine Woche lang ruhen zu lassen. „Ja, vielleicht in meinem nächsten Leben“, meinte Santoni. Statt sich auszukurieren, fertigt er außer Schuhen nun zusammen mit Designer Marco Zanini auch Jacken. Die Kunden warten schließlich nicht.

Das weiß niemand besser als Alessandro Michele, der für Dauerbespaßung sorgt, indem er jede mögliche Referenz, von Renaissance-Kleidern bis zur geschlechtslosen Mode der Zukunft in seinen Kollektionen bedenkt. Als der letzte seiner 119 Looks nach der Schau sicher in Schonbeuteln verpackt ist, ruft er seinen Mitarbeitern „Ciao“ zu – und sieht erleichtert aus. Auch für 2017 dürfte Umsatzwachstum anstehen. Im vergangenen Jahr war es ein Plus von 12,3 Prozent – laut Modekammer verzeichnete die italienische Mode, zum Vergleich, in den ersten neun Monaten von 2016 gerade mal 1,9 Prozent Umsatzwachstum.

© AP Prada: Geht das, Sex-Appeal und Würde zugleich?

Wer klug ist, besinnt sich angesichts der Luxusflaute, der Terrorangst in Europa, der politischen Lage in den Vereinigten Staaten und der schwächelnden asiatischen Wirtschaft aufs Wesentliche. Mehr Schneiderkunst als kreative Einfälle bei Jil Sander, Kaschmir zum Dahinschmelzen bei Agnona und perfekt sitzende Hosenanzüge bei No. 21 und Max Mara, übrigens einer der großen Trends.

Der Hosenanzug ist so etwas wie der Power-Suit des neuen Feminismus. Da sich hier Italiener darum kümmern, sitzt er so, dass seine Besitzerin zugleich noch weiblich aussieht beim Fest des Frauseins. Die Bottega-Veneta-Frau ist schon da, in einfach guter Mode, in Kostümen mit Schultern, die markant sind, aber nicht streng, schon gar nicht gepolstert. Hier müssen die Kundinnen keine Sorge haben, dass ihr Kreativ-Direktor einem schnellen Trend hinterherjagt, dafür nimmt er sie zu ernst. Ach ja, Männer gehören seit vergangener Saison übrigens wie selbstverständlich in Tomas Maiers Modenschau der Damen.

Für den Aufschwung der Milano Moda Donna in den vergangenen drei Jahrzehnten war eine Frau entscheidend: Franca Sozzani. Sie fehlt jetzt. Am 22. Dezember ist die ehemalige Chefredakteurin der italienischen „Vogue“ verstorben. Noch als sie schwer krank war, förderte sie ihre Jungdesigner. Daher gedenkt Stella Jean der Förderin mit ihrer Kollektion. Auf dem Laufsteg erzählt sie von den Spannungen des Kalten Krieges, verschneite russische Dörfer tauchen auf Kleidern auf, Berlin-Brillen mit Metallrahmen, grüne Army-Cardigans aus Strick. Die Musik dazu, von Streichorchester mit Sänger: Leonard Cohens „Hallelujah“. Zum Finale kommt Stella Jean in weißem T-Shirt mit rotem Slogan heraus. Jetzt, da überall T-Shirts mit feministischen Sprüchen hängen, „We should all be feminist“, „Pussy grabs back“ und wie sie alle heißen, ist dieser einer der besten: „FRANCAmente Grazie“.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.03.2017 10:55 Uhr