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Men at Work

Fotos CHRISTIAN WERNER · Styling MARKUS EBNER

24.03.2019 · Sie sind schon lange da. Aber sie sind noch immer in ihren besten Jahren. Manche Männer altern nicht. Sie machen einfach weiter.


Arbeitskittel Steidl, weißer Überkittel von Louis Vuitton, Weißer Kittel von Hugo Boss, Arbeitsjacke mit Brusttasche von Sandro

Gerhard Steidl

V on Günter Grass stammt der Satz: „Ich zeichne immer, auch wenn ich gerade nicht zeichne.“ Man muss nur ein Wort ändern, und der Satz passt zu dem Verleger, dem Grass 1993 die Weltrechte an seinem Werk anvertraute. Gerhard Steidl, Jahrgang 1950, Verlagsgründer mit 18 Jahren, Siebdruckmeister seit 1974, Weggefährte von Klaus Staeck, druckte erst für Joseph Beuys und später für Karl Lagerfeld (und zwar bis in dessen letzte Tage), ist Handwerker, Perfektionist, Ästhet und ein kitteltragendes Arbeitstier, das in seinen labyrinthischen Verlagsräumen in der Göttinger Altstadt mit weltberühmten Künstlern zusammenarbeitet, die er vermutlich alle auf dieselbe Weise gewinnt. Er drückt ihnen ein Buch aus seinem Verlag in die Hand und lässt die reine Materialität sprechen. Das Papier, die Formate, die Gestaltung und - für Steidl besonders wichtig - die Qualität des Drucks haben Robert Frank, Jeff Wall oder Ed Ruscha überzeugt. Von dem zeichnenden Günter Grass habe ich mir in Lübeck beschreiben lassen, wie er mit Steidl zusammen seine eigenen Bücher gestaltet, und 15 Jahre später in Istanbul dem fotografierenden Orhan Pamuk erzählt, was Grass damals gesagt hat. Zumindest in einem Punkt scheinen sich alle Literaturnobelpreisträger zu gleichen: Sie mögen es, wenn ein Verleger bedingungslosen Einsatz für ihre Werke zeigt. Auch Juergen Teller sagt, er schätze an Steidl den „Enthusiasmus bei der Arbeit, die Leidenschaft fürs Bücher-machen, die Schnelligkeit, mit der er Entscheidungen trifft“. In der Regel führen sie dazu, dass kein Buch des Verlags einem anderen gleicht. Gerhard Steidl druckt immer. Auch wenn er gerade nicht druckt. Hubert Spiegel


Blousonjacke von Jil Sander Foto: Christian Werner

Dirk Schönberger

W ie lange ist das schon her! Es war im Februar 2000 in Uscha Pohls zugiger Wohnung in Tribeca, die mal eine Fabriketage war und jetzt ein Showroom sein sollte. Dirk Schönberger war ruhig, nett, schlaksig, und er hatte eine Mission. Er baute eine Modemarke in Antwerpen auf und wollte sie gleich auch mal in Amerika bekanntmachen, daher dieser Auftritt mit Kleiderstange anlässlich der New Yorker Modewoche. Oder ist diese Erinnerung vielleicht nur eine Einbildung? Denn so ruhig, harmlos, schlaksig ist er gar nicht. Dieser Mann hat in zwei Jahrzehnten wirklich alles durchmessen. Erst selbständig, dann Joop! nach dem Ausstieg von Joop weitergeführt, zuletzt acht Jahre für Adidas, wo er die Stan-Smith-Schuhe aus dem Archiv holte, zu einem Hit machte und den Hype um die weißen Sneaker erfand – den vielleicht prägendsten Trend der vergangenen Jahre überhaupt, und zwar in aller Welt. Kann da noch mehr kommen? Ja, meint er. Jetzt ist er „Global Creative Officer“ der Marke MCM. Von Berlin aus muss er nun nicht mehr dauernd nach Herzogenaurach fahren, sondern nur noch alle paar Monate nach Südkorea, wo die einst in München gegründete Marke jetzt ihren Sitz hat.

Hoodie mit Druck von MCM

„In Asien ist MCM eine Luxusmarke wie Louis Vuitton, mit total junger Kundschaft“, sagt er. Man erkennt es am rasanten Umsatzwachstum der vergangenen Jahre. Für den Zweiundfünfzigjährigen ist dieser neue Job kein ganz geringes Risiko. Denn die Bling-Bling-Marke kommt bei seinen alten Avantgarde-Freunden aus Antwerpen bestimmt nicht so gut an. Subtiler will er MCM rüberbringen, aber den jugendlichen Spirit erhalten. Wenn er es nicht schafft, dann niemand. Alfons Kaiser


Hemdjacke von Polo Ralph Lauren Foto: Markus Ebner

Christian Kämmerling

C hristian Kämmerling und ich waren fünf Jahre verheiratet. Wie bei allen Männerehen ging es um Kunst, Mode, Essen, Rauchen und Reden. Kämmerling war ein Genie der Disruption, bevor es das Wort gab. Er zog alle Nase lang um und richtete jede Wohnung radikal anders und detailsicher ganz anders ein (Psychotherapeuten wissen jetzt Bescheid). Das Leben ist ein Spiel, das er mit Ernst betreibt. Seine Zeit als Chef-Impresario des „SZ-Magazins“, und ich an seiner Seite, war die ästhetische Ausarbeitung jener existentiellen Unruhe, die er mit einer Kaskade von Ideen, Neigungen, Vorlieben (André Rieu, Hillu Schröder ...), lustvollen Verwirrungen auslebte. Der Ur-Hipster verweigert sich jeder Form von Anpassung, Selbstrührung und Opportunismus.

Beigefarbener Parka von Boris Bidjan Saberi Foto: Markus Ebner

Kämmerlings Style ist einzigartig: Er ist ein gebildeter Intellektueller, der nur mehr seinen Gefühlen vertraut. Auch in seinem genialischen Romandebüt „Sirius“ wählt er die absurdeste Perspektive, um über die Abgründe des 20. Jahrhunderts zu schreiben: des Foxterriers von Carl Liliencron. Virtuoser als beim Dichten ist der Vegetarier nur beim Käsebrotzubereiten und beim Backgammon. Kämmerling lacht gerne Tränen – und das kann er nur, weil er weiß, wie absurd jede menschliche Existenz ist. Er ist Emil Cioran in Turnschuhen und mit Wollmütze.
Ulf Poschardt. Der Autor ist Chefredakteur der „Welt“-Gruppe und war gemeinsam mit Christian Kämmerling von 1996 bis 2000 Chefredakteur des „SZ-Magazins“.


Maßgeschneiderter Anzug von L.G. Wilkinson, Jacke von Kenzo Foto: Christian Werner

Bruno Brunnet

W enn Bruno Brunnet in die Paris Bar geht, begrüßt man ihn mit „Majestät“, nimmt ihm den Covert Coat und den Borsalino ab und führt ihn an den Tisch in der Ecke am Fenster. Denn als die Paris Bar vor 50 Jahren noch das Exil war und am Kreuzberger Landwehrkanal lag, als Michel Würthle und Oswald Wiener nach ihrer aktionistischen Uni-Ferkelei aus Österreich geflohen waren und mit dem „Exil“ ein Stück Wiener Lokalkultur begründet hatten, da war Bruno Brunnet einer der ersten, der den Gästen die Teller hinstellte. Wenn Bruno Brunnet mit heiserem Timbre zu erzählen anfängt, steigt das alte West-Berlin auf, Joseph Beuys und David Bowie, Martin Kippenberger, Punk im SO36. Als er bei Michael Werner das Galerie-Archiv verwaltete, baute er einmal vorne die Skulpturen auf, und zwar so gut, dass er das fortan immer tat. 1992 eröffnete er seine Galerie in der Wilmersdorfer Straße und verliebte sich in seine einen Kopf größere Assistentin Nicole Hackert, mit der er bis heute die Geschäfte führt, zwei Kinder teilt und einen Geschmack: Daniel Richter, Juergen Teller, Christian Jankowski, Raymond Pettibon, gerne Malerei mit Witz und Glanz.

Baumwolljacke von Paul Smith

Wenn Bruno Brunnet von den Tourneen mit Jonathan Meese Ende der neunziger Jahre erzählt, kommt er ins Schwärmen, den billigen Mietlaster von Robben & Wientjes vollgeladen und auf die Autobahn zur nächsten Performance im hintersten Kunstverein. Meese hat ihn verlassen, die deutschen Sammler sterben aus, die Bilder amerikanischer Malerinnen verkauft er vor allem nach Amerika, die Galerie ist aus dem David Chipperfield-Bau an der Museumsinsel in den Westen zurückgezogen. Moderate Ladenräume am Savigny-Platz, eine Ecke von der Paris Bar entfernt. Wenn Bruno Brunnet tanzt, dann drehen sich Kopf und Handgelenke gegenläufig, es gleiten die John-Lobb-Stiefeletten schwerelos über den Boden, die Jukebox spielt „Suspicious Minds“. Kolja Reichert


Mantel von Dries Van Noten

Michel Würthle

D ie junge Sophia Loren hatte soeben den Schönheitswettbewerb in Neapel gewonnen, sie war Miss Napoli, Marcello Mastroianni warb um sie – aber dann kam ein junger Mann aus dem Salzkammergut, Michele, und nahm sie sich zur Frau. So erzähle ich die Geschichte. Ist sie wahr? Die Frage stellt sich nicht bei lebenden Legenden. Der junge Mann aus dem Salz-kammergut, so viel steht fest, lebte Mitte der sechziger Jahre in Neapel und sah bedeutend besser aus als Marcello Mastroianni. Er genoss „la dolce vita“ in vollen Zügen, zog weiter nach Paris und wurde ein aufsehenerregender Künstler mit einer eigenen, unverwechselbaren Bildsprache. Bald war er befreundet mit den herausragenden Künstlern seiner Zeit. 1979 gründete er die Paris Bar in Berlin. Das Lokal ist ein Kunstwerk, nicht nur weil die Arbeiten befreundeter Künstler an den Wänden hängen, nicht nur weil Künstler, Schauspieler, Stars sich die Ehre geben – die Paris Bar ist ein Kunstwerk, weil sie das Werk eines Künstlers ist, das Werk von Michel Würthle. Er signiert es, indem er dem Lokal allabendlich die Ehre seiner Anwesenheit gibt. Da sitzt er, meist auf der Terrasse, weil er leidenschaftlicher Raucher ist, und hält Hof.

Mantel von Paul Smith

75 Jahre alt ist er kürzlich geworden. Er sieht blendend aus. Er verströmt noch immer die vehemente Abenteuerlust, die er schon hatte, als er und Martin Kippenberger zusammen 1992 das „Museum of Modern Art“ auf der griechischen Insel Syros gründeten. Er spricht fließend Französisch, Italienisch, Griechisch, Englisch, auch ein wenig Deutsch, gebrochen (mit starkem österreichischem Akzent). Er hat noch immer die makellose Eleganz, die Sophia Loren so an ihm bewunderte. Christian Kämmerling

Fotograf: Christian Werner (Christian Kämmerling: Markus Ebner)
Styling: Markus Ebner
Modekoordination: Evelyn Tye
Stylingassistenz: Pauline Barnhusen, Sophia Schünemann
Fotoassistenz: Julia von der Heide, Lennard Rühle
Fotografiert im Februar in Berlin, Göttingen und Los Angeles

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 24.03.2019 14:09 Uhr