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Männermode in Italien : Mailand verliert an Glanz

  • -Aktualisiert am

Eine Industrieruine als Zukunftsort: Zegna lässt im alten Stahlwerk des Falck-Konzerns bei Mailand die Anzüge für 2020 metallisch schimmern. Bild: Helmut Fricke

Bis in die achtziger Jahre hinein war Florenz die italienische Hauptstadt der Herrenmode, dann übernahm Mailand. Jetzt verschieben sich die Gewichte wieder. Woran liegt das?

          Was sollte David davon halten? Diese Frage bleibt ohne Antwort bei den Modenschauen in Florenz. Gleich zwei Mal schaut er unbewegt auf die neuen Kollektionen. Am zweiten Abend des Pitti Uomo, der größten Herrenmodemesse der Welt, bespielt Ferragamo die zentrale Piazza della Signoria. Und am vorletzten Abend des Pitti zieht Stylistin Carine Roitfeld am Piazzale Michelangelo auf der anderen Seite des Arno die große Schau ab. Die Bronzekopie des Michelangelo-Manns, die dort auf die Stadt hinabschaut, schien dann aber kaum an sich halten zu können.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Drunten im Zentrum präsentierte Ferragamo-Chefdesigner Paul Andrew vor dem Palazzo Vecchio eine solide Kollektion mit Outdoor-Elementen, über die sich sogar die Touristen freuen konnten, wenn sie groß genug waren, über die Menschenmassen zu schauen. Aber was musste der arme Mann aus Bronze da oben auf dem Berg sehen? Die ehemalige Chefin der französischen „Vogue“ zeigte typische Entwürfe Dutzender Marken, die über den italienischen Online-Händler Luisaviaroma verkauft werden. „Un casino“, rief eine italienische Besucherin hinterher aus: ein einziges Chaos. Was die Endlos-Parade noch schlimmer machte: Über Roitfelds Geschmack lässt sich nicht streiten, denn sie hat keinen. So viele Overknee-Stiefel zum Beispiel sieht man sonst nur im Bahnhofsviertel. Der stumme David auf seinem Sockel jedenfalls beschloss, bis ans Ende seiner Tage nackt zu bleiben.

          Aber wie spannend, dass ein Text über die Messe in Florenz und die zu einem Wochenende geschrumpfte Milano Moda Uomo nicht mit Mailand beginnt! Die Gewichte verschieben sich nämlich. Bis in die achtziger Jahre hinein war Florenz die italienische Hauptstadt der Herrenmode – hier fanden zum Beispiel die ersten Schauen von Gianni Versace statt. Dann übernahm Mailand dank aufstrebender Designermarken von Armani bis Zegna. Nun sind Männer-Schauen von Givenchy, Ferragamo oder Marco de Vincenzo in Florenz zu sehen. Und Mailand verliert an Glanz: Gucci baut die Männer im Zeichen von „gender fluidity“ in die Damen-Schauen ein, und Prada geht zur Abwechslung sogar nach Schanghai.

          Unter den Augen von David: Die Ferragamo-Männer kommen in Florenz aus dem Palazzo Vecchio auf die Piazza della Signoria.

          Raffaello Napoleone, seit drei Jahrzehnten Pitti-Geschäftsführer, will von einer neuen Dominanz aber nichts wissen. „Wir haben uns das gut aufgeteilt, und jeder hat seine Berechtigung“, sagt der Mann, der Florenz wieder auf die Mode-Landkarte gesetzt hat. „Bei uns ist die Messe, in Mailand sind die Shows und die Showrooms.“ Und Armando Branchini vom Luxusbranchen-Verband Altagamma ergänzt, Italien sei ein föderaler Staat wie Deutschland, nicht zentralistisch wie Frankreich. Rom, Florenz, Mailand könnten gut nebeneinander existieren. Gegen Mailand spricht aber auch, dass die vergnügungssüchtige Modeszene inzwischen monotone Schauen fürchtet – und sich lieber von Gucci nach Rom, von Dior nach Marrakesch oder von Louis Vuitton nach New York einladen lässt, Klimawandel hin oder her. Und in Florenz ist es so schön, dass viele Marken sich unter freiem Himmel selbst verwirklichen und vermarkten können.

          Als Napoleone und Branchini über die veränderte Modeszene reden, stehen sie in einer Art Mondlandschaft, in einer riesigen rostigen Hallenkonstruktion, die nur noch ein Skelett ist. Hier in Sesto San Giovanni am Rand von Mailand war einmal ein großes Stahlwerk des Falck-Konzerns. Aber ist der Niedergang der Stahlindustrie in Italien ein passender Hintergrund für eine Modenschau? „Darum geht es hier nicht“, sagt Ermenegildo Zegna, der Chef der gleichnamigen Marke. „Wir haben uns diesen Ort ausgesucht, weil hier die Città della Salute entstehen wird. Hier geht es also um den Wandel. Unser Motto: Use The Existing. Recycling und Upcycling machen wir ganz stark, indem wir zum Beispiel Plastikmüll für Sportjacken nutzen.“ Schon zehn der 48 Looks auf dem Laufsteg sind aus wiederverwertetem Material. Nächstes Jahr feiert Zegna sein hundertzehnjähriges Bestehen, das sieht er als Verpflichtung. „Haltbarkeit ist auch eine Form von Nachhaltigkeit“, sagt Zegna. Das beste Beispiel dafür hat er im Schrank: einen Übermantel seines gleichnamigen Großvaters, des Firmengründers, von 1950. „Der ist 700 Gramm schwer!“ Er trägt ihn noch heute.

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