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Modewoche in Mailand : Männermode gibt sich sportlich – und verliert an Glanz

Dunkler Keller: Bei Marni fährt die Mode in die Tiefgarage ein. Bild: Helmut Fricke

In den Entwürfen für 2019 greift sportliche Lässigkeit um sich. Selbst bei Dolce & Gabbana herrscht bestürzende Beliebigkeit. Ist die Ästhetik der Entspannung wirklich das letzte Wort in der Mailänder Männermode?

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          In der Tiefgarage ist es heiß und stickig, eng und düster. Na und? Für Francesco Risso, den Designer der Marke Marni, war das vielleicht entscheidend. Denn wie macht man eine Marke, die bisher als abgehoben avantgardistisch galt, begehrenswert cool? Ein guter Anfang: eine abgerissene Location und ein sportlich-clownesker Look.

          Stephan Finsterbusch

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Aber ist die Ästhetik der Entspannung wirklich das letzte Wort in einer Modewoche, in der es um das männliche Geschlecht geht? Oder schadet sich die Szene selbst mit einer Häresie der Formlosigkeit, die dem Mann womöglich mehr nimmt als Hemd und Kragen, die letzten Insignien seiner schwindenden Macht?

          Solche Fragen muss man sich stellen nach der Milano Moda Uoma, der geschrumpften Männermodewoche in Mailand, die in nicht einmal vier Tagen die vielen Trends ins Bild setzen wollte. Denn wie groß die Überraschung, als bei der Präsentation der italienischen Marke Canali richtige Männermodels, jung und gutaussehend, richtige Anzüge zur Schau stellen, frisch und gut geschnitten. Wow! Anzüge! Gibt’s ja auch noch!

          Ansonsten greift in den Entwürfen für Frühjahr und Sommer 2019 sportliche Lässigkeit um sich, die von sehenswerter Luxus-Sportswear bis zu betrüblicher Vorstadt-Buntigkeit reicht. Selbst bei Dolce & Gabbana, die bisher bei aller Publikumsorientierung ihren Stil zu halten wussten, herrscht plötzlich bestürzende Beliebigkeit. Auf dem Laufsteg: junge Muskelmänner, alte Damen, stillose Influencer, Monica Bellucci, Street-Casting-Jungs, Boris’ Sohn Elias Becker, normale Männermodels, Naomi Campbell. Stilistisch: ein Kessel Buntes, farbenfrohe Hemden, weite Shorts, Gerry-Weber-Blusen und viel zu selten die herrlichen Brokatanzüge.

          Wer alles sagen will, sagt nichts mehr

          Es ist klar, dass eine Marke, die mehr als eine Milliarde Euro im Jahr umsetzt, viele Kunden erreichen muss. Und Vielfalt, vor allem, wenn sie sich ins politisch korrekte und wild gemusterte Mäntelchen der diversity steckt, ist dabei bestimmt hilfreich. Aber wenn’s nur noch wahllos und willkürlich aussieht? Arthur Arbesser, der in Mailand seine eigene Marke betreibt und als Designer für Fay arbeitet, sagt zur herrschenden Athleisure-Mode: „Vieles könnte alles sein.“ Die Aussage großer Marken strebt ins Bedeutungsoffene – und kann sich damit gefährlich von ihrem Kern entfernen, der im Kauderwelsch der Branche gern metaphorisch flach als DNA bezeichnet wird.

          Wer alles sagen will, sagt nichts mehr. Die große Kunst wäre es zu schweigen, obwohl man nichts zu sagen hat.

          Miuccia Prada und Donatella Versace drücken sich klarer aus. Donatella lässt es krachen, mit Mikro-Minis, Allover-Mustern, Neon-Anzügen. Klingt klischeehaft – entspricht aber dem Stil des Hauses und ist nichts gegen die lebenden Karikaturen in der ersten Reihe namens Kadu Dantas oder Matthew Zorpas – die Versace so ernst nehmen, wie es nicht einmal Donatella tut. Merke: Ein Influencer wird zunächst einmal selbst beeinflusst, bevor er andere beeinflusst. Daher sind die Durchlauferhitzer des Trends auch nicht dazu fähig, einen eigenen Stil zu entwickeln. Es ist eine lustige Fußnote der Zeitgeschichte, dass ausgerechnet solche Leute dann gern von Haltung reden.

          Rotes Licht: Die Abendsonne erhellt die Zegna-Kollektion vor dem Palazzo Mondadori, den Oscar Niemeyer vor 50 Jahren baute. Bilderstrecke

          Da hat Miuccia Prada schon mehr Charakter. Die 69 Jahre alte Designerin hält ihre Schau allerdings ausgerechnet während des Weltmeisterschafts-Spiels zwischen Deutschland und Mexiko ab. Kleine Rache der Italiener für ihre Nicht-Teilnahme? Wenn, dann war es ein Eigentor. So ist zumindest von einem wichtigen deutschen Stylisten verbürgt, dass er seinen Schmerz gleich um die Ecke, im „Mon Bistrot“ an der Via Cadore, mit Negroni-Cocktails hinunterspülte – statt entweder Bier zu trinken oder doch noch der Modegöttin zu huldigen, die nicht so einen schlechten Abend hatte wie seine Viertelgötter auf dem Rasen.

          Denn sie bewies wirklich Haltung. Die retrofuturistischen Blümchenmustern bekommt niemand so hin, die kurzen engen Hosen sind ein guter Gegensatz zu den allgegenwärtigen Männer-Culottes in Überweite, und die Farbkombinationen (Türkis und Braun!) entstammen den eigenen Codes, die gar nicht formuliert sein müssen, weil sie vorbewusst da sind.

          Eine klare Botschaft

          Aber auch hier, wie überall: dicke Sneaker. Wahlweise werden sie als „Dad Sneaker“, „Ugly Sneaker“ oder „Chunky Sneaker“ bezeichnet. Das Modell „Triple S“ von Balenciaga, knapp 700 Euro teuer, hat mit seiner klobigen Sohle große Spuren hinterlassen. Auf den Straßen von Mailand werden die bislang bestimmenden weißen Retro-Sneaker à la Stan Smith nun durch Plastikberge ersetzt, die an den Storchenbeinen von Influencerinnen aussehen wie Betongewichte, mit denen die Mafia ihre Gegner in Gewässern versenkt. Und den Designern fällt für die Laufstege auch nicht mehr ein als diese Monokultur der Hässlichkeit. Auch im nächsten Frühjahr und Sommer wird das also so weitergehen.

          Schön also, dass es noch Marken gibt, die an ihrer eigenen Geschichte arbeiten. Sunnei zum Beispiel ist noch nicht alt, sendet aber eine klare Botschaft aus. Tod’s erfindet den Gommino-Mokassin neu und arbeitet mit Fiat-Erbe und Stilvorbild Lapo Elkann zusammen. Dem deutschen Designer Philipp Plein, dessen Schauen immer zu laut und zu präpotent sind, muss man zugestehen, dass er bei seinem Stil bleibt – und so viel Erfolg hat, dass am Samstagabend an der Via Manzoni Hunderte, die keine Eintrittskarte haben, unbedingt hinein wollen. Und Giuseppe Santoni machte bei seiner Schuh-Präsentation den Entertainer Roberto Tagliani und den Eismacher Paolo Brunelli zu Markenbotschaftern all’italiana – besser ließ sich am Sonntag nirgends Eis essen und dazu „Gelato Al Cioccolato“ singen.

          Und auch Ermenegildo Zegna spielt sich vor klassischem Hintergrund ab. Designer Alessandro Sartori setzt seine Entwürfe ins weiche Licht der untergehenden Sonne, vor eine spektakuläre Kulisse in der Nähe des Flughafens Linate. Der Palazzo Mondadori, Sitz des gleichnamigen Verlags mit Berlusconis Tochter Marina als Vorstandsvorsitzender, ist ein Meisterwerk moderner Baukunst. Das Gebäude erhebt sich wie ein Monument aus der flachen Landschaft, mit bronziertem Glas und sandfarbenen Parabelbögen wie aus einer anderen Zeit.

          Dank Form und Farbe scheint der Palast zu schweben. Oskar Niemeyer hatte im Auftrag der Mailänder Verlegerfamilie dazu just in jenem bewegten Jahr 1968 gemacht, in dem auch die Firma Zegna neue Wege beschritt. Der traditionsreiche Stoffhersteller entschied sich damals, auch selbst sein Geschäft mit Stoffen und Tuchen erst auf Ready-to-wear-Anzüge auszuweiten. Der Zulieferer großer Modelabels machte sich selbst zur Marke.

          Heute ist Ermenegildo Zegna eines der führenden Häuser für Herrenmode in der Welt - Anbieter klassischer Anzüge und neuer Sportlichkeit; Ein- und Zweireihern aus Merino- und Vicuñawolle neben Sneakern aus weißgegerbtem Kalbsleder, Jumpern, Hosen und Hemden im unbeschwerten Pluderstil der Techno- und Hip-Hop-Generation. Zegna setzt die kommende Saison auf leichte Stoffe, weite Schnitte und viele helle Farben, pink und grau, gelb und blau, scharfe Linien, weiche Rundungen und klare Silhouetten.

          Kreativdirektor Alessandro Satori spiegelte mit seiner zweite Sommerkollektion auf dem Laufsteg die in Beton gegossene und vom roten Abendlicht unterstrichene Leichtigkeit von Niemeyers fünfzig Jahre altem Meisterwerk wider.

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