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Luxushäuser im Resale-Rausch : Taschen von damals für heute

  • -Aktualisiert am

Pailletten-Tasche in Violett von Fendi: Neuauflage eines alten Designs Bild: Fendi

Vintage ist derzeit eines der größten Themen in der Mode, auch für Luxushersteller wie Dior und Fendi – mittlerweile wächst der Markt so stark, dass er eigenständig Trends hervorbringt.

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          Meine erste Saddle Bag habe ich gekauft, als ich gerade „Sex and the City“ schaute. In der dritten Staffel kann sich die Journalistin Carrie Bradshaw eine ganze Kollektion von Dior-Taschen leisten, die aussehen wie hübsch dekorierte kleine Sättel. Ich bin auch Journalistin und habe mir ebenfalls ein paar – nämlich drei – Saddle Bags geleistet. Allerdings 17 Jahre, nachdem die dritte Staffel erstmals ausgestrahlt wurde. Da kosteten die Taschen, die John Galliano ursprünglich für Christian Dior entworfen hatte, bei Vestiaire Collective, dem Onlineshop für Vintage, nur noch zwischen 150 und 200 Euro. Das war 2017.

          Als ich die Tasche später trug, kam sie meinen Kolleginnen, die älter als 35 waren, gar nicht so alt vor. Alle, die Anfang der nuller Jahre, so wie ich auch, erst zwölf waren, unter ihnen auch Mitarbeiter von Dior, waren begeistert von meiner Tasche. 2018 dann legte Maria Grazia Chiuri, die aktuelle Kreativdirektorin des Hauses, die Saddle Bag neu auf.

          Ähnlich ist es mit meiner ersten Baguette Bag von Fendi gelaufen. Sie ist mit lilafarbenen Pailletten besetzt, und wenn ich sie trage, habe ich manchmal Angst, dass ein Dieb um die Ecke kommen könnte, um sie mir abzunehmen. So ist es Carrie Bradshaw in „Sex and the City“ passiert, mit genau dieser Tasche. Mein Modell von 1999 kann man nun in der Neuauflage auch wieder bei Fendi kaufen – für 3000 Euro.

          In den zehner Jahren wieder tragbar: Fendi-Baguette-Bag aus den Neunzigern Bilderstrecke

          Die beiden Taschen sind beispielhaft für eine interessante Entwicklung im Accessoire-Geschäft: Taschen, die längst Vintage sind, kehren zurück in die Boutiquen, als Neuauflage. Auch die alten Teile von damals sind deshalb entsprechend gefragt. Das bestätigen Zahlen von Vestiaire Collective: Für Diors Saddle Bag sowie Fendis Baguette Bag ist die Suche in diesem Jahr um 100 Prozent gestiegen, die Preise haben sich häufig verdoppelt, meistens vervielfacht.

          Eine meiner berühmtesten Mitstreiterinnen auf der Vintage-Suche ist niemand geringeres als Kim Kardashian. Wobei sie vermutlich nicht um zwei Uhr nachts ein Gebot auf Ebay für Korsett-Pumps von Tom Ford für Gucci Frühjahr/Sommer 2004 abgibt. Das erledigt wohl, wenn überhaupt notwendig, ein Assistent. Jedenfalls fotografiert sie sich seit einem Jahr immer wieder in echten Vintage-Highlights.

          Das pinkfarbene Kleid von Thierry Mugler stammt aus dem Jahr 1999, die Haute-Couture-Catsuits von Azzedine Alaïa sind von 1990. Zu ihrer Sammlung gehört auch der Gucci-G-String, ein großer Entwurf der Modegeschichte: zwei ineinandergeschlungene Gs auf dem Steißbein, so hoch wie Tom Ford ihn bei Gucci 1997 zog. Das kleine Stück Stoff wird für mehrere tausend Euro gehandelt. Sofern man mal die Chance hat, eines zu bekommen.

          Die neunziger und nuller Jahre sind in den zehner Jahren nicht nur zum Trend geworden – Vintage ist überhaupt eines der größten Themen der Mode, für Marken wie Fendi oder Dior und für Kunden wie mich. Sophie Hersan, Mitgründerin von Vestiaire Collective, kann das bestätigen. „Marken passen sich den Wünschen ihrer Kunden heute schneller an, und wenn die Vintage-Stücke eines Labels kaufen, sind Re-Editionen eine logische Konsequenz.“ Vor ihr liegen aktuelle Statistiken über Suchanfragen und Preissteigerungen, die für Modehäuser nicht uninteressant sein dürften. „Vor ein paar Jahren wollte die Saddle Bag niemand, wir haben sie verkauft, weil sie günstig war.“ Mittlerweile kostet eine Saddle Bag von damals um die 1000 Euro. Hier hat die Neuauflage den Preis noch mal ordentlich nach oben getrieben.

          Dass Designer sich vom Archiv der Marke, für die sie entwerfen, inspirieren lassen, ist nicht neu. Der wachsende Vintage-Markt aber wird für sie ein immer wichtigerer Indikator dafür, was auch in der Gegenwart laufen könnte.

          Der Resale-Markt boomt

          Auch die Besitzer, die ihre alten Stücke loswerden wollen, profitieren, sobald ein aktueller Designer die Arbeit des Vorvorvorgängers zitiert hat. Die Herbstkollektion von Celine ist ein schönes Beispiel. Kreativdirektor Hedi Slimane spulte in der Geschichte des Hauses weit zurück. „Sobald die Laufstegbilder veröffentlicht waren, ist die Suche nach Vintage-Celine aus den siebziger Jahren um 200 Prozent gestiegen“, sagt Hersan. Wenn erst mal ein Trend definiert ist, steigen sofort die Preise. Dann muss man schnell sein.

          Gemäß Zahlen des Analyseunternehmens Global Data von diesem Jahr wächst der Resale-Markt für Mode zur Zeit 21 Mal schneller als der Handel mit neuer Ware. „Vor zehn Jahren hatten Luxushäuser Angst vor dem Resale-Markt. Jetzt geht es darum, wie wir zusammenfinden“, sagt Hersan. Manche Marken überhäufen Resale-Plattformen wie die amerikanische Website The Real Real noch mit Klagen, weil sie vermeintlich gefälschte Taschen nicht als solche erkennen und damit der Marke schaden. Stella McCartney wiederum unterstützt den Resale-Markt und vergibt in einer Kooperation mit The Real Real einen 100-Dollar-Gutschein, wenn man seine getragenen Teile der Modemacherin dort verkauft.

          Viele beobachten genau, was Kunden bei Vestiaire Collective kaufen und verkaufen. „Das sind natürlich die Daten, die Marken interessant finden“, sagt Unternehmenschef Maximilian Bittner. „Mich interessiert es aber nicht, den Marken einfach eine Datenbank zu schicken. Ich möchte ihnen zeigen, welche Konsumenten sich für ihre Marke, ihre Designer und ihr Produkt interessieren, und den Konsumenten gleichzeitig die Möglichkeit geben, den Marken zu folgen.“ Denn die Daten sind auch für Kunden interessant.

          Das beobachte ich an mir selbst: Eine perlenbestickte Tasche von Fendi, die ich vor drei Jahren für 230 Euro gekauft habe, wird bei Vestiaire Collective gerade für 1386 Euro angeboten. Sollte ich meine Taschen jetzt verkaufen? Bittner brennt darauf, mir in Zukunft zeigen zu können, wie viel meine Garderobe gerade wert ist. „Interessant sind nicht die ersten zehn Suchbegriffe, sondern die höchsten Sprünge, wenn ein Suchbegriff plötzlich von Platz 387 auf 150 springt.“ Dann kommt Vestiaire Collective und fragt: Hey, tragen Sie Ihre Saddle Bag noch, oder haben Sie vielleicht Lust, sie zu verkaufen? Es könnte Geld bringen.

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