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Luca Guadagnino : „Ich habe in meinem Traumhaus gedreht“

Muse Tilda Swinton

Seine eigene Muse hat er vor Jahren in Tilda Swinton gefunden. Mit ihr drehte er drei Filme. Für „A Bigger Splash“ änderte er auf ihren Wunsch sogar das Drehbuch. Sie erzählte die Geschichte in Venedig einmal so: „Luca kam mit dem Drehbuch, aber ich hatte eigentlich überhaupt keine Lust, in dem Jahr einen Film zu machen, ich wollte einfach nicht sprechen. Also sagte er: Gut, dann sprichst du eben nicht.“ Im Film hat ihre Figur, eine Rocksängerin, gerade eine Stimmband-Operation hinter sich und gibt mehr als zwei Stunden lang fast keinen Laut von sich. Ob die Beziehung zu Swinton diese Magie habe, von der er sprach? Da wird er fast schon verlegen, findet es anmaßend, so etwas zu behaupten, da müsse man Tilda schon selbst fragen. Sie bezeichnete seine Filme einmal so: „Aufpoliert und geschliffen sind die letzten Begriffe, mit denen ich seine Arbeit beschreiben würde, und das meine ich als großes Kompliment. Da ist nichts geglättet, verborgen oder unterdrückt. Vielmehr gibt es eine sensible Ursprünglichkeit und Impulsivität, etwas Heidnisches und zutiefst Wildes.“

Mit Tilda Swinton (Mitte, hier während der Berlinale 2010) arbeitete Regisseur Guadagnino bereits für drei Filme zusammen.
Mit Tilda Swinton (Mitte, hier während der Berlinale 2010) arbeitete Regisseur Guadagnino bereits für drei Filme zusammen. : Bild: dpa

Drehbuch, Regie, Besetzung und Schnitt bestimmt er selbst. Man könnte Guadagnino als Autorenfilmer der alten Schule im Sinne François Truffauts sehen. Er selbst bezeichnet sich lieber als Kontrollfreak. Darüber hinaus ist er ein Vertreter des politischen Kinos. In seinen Filmen bricht immer wieder aktuelle Politik in die sinnliche Ästhetik. Im Thriller „A Bigger Splash“ ist es die Flüchtlingskrise, die in die glänzende Welt der reichen Protagonisten eindringt, in „Call Me By Your Name“ beginnt gerade die Ära der Sozialisten unter dem Ministerpräsidenten Bettino Craxi, der später der Korruption überführt wurde. Guadagnino recherchiert für seine Filme genau und versteckt Hinweise in kleinsten Details. Als Elios Eltern fernsehen, sieht man für einen Moment Beppe Grillo, der die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien anführt und sich zu Beginn der achtziger Jahre tatsächlich noch als Satiriker im italienischen Fernsehen über die Sozialisten lustig machte.

Alle stehen zu ihren Gefühlen: Elio (Thimothée Chalamet) und Marzia (Esther Garrel)
Alle stehen zu ihren Gefühlen: Elio (Thimothée Chalamet) und Marzia (Esther Garrel) : Bild: Sony Pictures Entertainment

„Eine politische Einstellung ist beim Filmemachen Voraussetzung. Alles ist politisch. Selbst die größten romantischen Komödien der neunziger Jahre sind politisch. Aktualität ist nicht der politische Aspekt meiner Arbeit. Es geht mehr darum, eine Geschichte in einer bestimmten Umgebung zu erzählen. Wenn man also einen Film dreht, der im Sommer auf der Mittelmeerinsel Pantelleria spielt, dann muss einem bewusst sein, dass an den Ufern der Insel Boote mit Flüchtlingen ankommen. Wenn man einen Film dreht, der im Juni 1983 in einer Intellektuellen-Familie spielt, dann müssen die politischen Ereignisse hineinspielen. Ich will das alles organisch gestalten, wie das Hintergrundgeschehen die Protagonisten beeinflusst. Politisch ist für mich, was das Publikum am Ende aus meinem Film mitnimmt. Politisch an 'Call Me By Your Name' ist die Unvoreingenommenheit dem Fremden gegenüber und die Fähigkeit, dieses Fremde ohne Rückhalt zu lieben. Keiner wendet moralische Codes an, die von Religion oder Herkunft beeinflusst sind. Alle hören darauf, wer man ist und was man fühlt. Ich glaube auch daran, dass man Verlangen nicht wegsperren kann. In diesem Film geht es nicht vordergründig um Homosexualität, sondern darum, ehrlich damit umzugehen, was man begehrt. Elio, Oliver und ihre Freundin Marzia sind alle ehrlich in ihrem Verlangen. Und sie sind damit ihrer Zeit und Italien im Allgemeinen weit voraus. Natürlich ist es schlimm, noch immer kein Gesetz für die gleichgeschlechtliche Ehe zu haben. Aber das mit dem fehlenden Folterverbot finde ich noch gravierender, nur so konnten Dinge wie 2001 in Genua während der G8-Proteste überhaupt geschehen, als in einer Kaserne der Staatspolizei festgenommene Demonstranten gefoltert worden sein sollen. Ich bin zu verwirrt und verbittert über das, was in Genua passiert ist, um mich vollkommen auf die Gleichberechtigung und gleiche Eherechte konzentrieren zu können. Leute, die damals unter Silvio Berlusconi in der Regierung waren, sind immer noch da. Wir sollten uns deshalb nicht auf unsere kleinen privaten Triumphe zurückziehen, wenn es noch immer solch eine öffentliche Wunde gibt. Würde der Film 2001 spielen, hätte Elio sicherlich an den Demonstrationen teilgenommen.“

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