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Louis Vuitton in Paris : Im Lack glänzt die Verheißung

Im kurzen Trend der Zeit: die Minikleider von Nicolas Ghesquière für Louis Vuitton Bild: Fricke, Helmut

Das Debüt von Nicolas Ghesquière bei Louis Vuitton begeistert die Fachwelt – und wird die Massen überzeugen müssen.

          3 Min.

          Um 10.12 Uhr endlich heben sich die Lamellen, das Tageslicht strömt herein ins Zelt im Hof des Louvre, und die Scheinwerfer künden einen großen Auftritt an. Aber wo kommt jetzt das erste Model? Augen rechts, die Augen links, Augen rechts: Im Gewirr der Gänge ist es ein Wunder, dass die Mädchen wissen, wo es langgeht.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Zwölf Minuten nach der Zeit – hat das etwas zu sagen? Der Vorgänger von Nicolas Ghesquière, der an diesem Mittwochmorgen in Paris sein Debüt als Chefdesigner bei Louis Vuitton gibt, begann immer überpünktlich: Es war so etwas wie eine Manie des späten Marc Jacobs, den Modeleuten zu zeigen, dass er der Herr der Zeit und des Geschehens ist. Nicolas, wie ihn alle seine Fans nennen, also fast alle Gäste hier, geht ein wenig entspannter mit den Codes des Luxushauses um. Das ist die erste Botschaft.

          Für den Zuschauer ist das keine reine Freude. Denn so hat man Zeit, die persönliche Notiz von Nicolas zu lesen, die an jedem Platz ausliegt – und da redet er doch wirklich davon, dass wir „nun Zeuge werden“ seiner ersten Schau bei Vuitton, dass es ihm „eine große Freude“ sei, dass es ihm um „die inspirierende Geschichte“ gehe, „die in die Zukunft und in die Welt blickt“. Wenn seine Kleider genauso schlecht redigiert sind – dann wird er kein Gott in Frankreich werden. Aber das muss er einfach. Kein Moment wurde in der nach Sensationen gierenden Szene seit einem halben Jahr mehr herbeigesehnt als dieser. Seit Marc Jacobs´ Adieu erging sich das auch in Marketingstrategien führende Luxushaus in Geheimnistuerei.

          Der Neue: Nicolas Ghesquière nach seiner Schau Bilderstrecke
          Der Neue: Nicolas Ghesquière nach seiner Schau :

          Nicolas Ghesquière, der 1971 im Norden von Frankreich geboren wurde und in zweieinhalb Jahrzehnten Paris eine Gemeinschaft der Gläubigen aufbaute, hat seit seiner Ernennung zum neuen Chefdesigner vor vier Monaten kein einziges Interview gegeben. Für dieses Jahr sind nur Gespräche mit der amerikanischen „Vogue“ und einer französischen Modezeitschrift zugesagt. Die Spannung wird noch dadurch erhöht, dass nur wenige hundert Gäste geladen sind – ein Affront, der in Exklusivität umgedeutet wird.

          Mit Verknappung kennt sich Nicolas Ghesquière aus. Denn als Chefdesigner bei Balenciaga ließ er von 1997 bis 2012 nur wenige Auserwählte in seine Schauen – aus ganz Deutschland zum Beispiel meist nur zwei Journalisten. Der exklusive Zugang sollte seinen Kollektionen entsprechen, die Cristobal Balenciagas Ideen in eine hochartifizielle retrofuturistische Formensprache überführten. Leider verknappte die Verknappungsstrategie am Ende auch die Umsätze der Marke. Balenciaga setzt daher nun auf den kommerzieller arbeitenden Designer Alexander Wang. Nicolas Ghesquière schied im Streit, ein Arbeitsrechtsprozess ist noch anhängig.

          Eigensinn wird sich Ghesquière bei LVMH nicht leisten können. Bernard Arnault, der Chef des größten Luxuskonzerns der Welt, hat nicht umsonst im vergangenen Sommer seine Tochter Delphine zur stellvertretenden Geschäftsführerin der wichtigsten Marke in seinem Reich ernannt. Sie wird darauf achten, dass all die Ideen vom Laufsteg auch in den Laden kommen. Marc Jacobs hat das bei allen Capricen geschafft. In 16 Jahren formte er gemeinsam mit Arnault und dem inzwischen ausgeschiedenen Vuitton-Geschäftsführer Yves Carcelle aus der Reisegepäckfirma einen Luxuskonzern, mit wachsendem Anteil der Damen- und Herrenmode am Gesamtumsatz. Nicolas ist gewillt, das fortzusetzen.

          Im Atelier an der Rue du Pont Neuf ist er nicht nur hundertprozentig anwesend: „Man sieht ihn Tag und Nacht“, sagen Mitarbeiter – als Anspielung auf Jacobs, der in New York, wo er seine eigene Marke führte, immer seinen Lebensmittelpunkt hatte. Noch einen Vorteil hat Ghesquière: Er ist Franzose. Bei all den Ausländern in Pariser Häusern wie Raf Simons (Dior), Phoebe Philo (Céline), Clare Waight Keller (Chloé), Alexander Wang (Balenciaga) und natürlich Karl Lagerfeld (Chanel) tut das den Franzosen gut.

          Er muss sich und allen also etwas beweisen – und er tut es. Seien es die taillierten Jacken, seien es die spitzen Schuhe mit Leder-Beinlingen, die wippenden Miniröcke: Alles hat hier Sinn und Form. Das braune Leder und die Lederintarsien heben die Materialkompetenz des Hauses hervor. Die Minikleider im Sechziger-Jahre-Stil schwingen im kurzen Trend der Zeit. Das „material blocking“ von Leder und Wolle im Diagonalschnitt setzt auch diesen Trend neu zusammen. Gleichzeitig erinnern die grafische Linienführung und einige skulpturale Formen an seine Balenciaga-Vergangenheit. Im Lackleder glänzt Verheißung.

          10.23 Uhr. Die Lamellen gehen runter, die Mädchen drehen noch eine Runde, und seine Fans, also fast alle, jubeln Nicolas zu, der selbstbewusster auf den Laufsteg springt, als man es bei einem so höflichen Menschen erwartet. „Er hat es genau richtig gemacht“, sagt Jean Paul Gaultier, bei dem Ghesquière seine Karriere begann. „Eine starke Aussage und zugleich tragbar und verkäuflich.“ Stylistin Carine Roitfeld stimmt zu „It was very Nicolas.“ Ob sie auch was davon tragen wird? „Wenn es passt! Na ja, vielleicht eher meine Tochter.“ Und Christian Louboutin, wie so viele weitere Designer zu Gast, hat nicht einmal an den Schuhen etwas auszusetzen. Nicht nur die Mode, auch die geschäftlich noch wichtigeren Accessoires, hatte heute also einen starken Auftritt.

          Und während Nicolas Ghesquière backstage von russischen Milliardärstöchtern, britischen Chefredakteurinnen und französischen Schauspielerinnen in Serie geherzt wird, zählen die Damen all die Teile auf, die sie haben möchten. Gaia Repossi von der gleichnamigen Schmuckmarke hat sogar schon eines, eine kleine Handtasche in Form einer Box, die aussieht wie ein Miniatur-Überseekoffer, mit Krokodilleder eingefasst, mit Gold beschlagen. „Hat er mir gestern vorab geschickt.“

          Dieser Mann weiß also, wie man Frauen behandelt. Aber was passt da überhaupt rein? „Visitenkarten, Schlüssel, Kreditkarte – und Handy.“ Das hat sie aber in der Hand, weil es dauernd piept. Jeder will wissen, wohin die Reise geht bei Louis Vuitton.

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