https://www.faz.net/-hrx-8i43j

Louis Vuitton : „Unser Duft wird kein Parfum du jour“

  • Aktualisiert am

Rampen wie die Kurven eines Körpers: Louis-Vuitton-Schau am MAC-Museum im brasilianischen Niterói im Mai. Bild: AP

Louis Vuitton macht neben Mode jetzt auch Parfums. Doch an Couture wagt sich das Pariser Luxushaus nicht heran. Vuitton-Chef Michael Burke erklärt die neueste Erweiterung.

          Mister Burke, Sie kommen gerade aus Brasilien zurück, wo Louis Vuitton in Niterói die Cruise Collection, eine Zwischenkollektion, gezeigt hat, am MAC-Museum, das Oscar Niemeyer entworfen hat. Wie war’s?

          Wunderbar. Ich habe Niemeyer im Jahr 2011, ein Jahr vor seinem Tod, noch getroffen. Nach unserer Schau zu den Olympischen Spielen in Peking wollten wir auch vor Rio de Janeiro 2016 etwas Großes auf die Beine stellen. Schade, dass Oscar das nicht mehr erleben konnte. Aber sein Geist war da.

          Wieso aber ausgerechnet dort?

          Es muss passen. Und weil Niemeyer mir sagte, er habe die Rampe des Gebäudes wie die Kurven eines Körpers geformt, fand er die Idee einer Modenschau sofort gut.

          Brasilien scheint regelrecht modehungrig zu sein.

          Ja, sie sind dort sehr fashion forward. Während der Umsatz mit Mode bei Louis Vuitton insgesamt nur im einstelligen Prozentbereich liegt, ist er in Brasilien zweistellig.

          Die Orte von Cruise-Schauen sollen immer etwas symbolisieren: Chanel in Kuba, Gucci in der Westminster Abbey. Was wollten Sie aussagen?

          Natürlich geht es um die Olympischen Spiele, auch um Südamerika als einen Markt, der wichtiger wird. Aber mit der Schau unterstützen wir auch Brasilien in schwierigen Zeiten und bringen viele ausländische Gäste herbei.

          Das Land steckt in einer politischen und wirtschaftlichen Krise.

          Genau in solchen Krisenzeiten muss man investieren. Das machen wir immer. Wir denken in langen Zeiträumen. Es geht nicht ums schnelle Business. Wir entwickeln eine enge Beziehung zu den örtlichen Kunden. Auch in China haben wir investiert, als alle meinten, das bringe nichts mehr.

          Viele Modemarken machen heute auch Couture, sogar der Herrenschneider Brioni präsentiert sich in drei Wochen bei der Couture-Woche. Warum wagt sich Louis Vuitton nicht in die hohe Schneiderkunst vor?

          Zunächst einmal sind wir ein Luxushaus, nicht zuallererst ein Modehaus. Monsieur Louis Vuitton war ja kein Couturier, bei uns ging es zunächst um Reisegepäck. Und überhaupt: Wenn Sie unser Prêt-à-porter sehen, erkennen Sie kaum einen Unterschied zu einer aufwendigen Couture-Kollektion. Aber man sollte nie „nie“ sagen.

          Louis-Vuitton-Chef Michael Burke

          Dafür gehen Sie nun ein anderes neues Produkt an: Parfums.

          Ja. Und das ist schon viel Arbeit. Vor allem braucht man Mitarbeiter, die in der Branche aufgewachsen sind. So haben wir es auch bei Schuhen, Uhren und Mode gehalten. Bei den Parfums war der Unterschied, dass wir früher schon welche im Angebot hatten.

          Das ist lange her. In Ihrer Ausstellung „Volez, Voguez, Voyagez“ im Grand Palais in Paris konnte man es vor kurzem sehen.

          Ja, zwischen 1927 und 1946 hat Louis Vuitton vier verschiedene Düfte herausgebracht: sehr fortschrittliche Parfums mit Flakons, die künstlerisch gestaltet waren. Darauf beziehen wir uns natürlich. „Heures d’Absence“ von 1927 - das klingt, als wäre der Name von Marcel Proust erfunden worden. Dann kam im Jahr 1928 „Je, tu, il“ . . .

          Ideal für Menschen, die Französisch lernen: So kennt man schon mal die wichtigsten Personalpronomen.

          So kann man es auch sehen. Ich meine: Wenn man an die gender fluidity von heute denkt, merkt man, wie modern der Name war. Dann kamen noch „Réminiscences“ und „Eau de Voyage“.

          Trotzdem: Vom Kern Ihrer Marke, also den Lederwaren, sind Parfums ziemlich weit entfernt.

          Vorweg muss man sagen: Louis Vuitton ist sehr zurückhaltend, was die Erweiterung der Marke angeht. Auch in diesem Fall. Die Verbindung zu unserem Kerngeschäft besteht schon darin, dass Leder, wenn es aus der Gerberei kam, immer parfümiert wurde. Darf ich einen ganz kurzen Exkurs zu Grasse machen?

          Gerne. Sie haben in der Stadt nördlich von Cannes Ihrem Parfümeur ein ganzes Forschungszentrum gebaut.

          Aber kaum jemand weiß, wie Grasse überhaupt zur Welthauptstadt des Parfums geworden ist.

          Ich nehme an, wegen der vielen Blumenplantagen und besonders der Jasminblüten.

          Nein, das kam nachher. In Grasse gab es im 15. und 16. Jahrhundert viele Gerber, weil dort das Wasser das ganze Jahr über floss, anders als an anderen provenzalischen Orten. So wurde Grasse zur Welthauptstadt der Handschuhmacher. Der größte Abnehmer dafür war der italienische Adel, der viel größer war als der französische. Im 16. Jahrhundert wurde es auch durch Katharina von Medici populär, Handschuhe parfümieren zu lassen. Also begann man in Grasse, Parfums zu machen. Und schließlich wurde aus dem Nebengeschäft das Hauptgeschäft.

          In der alten Gerberstadt Grasse: Seine Düfte lässt Louis Vuitton an der Quelle produzieren.

          Das ist für eine Lederwarenmarke eine schöne Geschichte.

          Fast zu schön, um wahr zu sein. Deshalb haben wir vor vier Jahren im Zentrum der Stadt ein wunderbares altes Gebäude aus dem 17. Jahrhundert, das lange unbenutzt war, aufwendig wieder herrichten lassen: „Les Fontaines Parfumées“. Es heißt so, weil das Wasser aus der Quelle im Haus parfümiert und dann verkauft wurde. Dieses Haus starrte uns förmlich an. Also haben wir es gekauft und zu neuer Blüte gebracht.

          Wie viel haben Sie da investiert?

          Genug!

          So wichtig wie die Renovierung des Gebäudes wird der Maître Parfumeur sein, der Ihre Düfte erfindet.

          Ja, Jacques Cavallier Belletrud wurde in Grasse geboren und hat viele Düfte erfunden. Auch seine Vorfahren waren Parfümeure - sein Vater stand hinter den Düften von Christian Dior.

          Nun gibt es heute mehr als genug Parfums, und jedes Jahr kommen viele weitere auf den Markt. Wo ist da Ihre Marktlücke?

          Unser Düfte - der erste kommt im September heraus - werden kein „Parfum du jour“ sein. Jeder Duft wird bleiben. Wir sind eben keine Parfum-Marke, sondern ein Luxushaus, das auch Parfums macht. Das wird uns davor bewahren, bei einem unsinnigen Wettlauf mitzumachen.

          Es wird also auch nicht in Parfümerien zu haben sein?

          Nein. Bei der großen Konkurrenz und den vielen Düften geht es in vielen Parfumabteilungen ja oft chaotisch zu. Da nehmen wir das Tempo raus. In diesem Jahr wird der erste Duft in 180 unserer eigenen Geschäfte zu haben sein. Nach und nach werden sie in 400 Louis-Vuitton-Geschäften verkauft.

          So ziehen Sie auch mehr Kunden in die eigenen Läden.

          Ja, es ist exklusiver, und man hat Zeit, den Duft auszuprobieren. Auf guten Service muss man übrigens schon deshalb achten, damit es nicht so viele Retouren gibt von enttäuschten Kunden.

          Was Sie damit verdienen, wird nur einen kleinen Prozentsatz Ihres Gesamtumsatzes ausmachen.

          Ja, relativ gesehen ist ein Umsatz im einstelligen Prozentbereich wenig. Aber absolut gesehen, also in Bezug auf den Umsatz von Louis Vuitton, ist es natürlich ein schönes Geschäft.

          Zunächst kommt ein Damenduft heraus. Wann folgen die Männer?

           Innerhalb von 18 Monaten.

          Wie viele Düfte wird es insgesamt geben?

          Innerhalb des nächsten Jahrhunderts? Hängt ganz davon ab, wie lange dieses Interview noch dauern wird! Nein, im Ernst: Es wird wohl alle ein oder zwei Jahre einen neuen Duft geben. Uns kommt es auf die lange Sicht an.

          Für Parfums braucht man nicht so viel Platz. Sie müssen also Ihre Läden dafür nicht umbauen.

          Täuschen Sie sich nicht! Es ist ein echtes Unterfangen, den Parfumverkauf zu integrieren. Denn jeder unserer Stores ist anders, und retro-fitting ist nicht so einfach. Man kann da nicht einfach eine Theke reinstellen.

          Arbeitet eigentlich Ihr Chefdesigner Nicolas Ghesquière an den Düften mit?

          Er war immer eingeweiht, und er sagt seine Meinung. Aber er muss das nicht selbst machen. Bei einer kleinen Modemarke kann der Designer alles selbst machen. Aber bei uns kann sich niemand um alles kümmern.

          Wenn denn der Markenkern von Louis Vuitton so groß ist: Welche neuen Produkte könnte es noch geben? Und wo sind die Grenzen?

          Wichtig für uns ist gerade das Thema connectivity, also Anschlussfähigkeit. Das gehört zu unserem Großthema Reisen. Wir sind ja alle Nomaden geworden und dauernd unterwegs.

          Mit wem arbeiten Sie daran?

          Das kann ich natürlich nicht sagen. Aber es geht darum, wie man reist. Da müssen wir dabei sein.

          Und was gibt’s sonst Neues?

           Eins nach dem anderen. Es geht uns nicht darum, trendy zu sein. Wir haben ja noch die ganze Ewigkeit vor uns.

          Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

          Weitere Themen

          Käfer in cool Video-Seite öffnen

          Bei Äthiopiern beliebt : Käfer in cool

          In Äthiopien sind gerade Jahrzehnte alte VW Käfer wieder in, die auf alle erdenklichen Arten „gepimpt“ werden. So wird aus dem Auto der Alten ein Fashion Statement – dessen Wert hoffentlich steigt.

          Topmeldungen

          Thomas Cook ist pleite : Was Reisende jetzt wissen müssen

          Die Insolvenz des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verunsichert Tausende von Urlaubern. Geht mein Geld verloren? Wie sicher ist das Absicherungsversprechen? Die wichtigsten Fragen und Antworten für Reisende.
          Einer für alles: Aktuelle Samsung-Fernseher haben auch die Apple-TV-App installiert.

          Video-Streaming im Überblick : Was gibt es da zu glotzen?

          Netflix, Amazon, Sky und jetzt noch Apple: Video-Streaming ersetzt immer mehr das klassische Fernsehen. Das Angebot wird vielfältiger und der Zugang komfortabler.
          Stephan E. soll den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet haben.

          Geheimpapier : Falsche Angaben im Fall Lübcke?

          Der hessische Verfassungsschutz soll im Vorfeld mehr über Lübckes mutmaßlichen Mörder gewusst haben, als zunächst zugegeben wurde. Ein Geheimpapier belastet die Behörde.
          Das Mercedes-Benz Logo auf dem Turm des Hauptbahnhofes in Stuttgart.

          Brandbrief : Daimler-Vorstand rüttelt die Belegschaft wach

          Der Daimler-Vorstand Ole Källenius will mit einem Brandbrief seine Führungskräfte wachrütteln: Daimler will kurzfristig mindestens 4,2 Milliarden Euro einsparen. Die Mitarbeiter sollen selbst Ideen dafür finden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.